Bon Jovi - Bounce - Cover
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Bon Jovi Bounce


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 49 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Gnade und Kraft der Musik, wird mit der Rauheit und Zärtlichkeit der Texte in Einklang gebracht.

Im Zuge der Veröffentlichung des neuen Albums „Bounce“ werden in diesen Tagen voller Stolz die bisher erreichten Verkaufszahlen in der Karriere Bon Jovis in Höhe von 93 Millionen Einheiten verkündet. Dabei sollte es allgemein bekannt sein, dass man hohe Plattenumsätze nicht mit künstlerischer Qualität gleichsetzen kann. Trotzdem muss man das achte Studioalbum der Herren Jon Bon Jovi , Richie Sambora , David Bryan und Tico Torres aus New Jersey zum Anlass nehmen, endlich mit gewissen Vorurteilen aufzuräumen.

Die Mär, Bon Jovi hätten den Hardrock verraten und wären zu Pop-Musikern mutiert, ist schlicht witzlos. Sicher waren die Gitarrenklänge in den 80er Jahren härter als heute. Nur stellt Jon Bon Jovi zurecht die Frage „Seit wann klangen Bon Jovi hart? Alles, was wir jemals waren, ist eine Rock-Band." Die ersten Werke „Bon Jovi“ (1984) und „7800° Fahrenheit“ (1985) kann man unter Umständen in die härtere Sparte der Rockmusik einsortieren. Nur waren Bon-Jovi-Melodien auch damals schon extrem poplastig und von jeher am Mainstream orientiert. Man höre nur die Songs „Runaway“, „Burning for love“ oder „She don’t know me“ vom Debütalbum an. Schon da war zu merken, dass die Songwriter-Ambitionen eines Jon Bon Jovi eher bei Bruce Springsteen, Billy Joel oder Southside Johnny & The Asbury Jukes anzusiedeln sind, als bei irgendwelchen Metal-Acts der 80er Jahre. „7800° Fahrenheit“ wird von der Band inzwischen als ihr misslungenstes Album bezeichnet, womit sie fraglos Recht hat. Songs wie „King of the mountain“, oder „In and out of love“ sind wirklich übelster Spandexhosenträger-Rock, während Balladen wie „Silent night“ mit billigen Keyboard- und Synthesizer-Klängen zugekleistert wurden. Kein Wunder, wenn man mit Bands wie Kiss, Judas Priest und den Scorpions auf Tour geht.

Ein richtiges Gesicht bekam die Musik Bon Jovis erst mit der Veröffentlichung der Millionen-Seller „Slippery when wet“ (1986) und „New Jersey“ (1988). Hier fand die Band ihren eigenen Stil, auch wenn Auftrags-Songwriter wie Desmond Child tatkräftig daran mitarbeiteten. Nur muss auch hier ganz klar festgestellt werden, dass die Songs, bis auf wenige Ausnahmen, nicht wirklich vor Härte strotzen. Von der damaligen Kritik wurden die Werke gar als Pop-Metal verschmäht. Die Vorwürfe haben sich im Prinzip also nie geändert. Dabei hat die Band lediglich einen Entwicklungsprozess konsequent fortgesetzt, der bei Freunden härterer Klänge beim bluesigen ´95er Werk „These days“ seinen negativen Höhepunkt fand. Aber dies ist wie gesagt Ansichtssache.

