Steve Earle - Jerusalem - Cover
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Steve Earle Jerusalem


  • Label: SONY
  • Laufzeit: 37 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Jerusalem“ ist ein schönes Album für Americana-Anhänger geworden, bei dem Fans allenfalls bemängeln könnten, dass es zu kurz geraten ist.

Die Legende sagt, dass ein gewisser Bruce Springsteen so begeistert von Steve Earles Debütalbum „Guitar Town” (1986) war, dass er gleich zehn Exemplare als Geschenk für gute Freunde kaufte. Steve Earle zählt zur Elite amerikanischer Roots-Rocker. Obwohl er in den Charts nie eine besondere Rolle spielte, wird er von Fans und Kritikern kultisch verehrt. Er wurde 1956 in Fort Monroe, Virginia (USA), geboren und entdeckte bereits im Alter von 11 Jahren das Gitarrenspiel für sich. Mit 16 schmiss er die Schule und verbrachte seine Zeit als Tagelöhner. In seiner Freizeit schrieb er Songs und trat nachts in Bars und Clubs auf. In den 70er Jahren spielte er als Bassist in der Band von Guy Clark und 1975 hatte er einen Auftritt in dem Robert-Altman-Film „Nashville“. Anfang der 80er Jahre konnte Earle einen Vertrag als Auftrags-Songwriter ergattern. Sein Wunsch war allerdings, eigene Platten aufzunehmen. 1982 veröffentlichte er die Independent-EP „Pink and black“, die das Label Epic Records (inzwischen ein Sub-Label von Sony Music) auf ihn aufmerksam werden ließ. Man konnte sich aber nicht recht über eine Albumveröffentlichung einigen. Earle spielte eine Rockabilly-Platte ein, Epic wollte aber kommerziellere Songs von seinem Künstler. Zwischenzeitlich herausgebrachte Singles floppten, sodass die Ehe Epic/Earle nach zwei Jahren geschieden wurde. 1985 kam Earle dann doch zu einem Plattenvertrag bei MCA, das sein Debütalbum „Guitar town“ ein Jahr später veröffentlichte. Und siehe da, die Platte wurde ein mittlerer Hit und warf zwei Top-10-Singles ab.

Obwohl seine Karriere doch noch eine gute Wendung genommen hatte, driftete Steve Earle privat in immer tiefere Lebenskrisen ab, die sich in Alkohol- und Drogenmissbrauch, diversen Gefängnisaufenthalten und fünf Scheidungen widerspiegelten. Anfang 1994 war er so am Ende, dass er in Nashville wegen seiner Kokain- und Heroinabhängigkeit inhaftiert wurde. Nach 12 Monaten kam er aus dem Gefängnis frei und stürzte sich, von den Drogen befreit, in die Arbeit. 1995 wurde mit „Train a comin’“ das erste Studioalbum seit fünf Jahren auf den Markt gebracht, das sich prächtig verkaufte und hervorragend bei der Kritik ankam. Seit dem bringt der Wahl-Texaner Jahr für Jahr eine neue CD heraus. Mit „Jerusalem“ präsentiert der Meister des Country- und Americana-Rock nun seine neueste, von politischen Themen und den Ereignissen des 11. September 2001 geprägte, Platte. Auf seinem neunten Studiowerk scheut sich Steve Earle nicht, unbequeme Fragen aufzuwerfen und dezidierte Gesellschaftskritik zu üben. So distanziert er sich deutlich vom vorherrschenden Hurra-Patriotismus in den USA, erklärt den amerikanischen Traum als bereits in Vietnam gestorben und geißelt die Ohnmacht des Individuums.

Schon immer tobten in Earles Brust zwei Seelen, die der Country-Musik und die des Rock. Beeinflusst von seinem großen Idol Townes van Zandt, aber auch von Jerry Jeff Walker und Guy Clark sowie von Bruce Springsteen schaffte es Earle immer, beide Seelen zu vereinen, wobei der Musiker immer sehr offen für die unterschiedlichsten Einflüsse war. Musikalisch ist Jerusalem eher ein Rockalbum geworden, wobei auch hier Country-Elemente mit einfließen. Der Opener „Ashes To Ashes“ ist ein schleppender Rocksong, ebenso wie der zweite Titel, „Amerika v. 6.0 (The best we can do)“, das mit einem genialen Stones-Gitarrenriff aufwartet. Wo „Go Amanda“ und „Shadowland“ ebenfalls rocken, hat sich Earle für die „Conspiracy Theory“ von verschiedenen Stilarten beeinflussen lassen und weiß Synthie-Sounds, Drum-Loops und moderne R&B-Elemente effektvoll einzusetzen. Der einzige Lovesong „I remember you” wird ebenso wie „Conspiracy Theory“ von einer weiblichen Gastsängerin (Emmylou Harris bei „I remember you“ und Siobahn Maher-Kennedy auf „Conspiracy Theory“) unterstützt und kommt als wunderschönes Country-Duett daher. „John Walker’s Blues” und „The kind” sind ebenso feine Country-Songs, die Earles whiskeygetränkte Stimme voll zur Geltung bringen. Wobei „John Walker’s Blues“ bereits im Vorfeld der Veröffentlichung ein rotes Tuch für konservative Kreise in den Staaten war. Earle ergründet hier auf sehr differenzierte Weise die Motivation des 21-jährigen amerikanischen Taliban-Kämpfers John Walker Lindh - mit arabischen Gesangssamples zum Ausklang. Earles texanische Roots schimmern im Tex-Mex-Song „What's a simple man to do?“ durch. Ein beseelt swingender Gute-Laune-Track, der entfernt an das Dire Straits Stück „Twisting by the pool“ erinnert.

Insgesamt ist „Jerusalem“ ein schönes Album für Americana-Anhänger geworden, bei dem Fans allenfalls bemängeln könnten, dass die CD mit einer Dauer von knapp 37 Minuten etwas kurz geraten ist. Sicher zählt die Scheibe nicht zu den Meisterwerken des Amerikaners, hält aber, wie bei Steve Earle üblich, einige starke Songs parat.

Anspieltipps:

  • Amerika v. 6.0 (The best we can do)
  • John Walker’s Blues
  • Jerusalem
  • Shadowland
  • I remember you
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