Tonic - Head On Straight - Cover
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Tonic Head On Straight


  • Label: Universal
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Jeder Mensch hat wohl so seine kleinen und großen „Leichen im Keller“ versteckt – und wenn es nur die Vorliebe für zuckersüßen, College-Radio-tauglichen Mainstream-Rock made in USA ist, wie ihn das Trio Tonic aus Los Angeles darbietet.

Dabei halte ich es für unverständlich, dass man eine Musikrichtung von Grund auf verteufelt. Besonders, wenn es sich wie im Fall von Tonic nicht um seichten Pop-Schund handelt, der speziell die deutschen und englischen Charts verstopft, also die Länder, in denen am häufigsten über den US-Mainstream gelästert wird, sondern um handgemachte Rockmusik, die eben anderen Ambitionen nachgeht, als z.B. die Retro-Rocker aus New York (Strokes, Interpol) oder Detroit (White Stripes). Darf man deshalb Bands wie Lifehouse, The Calling, Goo Goo Dolls, Gin Blossoms oder eben Tonic gleich die Daseinsberechtigung absprechen? Ich denke nein! Damit ist natürlich nicht gemeint, dass Bands dieses Genres einen Freibrief erhalten, was in Anbetracht der schwachen Vorstellungen von The Calling oder Lifehouse fatal wäre. Man muss allerdings davon ausgehen, dass diejenigen, die bereits mit Bands wie Bon Jovi Schwierigkeiten haben, tunlichst ihre Finger von den CDs solcher Band lassen sollten. Dabei stillen gerade Tonic lediglich das natürliche Grundverlangen nach unverschämt eingängigen Melodien und Texten, die aus dem Leben gegriffen sind und für jedermann nachvollziehbar sein dürften.

Für die Lyrics und den Großteil der Kompositionen im Hause Tonic ist Sänger und Gitarrist Emerson Heart zuständig, der die Band 1993 zusammen mit Jugendfreund Jeff Russo (Lead-Gitarre, Background Vocals) gründete. In der Urformation spielte dazu noch ein gewisser Dan Rothchild, Sohn des legendären The-Doors-Produzenten, die Bass-Gitarre und Kevin Shepard saß an den Drums. In dieser Besetzung spielte man das erfolgreiche Debüt „Lemon parade“ (1996) ein. Seit dem zweiten Album „Sugar“ (1999) firmiert man offiziell als Trio, nachdem man Herrn Rothchild gegen Dan Lavery auswechselte und den Posten des Drummers gar nicht mehr fest vergab. Den gewohnten Dreijahresrhythmus einhaltend, melden sich die Drei nun mit dem Album „Head on straight“ zurück. Zusammen mit Bob Rock (Metallica, Bon Jovi, Aerosmith) wurden in den Plantation Mixing & Recording Studios auf Hawaii zwölf Songs aufgenommen, die wieder sämtliche Trademarks der Band repräsentieren. Es wird herzhaft gerockt („Roses“), unverhohlen auf die Billboard-Charts geschielt („Take me as I am“, die erste Singleauskopplung, „Do you know“) oder in wunderschönen (Halb-)Balladen („Let me go“, „Ring around her finger“) den Gefühlen freien Lauf gelassen. Kurz: Tonic haben verstanden! Die Band weiß, wie man ein Album beim Hörer nachhaltig in Erinnerung hält und garniert die CD mit hymnenhaften Pop/Rocksongs („Count on me “, „Head on straight“, „Believe in me“) und tollen Hooklines („Liar“). Dramatische Inszenierungen wie die Ballade „Let me go“ zählen mit einprägsamen Refrainzeilen zu den Highlights des Albums.

Auch wenn Emerson Heart keine Pulitzer-Preis-verdächtigen Texte schreibt, weiß man was, gemeint ist, wenn er anstimmt: „Home, home is like an open road. Where you will always find whatever you've been looking for. And grace, always in a hollow place. I will never change and I will always stay my way. Way, I never thought I'd change my ways. It was an angry thought that made me turn the other way. And I, I wanna be like that again when I know there's hope. And hope will always find a friend. People scatter, when loves the matter I won't let it show. Let me go. Let me go away again. Let me change my direction. I won't take that rejection. I'll find my own way home.“ Da hatte jemand in den letzten Jahren offensichtlich ein paar Beziehungsprobleme, was in den, laut Emerson, persönlichsten Texten seiner Karriere mündete. Selbst politische Inhalte haben es auf das Album geschafft. Im Song „Irish“ behandelt man die Irland/England-Problematik, als sich das irische Volk vor langer Zeit weigerte, für England in den Krieg zu ziehen. Mit original irischen Akzent (!) und landestypischen Instrumentaleinflüssen wird der Unmut von der Seele gerockt: „I said to me da, I said to me da, I said to me da I'm not fit for soldier. For the king he say, the king say. For now you fight or I'll take your land away. So over the seas, over the seas. To kill a man that I have never seen. I won't die for England! Not for England! Far away from my homeland. Many miles, many miles I would roam. Far and away..... I won't die for England! Not for England!“ Ein netter Einfall und eine sehr gelungene Umsetzung.

Tonic haben mit „Head on straight“ ein hochwertiges Album mit diversen potentiellen Singlehits eingespielt, das ohne größere Ausfälle auskommt und lediglich im Mittelteil etwas schwächelt (On your feet again“, „Come rest your head“). Das sollte einen aber nicht abschrecken, das Werk einmal anzutesten. Schließlich sind die Veröffentlichungen, die ganz ohne Schwachstellen auskommen aufs Jahr gesehen extrem rar gesät. Die Band beherrscht die Kunst des Songwritings auf eine Art, dass den Hörer selbst in den zwei drei schwächeren Kompositionen einzelne Passagen oder Riffs begeistern können, sodass am Ende eine große Zufriedenheit einkehrt. Deshalb: Gebt Tonic auch in Deutschland eine Chance!

Anspieltipps:

  • Head on straight
  • Take me as I am
  • Believe in me
  • Do you know
  • Let me go
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