War man in den 90er Jahren relativ lange Pausen von jeweils vier Jahren zwischen neuen Bon-Jovi Platten gewohnt, melden sich die Jungs bereits zwei Jahre nach ihrem Mega-Erfolg „Crush“ zurück. Das 2000er Album wurde mit über acht Millionen verkaufter Einheiten zu einem weltweiten Erfolgshit. Die im Frühling 2000 herausgebrachte Single "It's my life", ihre erste Auskopplung seit 1996, wurde die erfolgreichste Bon-Jovi-Single aller Zeiten mit mehr als 1,5 Millionen verkaufter Exemplare weltweit. Damit hatte keiner rechnen können, zumal die Band erstmals auf die väterliche Unterstützung von Produzenten-Legende Bruce Fairbairn verzichten musste, da Fairbairn ganz unerwartet im Frühling 1999 verstarb. Der Formation blieb also nichts weiter übrig, als nach einem anderen Produzenten zu suchen. Obwohl natürlich gestandene, berühmte und erfahrene Produzenten der Szene im Gespräch waren, bekam den Job schließlich der Newcomer Luke Ebbin, der sich zusammen mit Desmond Child auch für „Bounce“ verantwortlich zeigt. Aufgenommen wurde wieder in den neu gebauten, hochmodernen „Sanctuary Sound II“-Studios auf Jon Bon Jovis Anwesen in New Jersey, wobei insgesamt 30 Songs im Vorfeld geschrieben wurden, von denen 12 aufs neue Album kamen (in Japan enthält „Bounce“ 14 Songs, in England 13).

Mitten in die Sessions fielen die Anschläge des 11. September, die die Gefühlswelt der Songwriter Bon Jovi und Sambora durcheinanderwirbelten und die Arbeit an der Platte in eine völlig andere Richtung führten. Laut Jon Bon Jovi wird auf „Bounce“ die Gnade und Kraft der Musik mit der Rauheit und Zärtlichkeit der Texte in Einklang gebracht. Ziemlich hochtrabende Worte, die einer Überprüfung bedürfen. Deshalb hier nun die ausführliche Track-By-Track-Rezension der CD:

Undivided
Der Song, der wohl am direktesten die Einflüsse des 11. September verarbeitet. Der Text bezieht sich darauf, dass die Anschläge das Denken und den Umgang der Menschen miteinander verändert haben. Das Lied soll Mut geben und ähnlich wie bei Bruce Springsteens „The Rising“ Hoffnung verbreiten. Die Kernbotschaft lautet: Zusammen sind wir stärker, als alleine. „Undivided“ zählt zu den „härteren“ Bon Jovi Songs. Die Gitarren klingen tiefer und Jon-Bon-Jovi bemüht sich ebenfalls um eine tiefere Stimmlage. Der beste Song des Albums - ganz ohne Schmalz und Pathos.

Everyday
Die erste Singleauskopplung. Sicher kein so großer Ohrwurm wie „It’s my life”, aber im Großen und Ganzen okay und relativ rockig. Der Text befasst sich ebenfalls im weitesten Sinne mit dem 11. September und will den Menschen sagen, dass sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren und ihr normales Leben leben sollen.

The distance
Song Nummer drei und noch immer keine Ballade. Das soll in Anbetracht der letzten Werke schon etwas heißen. Gut, „The distance“ ist kein besonders rockiger Track. Dazu hätte man vielleicht die Streicher weglassen müssen und das Tempo etwas erhöhen sollen. Trotzdem klingt die Komposition sehr bodenständig. Die Musik soll den Text wie einen Soundtrack begleiten und in seinem Verlauf, wie bei einer Kamerafahrt, tiefer in die erzählte Geschichte eingreifen. Man merkt, dass sich Mr. Bongiovi neben der Musik auch als Schauspieler verdingt. Die Message des Songs soll das Gefühl vermitteln, das jemand hat, wenn er ein lang umkämpftes Ziel erreicht hat.

Joey
Nun ist es soweit! Die erste (Halb-)Ballade. Der Text erzählt eine Geschichte aus der Sicht eines fiktiven Charakters. Quasi ein Blick durch ein Fenster in die Welt einer fremden Person. Eine Technik, der sich Mr. Springsteen ebenfalls gerne bedient. Der Song ist an Elton Johns „Levon” vom Album „Madman Across the Water“ (1972) angelehnt und steht ganz in der Tradition der großen Bon-Jovi-Balladen, ohne deren frühere Schmalzigkeit zu erreichen, was durchaus von Vorteil ist.

