The Hellacopters - By The Grace Of God - Cover
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The Hellacopters By The Grace Of God


  • Label: Motor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 41 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Das „neue“ Seattle hat sein Herz in Europa, genauer in Skandinavien. So lautet das Fazit einer auf ewiger Trendsuche befindlichen Plattenindustrie. War nach dem Abebben der Grunge-Welle lange Zeit kein neuer Trend in Sicht, entwickelte sich vor allem im Untergrund Schwedischer und Norwegischer Metropolen eine Abart des „High-Energy-Rock-’N-Roll“, der Mitte der 90er-Jahre über Europa hereinbrach und von Acts wie Gluecifer, Turbonegro, Backyard Babies, The Hives und eben The Hellacopters geprägt war bzw. noch ist.

Diese machten im Jahr 1994 zum ersten Mal von sich reden, als sie eine Single mit drei Songs veröffentlichten, die heute in Sammlerkreisen locker 150 Dollar bringt. Es folgte ein vor Energie explodierendes Debütalbum („Supershitty to the max“, 1996), das ungezügelten Rock im Stile der Hanoi Rocks, MC 5, Motörhead oder Stooges auf den Hörer einprasseln ließ und das schwedische Independent-Label der ‘Copters, White Jazz, schlagartig zum Inbegriff für erdige Gitarrenmusik erhob. Obwohl damals von Hellacopters-CDs in der Regel maximal 20.000 bis 30.000 Einheiten verkauft wurden, entwickelte sich die Band zur Goldgrube für das Label. Die Nachfolger von „Supershitty to the max“, „Payin’ the dues“ (1997) und „Grande rock“ (1999), sowie ausgiebiges Touren rund um die Welt, manifestierten die Position der Hellacopters als Skandinaviens Rock-Band Nr. 1 und erweckten das Interesse der großen Labels an der Gruppe. Da der Vertrag mit White Jazz durch „Grande rock“ erfüllt war und die Musiker ebenfalls Ausschau nach einem Label mit besseren Vermarktungsmöglichkeiten hielten, wurde man sich relativ schnell mit Universal Records einig, die ihnen einen Deal über vier Longplayer anboten und den Hellacopters das Recht zustanden, weiterhin die so geliebten Vinyl-Singels auf kleinen Labels zu veröffentlichen. Inzwischen gibt es über 25 dieser Liebhaberstücke, die Anfang des Jahres auf der CD „Cream of the crap - volume 1“ gekoppelt wurden.

Das erste Album mit neuer Plattenfirma im Rücken war das 2000er Werk „High visibility“, das den rotzigen Sound der Band merklich gezügelter rüberbrachte und eine Verneigung vor ihren Helden der 70er-Jahre darstellte. Ganz ungeniert rührte man einen Cocktail aus Kiss-, AC/DC- und Rolling-Stones-Einflüssen an und nutzte die finanziellen Möglichkeiten für eine Hochglanzproduktion, die mit dem in 26 Stunden eingespielten Debüt nicht mehr viel gemein hatte. Für Fans der ersten Stunde bedeutete dies natürlich Verrat und der obligatorische Vorwurf vom Ausverkauf machte die Runde. Dabei hatte sich die Band lediglich weiterentwickelt. Die Arrangements wurden verfeinert und anstatt übersteuertem Gitarrenlärm waren plötzlich Details aus der Musik herauszuhören, die darauf schließen lassen, dass die Musiker ihre Instrumente tatsächlich beherrschen. Auf dieser Entwicklungsstufe aufbauend, präsentieren Nicke „Nick Royale“ Andersson (Gesang, Gitarre, Piano), Robert Dahlquist (Gitarre), Kenny Hakansson (Bass), Robert Eriksson (Drums) und Anders „Boba Fett“ Lindström (Tasteninstrumente) nun ihr fünftes Album „By the grace of god“, das wiederum von Chips K. produziert und in den Polar-Studios von Stockholm aufgenommen wurde.

Diesmal nahm man sich sagenhafte drei Wochen Studiozeit, um 20 Tracks einzuspielen, von denen es letztendlich 13 auf die CD geschafft haben. Und schon diese Zeit war für Nick Royale zu lang. Das ist halt der Unterschied zwischen einer Rotz-Rock-Produktion und einem Retro-Rock-Hightechsilberling. Dabei war es in der Vergangenheit so, dass die Hellacopters ihre Hörer vom ersten Song an für sich gefangen nahmen. Jetzt braucht es tatsächlich einige Hördurchläufe, um mit dem neuen Material warm zu werden. Fast schon poppige Stücke wie „Carry me home“ oder „Go easy now“, welche man im ersten Augenblick für ein Kiss-Cover halten könnte, war man von den Schweden bisher nicht gewohnt. Wie es scheint, haben die Fünf nicht nur die Stadien dieser Welt im Auge, sondern auch fest vor, die Alternative-Playlists zu erobern. Das unterstreichen auch so abgeklärte Stücke, wie die erste Singleauskopplung „By the grace of god“ oder das treibende „Down on freestreet“ mit dezenten Keith Richards Gitarren-Licks. Ohne Frage gutes Songmaterial, das aber fast schon ein bisschen zu routiniert und auf Dauer wenig abwechslungsreich klingt. Auch wenn Boba Fett hier und da das Honky-Tonk-Piano auspackt („Better than you“, „Rainy days revisited“) oder man sich ganz zaghaft in die Nähe des Midtempo-Rock wagt („On time“). 100%ig überzeugen kann „By the grace of god“ nicht. Wohlgemerkt handelt es sich bei dem Werk um kein schlechtes Album! Aber von einer Band, die zu den Anführern einer Rock-Revolution gezählt wird, erwartet man als Fan sicher etwas anderes, als solide Hausmannskost.

Anspieltipps:

  • By the grace of god
  • Down on freestreet
  • Better than you
  • Carry me home
  • Rainy days revisited
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