Peter Gabriel - Up - Cover
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Peter Gabriel Up


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 67 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Bereits seit 1998 stand der Titel der neuen Gabriel-Platte fest. „Up“ sollte sie heißen und demnächst veröffentlicht werden, meldete die Plattenfirma. Eine Nachricht, die Gabriel-Fans und Liebhaber anspruchsvoller Popmusik in Verzückung versetzte. Leider entwickelte sich daraus ein schier ewig dauernder Running Gag, in Dimensionen wie beim vermeintlich neuen Guns 'N Roses-Album „Chinese democracy“.

Vier Jahre lang wurde das Erscheinen des Albums Monat für Monat immer wieder verschoben. Jetzt, unglaubliche zehn Jahre seit dem letzten Studioalbum „Us“ (1992), hat das Warten endlich ein Ende und zehn neue Songs aus dem Hause Peter Gabriel verlangen danach, entdeckt zu werden. Dabei ist es gar nicht so, dass man in den vergangenen Jahren nichts von Gabriel gehört hätte. Das Multitalent gab nach dem Erscheinen von „Us“ immer wieder Lebenszeichen in Form von Live-Alben („Secret world live“, 1994), Multi-Media-Projekten („EVE“, 1997, eine Reise durch digitale Kunst- und Musikwelten), Auftragsarbeiten („OVO“, 2000, eine Live-Show zur Einweihung des architektonisch-finanziellen Overkill-Projekts „Millennium Dome“ an der Londoner Themse) und Soundtracks („Long walk home/The rabbit-proof fence“, 2002) von sich. Von großem Interesse des Publikums an diesen Werken kann man allerdings nicht sprechen, sodass die Frage erlaubt sei, wie groß der Hunger nach einer neuen Gabriel-Platte überhaupt noch ist. Dazu Gabriel: „Ich weiß, es ist diesmal ein verdammtes Risiko. Aber ich bin nun mal mehr daran interessiert, ein geistig herausforderndes Leben zu haben, als den Fließband-Schemata des Musikbusiness gerecht zu werden. Es ist ein Privileg, dass ich meine Alben erst dann zu veröffentlichen brauche, wenn ich künstlerisch so weit bin und nicht, wenn ich Rechnungen zu bezahlen habe."

Peter Gabriels große Leidenschaft war seit jeher die progressive Rock- und Popmusik. Als Gründungsmitglied von Genesis zählt er zu den Pionieren des Genres. Er hatte entscheidenden Anteil an den Alben „Trespass“ (1970), „Nursery crime“ (1971), „Foxtrot“ (1972), „Selling England by the pound“ (1973) und „The lamb lies down on Broadway“ (1974), ehe er sich im Dezember 1974, mitten auf Tournee, entschied, die Gruppe zu verlassen. Genesis hatte sich zu einer Mega-Gruppe entwickelt, die in künstlerische wie kommerzielle Dimensionen vorzustoßen drohte, mit denen Gabriel nichts anzufangen wusste. Im Mai 1975 war sein Ausstieg perfekt. Keine zwei Jahre später veröffentlichte er sein erstes Soloalbum, das er, wie auch die nächsten drei Werke, schlicht „Peter Gabriel“ nannte. Im Laufe der Jahre erarbeitete er sich einen Ruf als hoch ambitionierter und extrem innovativer Künstler, dessen kommerzieller Durchbruch mit dem ´86er Album „So“ gelang. Für die Single „Sledgehammer“ revolutionierte er die in den Kinderschuhen steckende Video-Clip-Technik und gilt seit dem auch auf diesem Sektor als Vorreiter. Der Nachfolger „Us“ konnte zwar aus kommerzieller Sicht nicht an die Erfolge von „So“ anknüpfen, zählte aber unbestritten zu den besten Veröffentlichungen des Jahres 1992.

