Tom Petty - The Last DJ - Cover
Große Ansicht

Tom Petty The Last DJ


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 53 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein paar Charaktere und ein lockeres Konzept drum herum.

Im letzten Jahr feierte eine der großen Institutionen des Roots-Rock sein 25-jähriges Jubiläum als „Recording Artist“. Die Rede ist von Tom Petty und seiner Band The Heartbreakers. Hierzulande ist der Meister vornehmlich durch seine Radiohits und die stilprägenden Video-Clips zu Evergreens wie „Into the great wide open“ und “Free fallin’” bekannt. Tatsächlich bringt der Künstler in schöner Regelmäßigkeit Alben heraus, die von verschiedensten Einflüssen leben. Sei es Southern-Rock, Folk, New Wave oder gar psychedelische Musik. Besonders geschätzt wird Petty’s Gabe, Melodien im Stile der Byrds zu schreiben und diese mit Riffs aus dem Rolling-Stones-Baukasten zu garnieren.

Obwohl Petty uramerikanische Musik schreibt, hatte er seine ersten Erfolge in England. Das selbstbetitelte Debütalbum aus dem Jahr 1976 zog in die Top 30 der englischen Charts ein und sorgte dafür, dass man sich auch in der Heimat für die Heartbreakers zu interessieren begann. Von nun an ging es von Album zu Album in den Charts bergauf, was sich in regelmäßigen Verkaufszahlen im Gold- und Platin-Bereich widerspiegelte. Ende der 80er, Anfang der 90erJahre war der 1953 in Gainesville, Florida geborene Singer- Songwriter auf seinem kreativen wie kommerziellen Höhepunkt. Nicht genug, dass er mit dem Album „Full moon fever“ bis auf Platz drei der amerikanischen Charts kam und über drei Millionen Einheiten absetzen konnte, schloss er sich Ende 1988 der Supergruppe The Traveling Wilburys an. Diese lieferte zusammen mit Bob Dylan, Jeff Lynne, Roy Orbison und George Harrison ein hochgelobtes Album ab. Kaum zwei Jahre später wurde das ebenso geniale Zweitwerk unter dem obskuren Titel „Volume 3“ veröffentlicht und 1991 manifestierte Petty mit dem hervorragendem Album „Into the great wide open“ seinen Status als Superstar und erfreute sich zahlreicher Hitsingles.

Für seine erste „Greatest Hits“-CD (1993) spielte Tom Petty zwei Bonus-Tracks ein, die von der Produzenten-Koryphäe Rick Rubin studiotechnisch betreut wurden. Begeistert von der Zusammenarbeit, verpflichtete Petty den bärtigen Star-Producer gleich für sein Album „Wildflowers“ (1994), das sein bisheriges Meisterwerk darstellt. Es bekam enthusiastische Kritiken und verkaufte sich bis dato von allen Petty-Alben am besten. Als Skandal fassten damals die Könige der Doppelmoral vom Musiksender MTV auf, dass Petty sich erdreistete, auf der Single „You don’t know how it feels“ „So let’s go to the point, let’s roll another joint“ sang. Das wäre jugendgefährdend und musste für den Video-Clip unkenntlich gemacht werden, hieß es. Komisch, dabei spielt MTV doch den ganzen Tag jugendgefährdende Müll-Musik...

