Ryan Adams - Demolition - Cover
Große Ansicht

Ryan Adams Demolition


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 45 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Von solch außergewöhnlichen Talenten kann es gar nicht oft genug neues Material geben.

Langsam muss man befürchten, dass der Mann, der Bryan Adams das B aus dem Namen gestohlen hat, aufgrund seiner enormen Produktivität eines Tages vor Kreativität zu explodieren droht. Nur wenige Monate ist es her, dass der 1974 in Jacksonville, North Carolina (USA) geborene Songwriter mit dem Album „Gold“ seinen Durchbruch als Solokünstler erlebte. Doch kaum war die Tinte der Rezensionen des Meisterwerkes getrocknet, machten bereits Gerüchte um neue Songs die Runde, die schon bald als Album veröffentlicht werden sollten. Was sich zuerst nach Spinnereien von Adams-Maniacs anhörte, wurde kurze Zeit später vom Künstler selbst bestätigt: „Ich wollte dafür sorgen, dass die Songs nicht verloren gehen“, erzählte er vergangenen Sommer in Nashville. „Ich war schon immer sehr kreativ und habe gleich, wenn ich etwas fertig hatte, wieder mit neuen Sachen begonnen. Ich wollte das ganze Material aber irgendwie bewahren und darauf aufbauen."

Eigentlich rechnete man erst im November mit der Veröffentlichung dieser Songs, doch nun gibt es das „Demolition“ betitelte Album schon Ende September käuflich zu erwerben. Das Werk beinhaltet 13 Tracks, die in einem Zeitraum von zehn Monaten zwischen Dezember 2000 und Oktober 2001 in fünf verschiedenen Sessions zwischen Nashville und Stockholm aufgenommen wurden. Insgesamt entstanden zirka 60 Songs, die vier bis fünf Demo-CDs in Album-Länge ergaben und ursprünglich als Box-Set erscheinen sollten, nun aber zur Essenz komprimiert wurden. Nebenbei lagern noch ganze Alben mit seiner Pinkhearts Supergroup (mit u.a. Evan Dando), Beth Orton, Bucky Baxter und seine Solo-Aufnahme des gesamten Strokes-Debüts „Is this it“ in den Archiven.

Dieser Wahnsinns-Output stellt natürlich für jede Plattenfirma eine etwas problematische Situation dar. Was also tun? Nachdem man mehr als ein Jahr darüber gegrübelt hatte, was man mit diesen haufenweise entstandenen Songs machen sollte, war schließlich die Entscheidung gefallen: Eine Art „Greatest Hits“ unveröffentlichter Songs aus einem Hochgeschwindigkeits-Jahr im Leben des Ryan Adams sollte es werden. Man muss sich bei „Demolition“ aber auf jeden Fall bewusst sein, dass alle Songs unretuschierte Demos sind, die live im Studio eingespielt, ohne irgendwelche späteren Overdubs und Gimmicks direkt aufs Mastertape gelangten. Ganz in der Tradition anderer Künstler des Formats von Neil Young oder Joni Mitchell, die ihr Publikum stets auf die Probe stellen, indem sie sich und ihre Musik eigentlich ständig verändern, ist auch Ryans respektloser Umgang mit den ach so beliebten musikalischen Stilschubladen ebenso erschütternd wie erfrischend: So schwankt das Songmaterial zwischen hartem Garagen-Rock und gefühlvollen, wortreichen Herzschmerz-Liedern.

In Nashville hat Ryan Adams zusammen mit seiner Band The Pinkhearts in zwei Sessions ein Dutzend Songs aufgenommen, die dem Replacements-Stil ähnlich losrocken. „Es ist wirklich irgendwie befreiend für mich gewesen, mit den Hüften zu wackeln“, sagt Ryan. „Manchmal ist es einfach klasse, sich eine Gitarre zu schnappen und sich wie ein Verrückter zu benehmen. Es ist nicht gerade Leonard Cohen oder Tom Waits, aber es rockt." Doch die Pinkhearts-Songs (von denen es exakt sechs Tracks auf die CD geschafft haben) sind weit mehr als schräge Country-Punk-Elaborate. So bittersüße, kompakte Tunes wie „Gimme A Sign“ oder „Nuclear“ (mit Chris Stills als Backgroundsänger) gehören zweifelsohne zu den besten Sachen, die Ryan geschrieben hat. Knackige Pop-Rock-Songs, die so gar nichts mehr mit den Country-Vergangenheit des Barden zutun haben.