Zehn Jahre später nun der nächste Zweibuchstaben-Titel: „Up“. „Diese Platte“, erklärt Gabriel die inhaltliche Absicht des Albums, „konzentriert sich mehr auf Anfang und Ende des Lebens, weniger auf seine Mitte“. „'Up' ist ein persönliches Album geworden, es reflektiert etwa über das Leben, das aus dem Tod heraus wächst, es erkennt auch Muster und Mächte an, die jenseits unserer gewöhnlichen Wahrnehmung existieren." Der Großteil der Aufnahmen und des Mixings wurden im Real-World-Studio gemacht, auch wenn einige der frühen Aufnahmen im Senegal, in Frankreich und sogar auf einem Boot auf dem Amazonas entstanden. Es ist übrigens das erste Mal, dass Gabriel die Zügel der Produktion komplett in die Hand genommen hat, nur in den letzten paar Monaten rief er den legendären Tchad Blake (Sheryl Crow, The Dandy Warhols, Crowded House, Tom Waits) zu sich, um mit ihm das Album zu mischen, zudem gibt es einige ergänzende Mix- und Produktionshilfe von Stephen Hague beim Stück „I Grieve“. Es ist auch das erste Mal, dass Gabriel sehr viel Wert auf die Streicherarrangements gelegt hat - besonders bei „Signal To Noise“ - wofür er einige Wochen lang mit Will Gregory und Nick Ingman zusammenarbeitete.

Bereits im ersten Lied „Darkness“ wird man in ein imaginäres Haus in den Wäldern geworfen, in dem die Ängste und die Vorstellungskraft der Kindheit erforscht und allmählich akzeptiert werden. Der Song schleicht sich mit leisen Percussion-Klängen an den Hörer ran, um dann urplötzlich von gewaltigen Industrial-Eruptionen zerrissen zu werden, die wiederum von Gabriels sanften Gesangslinien und einer wunderschönen Melodie unterbrochen werden. Ein großartiges Arrangement, dass Phil-Collins-Jünger ratlos zurücklassen dürfte.

Das nächste Stück „Growing Up“ beschäftigt sich mit der flüchtigen Natur der Dinge und wie der einzelne Mensch versucht, seinen Platz im Universum sowie in der Struktur seines bzw. ihres Lebens zu finden. Auch hier werden wieder leicht dissonante Industrialeinflüsse verarbeitet, die von einem fetten Bass getrieben werden. Dazu singt Gabriel mit seiner leicht brüchigen Stimme, sodass sämtliche Trademarks für eine Singleauskopplung vorhanden sind.

„Sky Blue“ handelt davon, dass man den richtigen Weg der Liebe und des Lebens findet, und davon, wie man in der Weite der Natur eine Möglichkeit finden kann, sich mit dem Alleinsein zu arrangieren. Die Komposition arbeitet sich im Zeitlupentempo voran und wird von zarten Piano-Lines untermalt. Dazu werden Samples von Daniel Lanois verwendet und ein wunderbarer Chorgesang der „Blind Boys Of Alabama“ bildet das Abschluss-Szenario.

Im Lied „No Way Out“ wird das gewöhnliche Leben – „Swimming around in a plastic bag“, wie es in einer Textzeile heißt - durch einen Verkehrsunfall ausgelöscht. Ein düsterer Song, der von Gabriels eindringlicher Stimme und dunklem Bass-Grollen dominiert wird. Gewiss keine leichte Kost, aber was wäre die Popmusik ohne die intensiven Darbietungen des mittlerweile 52-jährigen Briten?

Der erste Rohzustand von Kummer und wie es danach im Leben weitergeht, sind Erfahrungen, die im Song „I Grieve“ sanft abgehandelt werden. Der Track schwebt ruhig und ohne Hektik aus den Boxen und legt einen psychedelischen Sound-Teppich aus. Die schwermütige Stimmung eines dunklen Gewitterhimmels ist regelrecht zu spüren. Doch plötzlich scheint die Sonne den Kampf gegen die Wolken aufgenommen zu haben. Das Tempo des Songs zieht an und die ersten Sonnenstrahlen scheinen durch die Wolkendecke. „Life carries on“ singt Gabriel wiederholt und auf einmal strahlt Zuversicht durch und der Kummer ist verflogen.

