Mark Knopfler - The Ragpickers Dream - Cover
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Mark Knopfler The Ragpickers Dream


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 55 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Die lebenslange Suche nach der musikalischen Verbindung zwischen dem Mississippi-Delta und der Tyne-Mündung.

Wenn verdiente Veteranen der Rockmusik alle Jubeljahre eine neue Platte auf den Markt schmeißen, spaltet sich die Gemeinde der Plattenkäufer in schöner Regelmäßigkeit in zwei Lager. Die einen nehmen die Ankündigung mit einem müden Lächeln zur Kenntnis, die anderen stürzen sich voller Vorfreude in den nächsten Plattenladen, um das Ziel ihrer Begierde mit zittrigen Händen nach Hause zu schleppen. Das reicht, um Künstlern wie etwa Mark Knopfler mit jedem neuen Werk einen Top 10 Chart-Einstieg zu bescheren. So fand sich auch das aktuelle Werk „The ragpicker’s dream“ des 53-jähirgen Schotten in der ersten Veröffentlichungswoche in den obersten Chartregionen wieder, wozu es einer treuen Fanschar bedarf, die Knopfler als Oberhaupt der Dire Straits, einer der Supergruppen der 80er-Jahre, auf seine Seite brachte.

Der gelernte Journalist und zwischenzeitliche Professor an der Universität von Essex gründete die Dire Straits (zu deutsch „ernste Notlage“) zusammen mit seinem Bruder David und arbeitete sich von Album zu Album und von Tour zu Tour auf der Erfolgsleiter nach oben. Das fünfte Studioalbum „Brothers in arms“ (1985) katapultierte die Dire Straits weltweit an die Spitze und fungierte als Initialzünder für die aufkommende CD-Technologie. Das auf der Insel Montserrat aufgenommene Monumentalwerk war eine absolute Hightechproduktion, die wie geschaffen war für die neue digitale Klangwelt. Lange Zeit galt das Album als meistverkaufte CD der Welt und sorgte auch mit Singleauskopplungen wie „Money for nothing“ oder „Walk of life“ für einen unheimlichen Run auf die Band. Die Tournee zu „Brothers in arms“ dauerte unglaubliche 12 Monate und führte die Dire Straits durch die größten Arenen der Welt. Wie so häufig, führte dies zu Verdruss bei den Musikern. Marks Bruder David war bereits während den Aufnahmen zum dritten Album „Making movies“ (1980) ausgestiegen und nun verlor auch Mark die Lust an der Geldmaschine Dire Straits. Zwar raffte man sich noch zu einem letzten Studioalbum auf („On every street“, 1990), das von einer monströsen Welttournee promotet und mit dem Livealbum „On the night“ (1993) dokumentiert wurde. Doch danach war endgültig Schluss. Knopfler hatte in den letzten Jahren so viel Geld gescheffelt, dass er für immer ausgesorgt hatte und fortan nur noch Projekte anging, die seiner Liebe zur Musik entsprachen und keine kommerziellen Hintergründe besaßen.

Wie es der Zufall so wollte, plante er einige Sessions mit lokalen Musikern in Dublin und erkannte, dass die eingeprobten Songs sich eher für ein Soloalbum eigneten als für eine neue Dire-Straits-Platte, bzw. eines seiner zahlreichen Soundtrack-Projekte („A shot at glory“, „Lokal hero“, „Wag the dog“, „Metroland“). Er setzte also die Arbeit an seinem ersten Soloalbum fort, wobei er Unterstützung durch einige der besten Musikern Nashvilles erhielt. Mark nahm sich die Zeit, die er brauchte und „Golden heart“ kam im März 1996 auf den Markt. Da sich die Plattenfirma mit der Promotion ungewöhnlich zurückhielt, was, wie man heute weiß, auf Geheiß von Knopfler geschah, wurde die Platte ausnahmsweise kein besonders großer Erfolg. Für sein zweites Soloalbum „Sailing to Philadelphia“ war eigentlich eine ähnliche Marschroute von Knopfler angedacht. Doch die Herren in der Führungsetage seines Labels Mercury Records überzeugten den Meister davon, mit dem hervorragenden Songmaterial eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen und die Werbetrommel etwas stärker zu rühren. Man organisierte eine Tournee durch Europa, Asien, Südamerika und die USA und verhalf Künstler und Platte so zu angestammten Chartsehren.