Die ältesten Tracks auf „Demolition“ stammen aus einer Session, die ursprünglich „The Suicide Handbook“ betitelt war - die Ryan dann in „Commercial Suicide“ umbenannt hat, als es so viel Material geworden war, dass es zwei CDs füllte. Ryan, begleitet von dem Lap-Steel-Virtuosen (und ehemaligen Mitmusiker von Bob Dylan) Bucky Baxter, hatte 21 „jämmerlich traurige“ Songs geschrieben. Dann wandte er sich jedoch auch etwas mehr in Richtung der klassischen Rockmusik, dessen Resultat schließlich das Album „Gold“ war. Die Überbleibsel aus den damaligen Aufnahmesessions sind die musikalischen Kleinode „Dear Chicago“ und „Cry on demand“.

Als er „Gold“ fertiggestellt hatte, war Ryan in absolut kreativer Hochstimmung. Von einer überragenden Show seiner Freundin Alanis Morissette im „El Rey Theater“, Los Angeles, im Mai 2001 inspiriert und motiviert, begann er sofort wieder damit, neue Songs zu komponieren, rief den Produzenten Ethan Johns an und war noch in der gleichen Woche wieder im Studio. Ein komplettes Album wurde innerhalb von nur zwei Tagen eingespielt und abgemischt - womit sich der Titel „48 Hours“ selbst erklärt. Der Sound, den er dort fabriziert hatte, war irgendwie eine Mixtur aus Country- und Folk-Musik in der Art von John Wesley Harding, angereichert mit einigen Merle-Haggard-Akzenten. Die aus diesen Sessions stammenden Tracks „Hallelujah“ (mit grandioser Mundharmonikabegleitung, amtlicher Pedal Steel-Guitar und göttlichem Refrain) und das unwiderstehliche, scharfzüngige „Chin up, cheer up“ stellen dabei einen beinah dramatischen Kontrast zu den „Suicide“-Tracks dar. Der aktuellste Track der Kollektion, „You will always be the same“, eine intime, mystische Zweieinhalb-Minuten-Ballade, entstand in einem Studio in Stockholm, Schweden, und nimmt sich dem Stil des Debütalbums „Heartbreaker“ (2000) an. Das Stück kommt mit deutlich reduziertem Tempo daher. Dazu spielen Dobro und Cello und sorgen für entsprechendes Country-Feeling. Mit dem unglaublich eindringlich vorgetragenen „Starting to hurt” und „Gimme a sign” gibt es noch zwei überschäumende Gitarrenrocker, aber es sind vor allem die in der Mehrzahl angetretenen Balladen, die ohne Ausnahme zu den Höhepunkten des Albums zählen. Alles Beispiele für die außergewöhnliche Songwriting-Kunst des Mannes, der gerade in den langsamen, spärlich instrumentierten Songs das Feeling der unglücklichen Liebe (darum geht es hier oft) transportiert wie kaum ein anderer. „Desire“, zwar mit voller Band eingespielt, aber ganz relaxt arrangiert (mit schöner Harmonica), ist ein weiterer Track, für den andere Songwriter wahrscheinlich ihre ganze Habe geben würden, kommt dem Boss himself zu seiner Nebraska-Phase nahe. Den mit fünf Minuten Spielzeit längsten Song hat sich der Meister bis zum Schluss aufgehoben. „Jesus (Don´t touch my baby)” beklagt den unerwarteten Tod einer Freundin und setzt den Schmerz entsprechend musikalisch um.

Die Veröffentlichung von „Demolition“ wird von der Meldung begeleitet, dass Adams bereits an der Arbeit ist, das offizielle Follow-up von „Gold“ aufzunehmen. Das ist gut zu wissen, denn von solch außergewöhnlichen Talenten kann es gar nicht oft genug neues Material geben.

Anspieltipps:

  • Nuclear
  • Hallelujah
  • Starting to hurt
  • Gimme a sign
  • Jesus (Don't touch my baby)
Neue Kritiken im Genre „Rock“
Diskutiere über „Ryan Adams“
comments powered by Disqus