Misunderstood
Ein Song für jeden, dem schon mal die falschen Worte rausgerutscht sind und dann mit den Folgen leben musste. Klassisches Singer-/Songwriter-Material im Stil von Billy Joel oder Elton John. Die Melodie braucht eine Weile, um sich im Gedächtnis festzusetzen. Überdurchschnittliches Füllmaterial könnte man boshaft sagen. Die Fans werden den Song aber mögen!

All about lovin’ you
Das Stück orientiert sich an der Mega-Ballade „Always”. Damit ist klar, wohin der Zug musikalisch geht. Durch die Ereignisse des 11. September haben viele Menschen erkannt, dass die Liebe das einzige ist, was wirklich zählt. Davon handelt der Song und rückt die Prioritäten zurecht. Dazu wird die volle Schmuse-Breitseite aufgefahren, wie wir es von Mr. Bongiovi kennen. Könnte eine Single für das Weihnachtsgeschäft abgeben. Bon-Jovi-Hasser erhalten mit dem Song genau die Angriffsfläche, die sie benötigen.

Hook me up
Ein Bon-Jovi-Rocksong mit Nu-Metal Gitarren-Sounds. Dazu ein paar Geräusche aus der Sampler-Dose. So hat man New Jersey’s Best noch nie gehört! Man kann sich allerdings darüber streiten, ob das wirklich notwenig war. Der Text wurde durch einen Zeitungsartikel über einen jungen Palästinenser inspiriert, der auf besetztem Gebiet in einem Bunker sitzend mit einem alten Funkgerät verzweifelt Kontakt zur Außenwelt herzustellen versucht. Von Jon Bon Jovi äußerst „subtil“ umgesetzt („Hook me up. I’m reaching out for you. I know you can do it! Save me, save me, save me, save me....“).

Right side of wrong
Damit weiter zur nächsten Ballade im Cinemascope-Stil, schließlich haben wir es mit einem Bon-Jovi-Album zutun. Der Song ist ein typischer JBJ-Cowboy-Song in „Blaze of glory”-Tradition („A modern-day Butch Cassidy & The Sundance Kid story where good souls involved in wrong doing but with hearts in the right place”). Der Stück wächst mit jedem Hördurchgang, dürfte aber kaum als Single geeignet sein.

Love me back to life
Auch so ein kennzeichnender Jon-Bon-Jovi-Text. Darüber, einfach jemanden zu haben, der einen liebt und nach endlosen Tourneen und Aufnahme-Sessions auf den Boden zurückholt. Die Musik ist wieder ziemlich balladesk, wird aber durch kleine Gitarren-Tupfer aufgelockert. Trotzdem zählt „Love me back to life“ zu den schwächsten Kompositionen Bon Jovis der letzten 10 Jahre.

You had me from hello
„You had me from hello” ist ein Ausspruch von Cameron Crowe im Film “Jerry Maguire”, der Jon Bon Jovi dazu inspirierte, einen Text über jemanden zu schreiben, der in der Lage ist, immer wieder etwas Neues und Schönes an der Person zu entdecken, die man liebt. Hochromantische Ware also. Dementsprechend sparsam instrumentiert und purer Pop. Das sollte eigentlich genügen, um das Balladen-Konto vollzubekommen. Schließlich wurde das neue Werk als bahnbrechendes Rock-Album angekündigt. Davon ist bis hierhin nicht ganz so viel zu spüren.

Bounce
Der Titelsong des Albums ist eine Erklärung von Stärke und Trotz der New Yorker Bevölkerung und der Vereinigten Staaten an sich, aber auch eine Umschreibung für die annähernd 20 Jahre lange Karriere der Band. Dementsprechend geht es im Text zu Werke („Bounce, bounce, nothing’s gonna keep me down. Stand up, shoot it out. I play hard, I play to win. Count me out, count me in, I’ll be bouncing back again“). Der Song hat einen guten Groove und rockt ganz anständig. Etwas mehr Tiefgang in den Lyrics hätte dagegen nicht geschadet.

