The White Stripes - White Blood Cells - Cover
Große Ansicht

The White Stripes White Blood Cells


  • Label: XL Recordings/ZOMBA
  • Laufzeit: 41 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Genialer Dilettantismus verbunden mit herrlichem Rock-`N`-Roll-Lärm – dafür steht das Duo The White Stripes aus der amerikanischen Auto-Stadt Detroit. Und weil Jack und Meg White schlaue Zeitgenossen sind, haben sie sich obendrein eine hübsche Lebensgeschichte gebastelt, die der Münchhausen-Bio von Trail Of Dead nahe kommt.

Verbreitet wurde, dass es sich bei den Mid-Twenties um ein Geschwisterpaar, den beiden jüngsten aus einer Großfamilie mit zehn Kindern, handele, das angetreten ist, den Garagen-Rock zu neuen Ehren zu verhelfen. Sie kleiden sich ausschließlich in roten und weißen Klamotten, wie auf dem Cover des neuen Albums „White blood cells“ zu bewundern ist und nehmen ihre Platten im eigenen Wohnzimmer auf, was, bezogen auf das gnadenlose Rauschen der CD, als glaubhaft einzustufen wäre.

Das Time Magazine wollte dem Spuk allerdings nicht so recht Glauben schenken und beglückte seine Leser mit einer Enthüllungsstory: Die beiden seien früher verheiratet gewesen. Jack, der eigentlich John Gillis heiße, habe bei der Hochzeit Megs Familiennamen angenommen und auch nach der Scheidung im Jahr 2000 beibehalten. Dazu wurde gleich die Standesamtsregisternummer mitgeliefert, um dem Recherchierten Nachdruck zu verleihen. Jack White, bzw. John Gillis Antwort auf die Story des Times Magazines angesprochen mit einer weiteren Finte: „Nein, nein, Meg ist schon wirklich meine Schwester. Wir haben damals den Typen von Time angelogen, weil wir ihn nicht mochten, er war so schleimig. Es war nur ein Scherz, aber wir haben bald gemerkt, dass Time zu wichtig ist, um darin Scherze zu machen. Er machte seine Enthüllungsstory, und wir müssen seitdem ständig Fragen danach beantworten.“ Eigentlich ist ja egal, welcher Teil der Geschichte stimmt und was in den Bereich der Fabeln einzuordnen ist, solange die Musik überzeugt. Und das ist seit dem selbstbetitelten Debütalbum aus dem Jahr 1999 der Fall. Von Beginn an haben sich die zwei Detroiter Musiker (Meg ist für Drums und Percussion zuständig, Jack singt und spielt Gitarre) den urbanen Rocksounds der 60er und 70er Jahre verschrieben, die sie in mitreißender Form ohne technischen Firlefanz auf das Wesentliche, sprich, Gitarre, Schlagzeug und Bass reduziert haben und deshalb gerne in die gleiche Schublade wie die Strokes, Vines, Hives und der Black Rebel Motorcycle Club gesteckt werden.

In den Absolute Studios in Memphis, Tennessee nahmen The White Stripes ihr inzwischen drittes Album auf, nachdem vor zwei Jahren ihr Zweitwerk „De Stijl“ (benannt nach einem niederländischen Künstler-Konglomerat, dessen bekanntester Vertreter Piet Mondrian war) erschien. Zusammen mit Producer Doug Easley spielte die Band 16 Songs ein, die es gerade mal auf eine Spielzeit von 41 Minuten bringen. Ursprünglich erschien das Werk bereits im Juni 2001 und wurde wie seine Vorgänger auf dem kleinen Label „Sympathy For The Record Industry“ veröffentlicht. Für kolportierte 1,5 Millionen Euro Vorschuss wechselte die Band aber noch im Jahr 2001 zum Major V2 (in Europa bekam EDEL Records den Zuschlag), die das Album im Januar diesen Jahres nochmals herausbrachten. Grund genug, das von der Kritik gefeierte Werk etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wie es sich für ein amtliches Rockalbum gehört, darf der Konsument als Eröffnungsgimmick miterleben, wie Jack White seinen Verstärker anschmeißt und die Gitarre sich mit einer fetten Rückkopplung meldet. Dann walzt auch schon „Dead leaves and the dirty ground“ aus den Speakern und serviert ein Bündel satter Riffs, wie sie auch die Strokes nicht besser hinbekämen. Dazu nölt und quengelt White seinen Text heraus, dass der geneigte Hörer von einem grenzdebilen Dauergrinsen ereilt wird und fieberhaft nach der nächsten Luftgitarre Ausschau hält. Bei „Hotel Yorba“ frönen die Stripes dem Heimweh-Blues. Allerdings den von der Hochgeschwindigkeitssorte zum Mitstampfen. „I’m finding it harder to be a gentleman“ ist ultra-cooler Schrammel-Rock, bei dem auch stellenweise ein Honky-Tonk-Piano gegen die Gitarren anzukommen versucht. „Fell in love with a girl“ ist eine dahin gerotzte Highspeed-Blues-Punk-Nummer mit krachenden Gitarren und hysterischem Refrain. Doch warum diese Eile? Man hat das Gefühl, dass die White Stripes nur deshalb so schnell spielen, um jeden Song möglichst unter der Zwei-Minuten-Marke zu halten.