In „The Barry Williams Show“ werden die Auswüchse von Reality-TV untersucht sowie die seltsame Verbindung, die gestörte Individuen mit diesem besonders zeittypischen TV-Format eingehen. Die zynische Abrechnung mit der Medienwelt ist zugleich die erste Singleauskopplung, für die sich Gabriel mit Schauspieler und Regisseur Sean Penn zusammengetan hat, um das Video zu drehen. Sowohl die Single als auch das Video wurden bereits aus dem Tagesprogramm verschiedener Radio- und TV-Stationen verbannt. Der Hauptprotagonist, der dem Video seinen Namen gibt, ist zwar eine fiktive Person, enthält aber dennoch mehr als einen Hinweis auf Jerry Springer, einem amerikanischen Showmaster. Der Song hat bereits Kontroversen herausgefordert, und der schonungslose Text, der das gesamte thematische Repertoire im Trash-TV - von Pädophilie über Prostitution und Bondage - abdeckt, musste geändert werden, bevor die Radiostationen überhaupt bereit waren, diesen Titel zu spielen. Obwohl das Video diese dunklen Neigungen humorvoll aufgreift, darf es vor 21:00 Uhr nicht ausgestrahlt werden. Zwischen jenem Lied und dem nächsten Track „My Head Sounds Like That“ herrscht ein starker Kontrast. Dieses Lied kommt ruhig und introspektiv daher, es beschreibt den Zustand der Taubheit, der gleichzeitig die Sensibilität des Hörens erweitern kann, ähnlich dem Gefühl, wenn einen ein Brechreiz befällt und dabei der Geruchssinn plötzlich sehr sensibel wird. Trotz des interessanten Grundthemas zählt „My Head Sounds Like That“ zu den schwächeren Songs auf „Up“.

„More Than This“ ist der optimistischste, aufbauendste Track der Platte. Er wuchs langsam heran, als Peter auf der Gitarre herumklampfte - und, da er eigentlich überhaupt nicht Gitarre spielen kann, hat er schließlich sein Spiel gesampelt und manipuliert. Vielleicht braucht das Stück deshalb etwas Zeit, bis es dem Hörer sein ganzes Spektrum offenbart.

„Signal To Noise“ wird stimmlich von dem verstorbenen Nusrat Fateh Ali Khan veredelt und zielt allein deshalb ein wenig auf die Ethno-Schiene. Der Begriff „Signal to noise ratio“ wird in der Wissenschaft verwendet, wenn man anzeigen will, wie stark ein bestimmtes Klangsignal ankommt im Vergleich zum Hintergrundlärm. In Gabriels gleichnamigem Lied ist allerdings ein Signal gemeint, das sich aus persönlicher Moral und Mitleid zusammensetzt. Sehr ungewöhnliche Ware, die wie so oft die ganze Länge des Liedes (7:30 Minuten) benötigt, um sich vollständig zu entfalten. Zum Schluss des Songs wird man dann von der Wucht der Percussion und einer Wall of Sound aus Streichern schier erschlagen. Auch hier gilt: Nicht jedermanns Sache, aber große Kunst.

Der wohl kargste Song des Albums ist das Schlussstück „The Drop“. Peter Gabriel selbst bezeichnet ihn als sein kleines Sorbet. Darin geht es um jemanden, der in einem Flugzeug sitzt, zwischen den Wolken hindurch nach unten blickt und sich dabei vorstellt, was wohl jenseits dieser Welt liegt. Nur vom Piano begleitet, flüstert Gabriel die Lyrics und lässt nach ungewöhnlich kurzer Lieddauer (3:00 Minuten) ein Monster von einem Album ausklingen, mit dem man sich sehr lange Zeit beschäftigen muss, um wirklich alle Feinheiten zu entdecken. Man mag zwar der Auffassung sein, dass dem Künstler zwischendurch etwas die Ideen ausgegangen sind, aber das dürfte bei Songs jenseits der 6-Minuten-Marke normal sein. Für ein Album dieser Machart empfiehlt es sich für den Hörer einfach, sich den traumhaften Klanglandschaften völlig hinzugeben und die einzigartigen Kombinationen von Text und Musik auf sich wirken zu lassen. Nicht selten raten Musiker in den CD-Booklets, beim Anhören ihrer Platte eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Etwa ein abgedunkelter Raum, Kerzenschein und eine Flasche Rotwein, um sich total auf die Musik zu konzentrieren. Dieser Hinweis fehlt bei „Up“, wird aber hiermit nachgeliefert.

Fest steht, wer die vorherigen Alben Peter Gabriels mochte, wird auch „Up“ ins Herz schließen. Alle anderen werden sich wohl auch diesmal von der ausufernden Kreativität des Meister erdrückt fühlen.

Anspieltipps:

  • Darkness
  • I grieve
  • Sky blue
  • No way out
  • The Barry Williams Show
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