Open all night
Schlussendlich bietet der letzte Track der CD nochmals einen Einblick in die Welt des Films. Jon Bon Jovi trat in neun Folgen der Ex-Erfolgsserie „Ally McBeal” als Liebhaber Victor Morrison der durchgeknallten Anwältin McBeal auf. Es brauchte eine ziemlich lange Zeit, bis sich die Lovestory in der Serie entwickelte. Zu lange für das Empfinden Jon Bon Jovis. Wenn er das Drehbuch zu diesen Folgen geschrieben hätte, wären die Lyrics von „Open all night“ sinngemäß das gewesen, was er als Victor Morrison zu Ally gesagt hätte, um seine Liebe zu gestehen. Dies dürfte so ziemlich die kitschigste Ballade aller Zeiten sein. Da bekommen sogar Hardcore-Fans der Gruppe beim Zuhören Zahnschmerzen.

Bon Jovi waren zeitlebens eine Mainstream-Band und sie werden es auch mit dieser CD bleiben. Man muss der Band aber zugute halten, dass sie mit „Bounce“ ein paar Ecken und Kanten dazu gewonnen hat, die zwar zu Lasten der Hooklines gehen, aber durchaus erfrischend wirken. Titel wie „Undivided“, „Bounce“ oder „Hook me up“ sind nicht nach dem alt bewährten „Auf-Nummer-Sicher“-Muster gestrickt und stellen für eine erfolgsverwöhnte Band ein ziemliches Risiko dar. Für diesen Mut haben sich die Vier Respekt verdient. Richtig interessant wäre es geworden, wenn die Herren ein komplettes Album in diesem Stil abgeliefert hätten. Wenn es sein muss, um zwei, drei Balladen ergänzt. „Nur“ 49 Minuten Spielzeit sind bei Megasellern in der heutigen Zeit ja eher selten anzutreffen. So verfallen die Lieder nach gewisser Zeit in den alten Trott und bieten nur noch Bon Jovi light nach Schema F. „Open all night“, „You had me from hello“, „Love me back to life“, „Right side of wrong“ sind alles nette Songs, die aber wahrlich nichts mit der Ankündigung zutun haben, dass die Gruppe nach „New Jersey“ wieder ein echtes Rock-Album abgeliefert hätte. Was hält den Multimillionär Jon Bon Jovi eigentlich davon ab, auch mal etwas zu riskieren und ein Album im Stil von Springsteens „Nebraska“ oder „The ghost of Tom Joad“ abzuliefern? Er soll ja nicht gleich zum Singer-/Songwriter mutieren. Nur bitteschön etwas mehr Konsequenz, wenn es darum geht, Mut zu beweisen und nicht nach drei, vier Songs wieder aufhören.

Obwohl Bon Jovi so ziemlich die treuesten Fans auf der Welt haben, bezweifle ich, dass ihnen mit „Bounce“ der große Wurf gelingen wird. Als Gradmesser sehe ich die Qualität der begehrten Outtakes und Demoversionen, die ein jedes Werk der Vier begleiten und auf den Singleauskopplungen verbraten werden. Oft hatten diese B-Seiten die Tauglichkeit zu Album-Tracks, wenn nicht gar zur Single-A-Seiten. Im Vorfeld des „Bounce“ Albums erschrak man aber wegen der ziemlich üblen Demos, was den Schluss zulässt, dass die Gruppe aufgrund der aktuellen Thematik „11. September“ schnell ein passendes Album auf den Markt schmeißen wollte. Dabei beginnt das Werk mit fünf wirklich erquickenden Songs und driftet dann langsam aber sich in den Balladen-Sumpf ab. Das ist schade und bringt unterm Strich nicht mehr als sieben Punkte ein.

Anspieltipps:

  • Undivided
  • Everyday
  • Hook me up
  • Joey
  • All about lovin' you
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