Wenn man es nicht selbst gehört hat, wird man es nicht glauben. Denn bei „Little room“ handelt es sich um einen absurden Drum-Punk, der mit nichts als der heiseren Stimme Jack Whites und dem stampfenden Rhythmus auskommt. „The union forever“ glänzt mit Jim „Lizard King“ Morrison ähnlichem Sprechgesang, bei dem White wie ein Schamane anklagt „It can’t be love for there is no true love. Shure I’m C.F.K. but you gotta love me. The cost no man can say. But you gotta love me. You said the union forever. But that was untrue girl cause it can’t be love”. Das ist ganz großes Tennis!

Beck Hansen wird sich wundern, dass auch noch andere Kollegen seine Art des Akustik-Folk beherrschen. „We're going to be friends” haut nämlich in exakt die Kerbe. „I think I smell a rat“ ist ein vor Coolness strotzender Stakkato-Riff-Exzess, dessen tieferer Sinn anhand des Textes nicht auszumachen ist, da White eigentlich nur wiederholt, dass er irgendwo eine Ratte riecht. Ich glaube fast, dass der Bursche reif für die Couch ist. Und siehe da. Der Inbegriff des Wahnsinns kündigt sich düster dräuend auf dem psychedelischen Instrumental „Aluminium“ an. Da fragt man sich besorgt, ob es den beiden wirklich noch ganz gut geht. „I can’t wait“ klaut unverschämt bei Nirvana das Gitarrenriff, bekommt aber noch knapp die Kurve, dass man das Stück einen eigenständigen Song nennen kann. Bei „Now Mary“ kommt das Blues-Gefühl in typischer White Stripes Vehemenz zur Geltung. Spitzbübisch singt Jack: „Now Mary can’t you find a way to bring me down? I’m so sorry that I had to go and let you down. Knowing you I’ll think things are gonna be fine. But then again you’ll probably change your mind. I’m sorry Marry but being your mate means trying to find something that you aren’t going to hate. What a season to be beautiful without a reason”. Das Schlussstück ist der reine Pianosong „This protector“, der in die gediegene Atmosphäre einer Bar führt und einen ungewöhnlich ruhigen Ausklang darstellt. Jack White bemüht stimmlich noch mal die Sirenen, ausnahmsweise ohne gegen sein eigenes Gitarrenspiel ankämpfen zu müssen. Auch nicht schlecht, aber was ein Whites-Stripes-Song sein will, benötigt einfach eine derb rockende Fender Stratocaster.

„White blood cells“ ist eine wahrlich wilde Mischung aus Rock, Punk und Blues und zählt zu den aufregendsten Darbietungen der letzten 12 Monate. Die Musiker gehen so urwüchsig an die Songs heran, dass es gar keine Rolle spielt, dass Herr und Frau White keine sonderlich großen Virtuosen auf ihren Instrumenten sind. Die Kompositionen bestechen durch Leidenschaft, Witz, Einfallsreichtum und staubtrockene Riffs bzw. Beats. Das ist musikalisch betrachtet zwar keine Revolution, weiß aber einen Fan handgemachter Rockmusik voll und ganz zu überzeugen.

Anspieltipps:

  • Expecting
  • Hotel Yorba
  • The union forever
  • Dead leaves and the dirty ground
  • The same boy you’ve always known
Neue Kritiken im Genre „Rock“
Diskutiere über „The White Stripes“
comments powered by Disqus