Interpol - Turn On The Bright Lights - Cover
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Interpol Turn On The Bright Lights


  • Label: Labels/EMI
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Interpol präsentieren eine höchst unterhaltsame Mischung aus Dark Wave und BritPop, die momentan ihres Gleichen sucht.

Nach den Strokes wagt die nächste New Yorker Rock'n'Roll Newcomer-Band den Angriff auf die Gehörgänge dieser Welt: Interpol. Dabei handelt es sich um vier junge Burschen, die sich auf dem Campus eines New Yorker College kennen gelernt haben und beschlossen, gemeinsam Musik zu machen. Was auch sonst? Ihr Sound orientiert sich, ähnlich wie bei den Kollegen der Strokes, an Bands der späten 70er- und 80er-Jahre und vor allem am BritPop!

Wie es sich für einen ordentlichen Hype gehört, rankten sich bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Debüts „Turn on the bright lights“ obskure Anekdoten um die Gruppe. Wenn man zum Beispiel bestimmten Presse-Kollegen Glauben schenken darf, benötigt es für dieses Album nicht nur Lautsprecher und einen CD-Player. Zur obligatorischen Ausstattung wird zusätzlich ein dunkler Abend und eine gute Flasche Rotwein empfohlen. Nun gut, wenn das alles ist, soll das Unternehmen Interpol daran nicht scheitern. Wollen wir also mal sehen, ob die Herren Paul Banks (Vocals), Daniel Kessler (Gitarre), Carlos Dengler (Bass, Keyboard) und Samuel Fogarino (Drums) es schaffen, mit klassischer Instrumentierung und ohne Schnörkel, den so gern zitierten „geneigten Hörer“ für sich (Achtung: Wortspiel!) gefangen zu nehmen.

Das Werk entstand in den Tarquin Studios in Bridgeport, Connecticut, und wurde von Peter Katis (The Get Up Kids, Clem Snide, Mercury Rev) in Szene gesetzt. Insgesamt elf Songs werden zum Besten gegeben, wobei schon der Opener „Untitled“ deutlich macht, warum der eine oder andere Rezensent beim Genuss der CD Rauschmittel empfiehlt. Der Song verbreitet eine psychedelische Atmosphäre und wabert wie auf Wolken aus den Boxen, ohne allerdings auf den typischen Rumpel-Sound zu verzichten. Die Komposition wird von einer eleganten Bass-Melodie geleitet und führt einen nur spärlich eingesetzten Nöl-Gesang vor. Auch „Obstacle 1“ wummert etwas dumpf aus den Speakern, schlägt aber einen Haken weg vom New Yorker Noise-Rock hin zum spleenigen BritPop. Untermalt wird das Ganze von einem interessanten Gitarren-„Kling-Klang“. So könnten wohl auch Blur klingen, ohne ihre Fans zu verschrecken.

Erstes Highlight des Albums ist „NYC“. Eine hymnische Ode an die Heimat, die zur Abwechslung mal nichts mit den Geschehnissen des 11. September zu tun hat. Der Song klingt britischer als so manche BritPop-Horde von der Insel und flirtet ein wenig mit dem Pathos von Placebo. Dazu rollen Interpol einen feinen Soundteppich aus flirrenden Gitarren und sanften Grooves aus, während Sänger und Texter Paul Banks wie in einem Mantra mit den immer wiederkehrenden Zeilen „I had seven faces thought I knew which one to wear. I'm sick of spending these lonely nights training myself not to care. The subway is a porno. Pavements they are a mess. I know you've supported me for a long time. Somehow i'm not impressed. New York cares, New York cares, New York cares, New York cares. It's up to me now. Turn on the bright lights.“ seine Stadt beschwört. Vergleiche mit The Verve oder eben Placebo sind durchaus angebracht und nicht zu hoch gegriffen. „NYC“ ist quasi die „Bitter sweet symphony“ 2002!

„PDA“ ist ein locker flockiger Rocker mit leicht nervösem Takt, schrägen Gitarren und einer Hookline, die sich ganz langsam ihren Weg in das Langzeitgedächtnis bahnt. Hier kommen Interpol ihren Vorreitern aus New York (The Strokes) klangtechnisch am nächsten. „Say hello to angels“ gefällt durch einen extrem tief gestimmten Bass und einen Groove im Schweinsgalopp. Bei „Hands away“ klingt Paul Banks phasenweise nach Eddie Vedder und reiht seiner wandlungsfähigen Stimme ein weiteres Mosaiksteinchen an. Der Song ist wunderbar atmosphärisch aufgebaut und steigert sich von Sekunde zu Sekunde. Da wird auch der Einsatz von Streichern verziehen, die arg nach Synthesizer klingen. Leider endet das Vergnügen ziemlich schnell, als wenn Interpol Angst vor der eigenen Courage gehabt hätten, aus einem sehr guten Stück Musik ein grandioses zu basteln.

„Obstacle 2“ bedient sich bei The Cure, ist aber qualitativ nur eine Durchgangsstation zum zentralen Punkt der CD, dem 6 Minuten 30 langen Stück „Stella was a diver and she was always down“. Standesgemäß kündigt die Band den Song persönlich an und stellt damit die Bedeutung nochmals heraus. Doch so gut der Song auch sein mag, wird hier besonders klar, dass es sich bei der CD um kein Werk handelt, das man mal eben so nebenbei hören kann. Dazu sind die Kompositionen einfach zu dicht. Eventuell ließe sich „The new“, eine der poppigsten Kompositionen des Albums, dazu heranziehen. Nur kann es die Band auch hier nicht lassen, im Mittelteil dissonante Töne im Stile von Sonic Youth anzustimmen, die dem gemeinen Nu-Rock-Banausen übel aufstoßen werden.

Unterm Strich präsentieren Interpol eine höchst unterhaltsame Mischung aus Dark Wave und BritPop, die momentan ihres Gleichen sucht, aber qualitativ nicht ganz an die Brillanz der Strokes herankommt. Das vorhandene Potenzial des Quartetts gibt freilich Anlass zur Hoffnung, dass hier in den nächsten Jahren Großartiges auf uns zukommt.

Anspieltipps:

  • NYC
  • The new
  • Hands away
  • Leif Erikson
  • Stella was a diver and she was always down
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