Rein inhaltlich setzt Mark Knopfler auf seinem just erschienenen Werk „The ragpicker’s dream“ (sinngemäß: „Träume eines Lumpensammlers“) fort, was er schon mit dem Vorgänger ausdrücken wollte. Wie er sagt, „seine lebenslange Suche nach der musikalischen Verbindung zwischen dem Mississippi-Delta und der Tyne-Mündung“. Sprich, der Country- und Blues-Sound dominiert auch heuer wieder die Songs, die kleine Geschichten von Auswanderern, Farmern, Bettlern und Coyoten (!) erzählen. Eröffnet wird der Reigen von der ersten Singleauskopplung „Why aye man“, einem Song über einen englischen Bauarbeiter, der zu Zeiten Maggie Thatchers nach Deutschland geht, um dort sein Brot zu verdienen. Die Komposition ist eine Kombination aus bekannten Dire-Straits-Klängen und einem flotten Walking-Blues mit Western-Twang. Der Text ist äußerst amüsant und überrascht den Hörer mit deutschen Wortfetzen und dem Zugeständnis, dass deutsches Bier „chemical free“ sei: “We had no way of staying afloat. We had to leave on the ferry boat. Economic refuges on the run to Germany. We had the back of Maggie’s hand….. There’s plenty Deutschmarks here to earn and german tarts are wunderschön. German beer is chemical free. German’s alreet with me. Sometimes a miss my river Tyne but you’re my pretty Fräulein. Tonight we’ll drink the old town dry, keep wor spirit levels high”.

Wenn Knopfler sich der amerikanischen Roots-Music widmet, während er seine Stories aus dem „wirklichen“ Leben der Arbeiterklasse erzählt, liefert er einige seiner gefühlvollsten Stücke ab. So ist zum Beispiel der Titeltrack ein einfühlsames Märchen, das im weihnachtlichen New York spielt („When Jack Frost came for christmas with a brass monkey date, the rail-king and the scarecrow hopped a florida freight. And they blew on their paper cups and stared through the steam. Than they drank half a bottle of ragpicker’s dream where the whiskey keeps following cold pitchers of beer…”). Sehr gelungen ist das herzbewegende „A place where we used to live“, das nach Salonmusik klingt und in dem der Protagonist auf die prägenden Phasen eines schweren Lebens zurückblickt. Ebenfalls recht schön ist der sanfte, zutiefst sorgenvolle Song „Hill farmer's blues“. Übrigens einer der wenigen Tracks, bei denen die so charakteristischen Dire-Straits-Gitarrenklänge noch einmal Verwendung finden. Der Song „Quality shoe” bedient sich an der Melodie des Klassikers „King of the road”. Er hat zwar einen schönen Swing, kommt aber nicht an die geniale Interpretation der Proclaimers heran. Knopfler‘s Fähigkeiten, die ihn zu einem gefragten Soundtrack-Komponisten machten, blitzen in dem atmosphärischen Song „Fare thee well Northumberland“ auf. „Marbletown“ ist eine Art Traveling-Song, der aber nicht so recht aus dem Quark kommen will und „Coyote“ wurde vom gemeinsamen TV-Cartoon-Konsum („Roadrunner“) mit seinen Kindern inspiriert. Es handelt sich um einen Südstaaten-Blues, der wie eine flotte Version von „Ode to Billie Joe“ klingt. Das Schlussstück „Old pigweed“ ist ein verträumter Blues mit einer feinen Pedal Steel-Guitar, die ruhig öfter zum Einsatz hätte kommen dürfen.

Die Songs auf „The ragpicker’s dream“ passen wunderbar in die aktuelle Jahreszeit, da sie eine sehr herbstliche Stimmung vermitteln. Das bedeutet aber auch, das die zumeist sehr getragenen Blues- und Western-Songs auf gar keinen Fall als Sommer-Platte funktionieren, was die Verwendbarkeit der CD arg einschränkt. Knopfler hält sich mit der Gitarrenarbeit angenehm zurück und versteht es gezielt Akzente zu setzen, ohne in Effekthascherei zu verfallen. Dazu singt er mit seiner charakteristischen, aber teilweise Ecken und Kanten vermissenden Stimme zu 12 extrem entspannten Kompositionen, dass man sich schon sehr anstrengen muss, die komplette Spielzeit konzentriert zuzuhören. Somit dürfte das Album eher die Fans des Meisters ansprechen und all diejenigen, die auch etwas mit Chris Reas „Stony road“ anfangen können.

Anspieltipps:

  • Devil baby
  • Old pigweed
  • The ragpicker’s dream
  • A place where we used to live
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