Mit dem Wechsel der Plattenfirma, weg von MCA, hin zu Warner, folgte 1995 ein sechs CDs umfassendes Box-Set mit dem Titel „Playback: 1973 - 1993“ und ein Jahr danach der Soundtrack zum Film „She’s The One“. 1999 erfreute uns Tom Petty mit dem Album „Echo“. Jetzt, drei Jahre später, präsentiert er sein neuestes Oeuvre „The last DJ“. Die CD wurde in Los Angeles aufgenommen und gemeinsam von George Drakoulias (The Black Crowes), Petty und dessen langjährigem Sozius Mike Campbell produziert. An den Instrumenten findet man mit den Heartbreakers ebenso alte Bekannte: Neben Petty (Gitarre, Bass, Piano, Ukulele, Vocals) und Campbell (Gitarre, Bass) sind das Benmont Trench (Keyboards), Scott Thurston (Gitarre, Lap Stell Guitar, Ukulele) und Steve Ferrone (Drums). Auf zwei Songs hört man zudem Ron Blair, der die Heartbreakers nach „Hard promises“ (1981) verließ und nun für Howie Epstein wieder dabei ist. Im Background von „The man who loves women“ hört man überdies Fleetwood Mac-Veteran Lindsey Buckingham, Jon Brion übernahm die Orchester-Arrangements auf dem Album. Gegenüber der Los Angeles Time berichtete der Künstler, was das Konzept hinter dem Album ist: „Ich betrachte „The last DJ“ wie einen kleinen Hörfilm. Es gibt ein paar Charaktere und ein lockeres Konzept drum herum. Aber ich wollte es nicht weiter definieren und zu sehr auf eine Erzählung festlegen. Ich habe auch einen oder zwei Lovesongs für das Album geschrieben, weil ich fühlte, dass Liebende eine gewisse Hoffnung in ihrem Leben haben. Unterm Strich besitzt das Album eine sehr optimistische Perspektive“. Tatsächlich beinhaltet das Album vieles, wofür man Tom Petty schätzen gelernt hat. Entspannte Balladen wie „Money becomes king“, eine Abrechnung mit den Abarten des Musikbusiness („There was no use in pretending. No magic left to hear. All the music gave me was a craving for lite beer. As I walked out the arena my ears began to ring and money became king“) und „Blue sunday“, verträumte Beatle-esken wie das schöne „Dreamville“ oder „Like a diamond“ und nölige Rock-Nummern wie „Joe“ oder das bluesgeschwängerte „When a kid goes bad“.

Doch Tom Petty ist wütend und vom Musikgeschäft und der heutigen Popkultur mit allem drum und dran angewidert, was sich wie ein roter Faden durch die Lyrics der 12 Songs zieht. So erzählt der Titeltrack von der letzten menschlichen Stimme, die noch mit Anstand über die Radiosender rüberkommt. „Money becomes king“ ist die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang eines Rockstars und inoffizieller Nachfolger von „Into the great wide open“. „Joe“ handelt von Manager eines Plattenlabels, und dessen Maxime für den Starruhm: „He gets to be famous. I get to be rich. Bring me a girl, they're always the best. You put them on stage and you have them undressed. An angel whore who can play a guitar lick. Hey, that's what I call music“. Etwas nervig ist das auf die Dauer schon. Vor allem wenn man nicht weiß, warum der Mann plötzlich im Clinch mit der Branche und ihren Eigenheiten liegt. Dabei ist die Musik gar nicht mal schlecht. Sie harmoniert nur nicht besonders mit den Texten. Vielleicht würde man dies einem Newcomer gar nicht vorhalten. Aber ein Künstler, der für diverse Geniestreiche in der Musikgeschichte verantwortlich ist, muss sich schon fragen lassen, was er mit so einem Album bezwecken will. Denn so wütend und zynisch wie auf seiner neuen CD „The last DJ“ hat man Tom Petty noch nie erlebt. Leider drückt sich dies nur in den Texten aus. Wäre seine Wut auch in die Musik eingeflossen, hätte dieses Album ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere werden können und würde in einem Atemzug mit Meisterwerken wie „Full moon fever“ (1989), „Into the great wide open“ (1991) und „Wildflowers“ (1994) genannt werden. So erleben wir erstmals seit den frühen 80er Jahren wieder einen durchschnittlichen Tom Petty, der merkwürdig zahme Musik zu ungewöhnlich bissigen Texten abliefert.

Petty schreibt im CD-Booklet „This record is dedicated to everyone who loves music just a little bit more than money“. Ich denke, dass sich Petty-Fans mit ruhigem Gewissen zu dieser Gruppe dazuzählen und auch das Fehlen kommerziellen Ohrwürmer wie „Learning to fly“ verschmerzen können. Doch das schützt den Meister nicht vor Kritik. Also warten wir's ab. Im nächsten Jahr feiert Petty seinen 50. Geburtstag und zählt damit endgültig zu den Fossilen der Rockmusik. Wollen wir hoffen, dass sein nächstes Album wieder an die Qualität der Vorgänger heranreicht.

Anspieltipps:

  • Joey
  • Dreamville
  • Blue sunday
  • Like a diamond
  • Money becomes king
Neue Kritiken im Genre „Rock“
7.5/10

Out Of The Sun
  • 2016    
Diskutiere über „Tom Petty“
comments powered by Disqus