Richard Ashcroft - Human Conditions - Cover
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Richard Ashcroft Human Conditions


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 54 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Er hat den britischen Rock der 90er Jahre geprägt wie kein Zweiter. Er hat eines des der besten Lieder aller Zeiten geschrieben (Bittersweet Symphony). Er hat mit seiner Band "The Verve" 1997 ein Meisterwerk des modernen Rock geschaffen ("Urban Hymns") und allen Oasis-Fanatikern gezeigt, wo der britische Rock-Hammer hängt. Richard Ashcroft, 1971 aus Wigan in England gebürtig, hatte und hat etwas, um was ihn selbst ein Noel Gallagher beneiden würde: Das Gespür für die ganz großen Hymnen und Melodien, die "Urban Hymns" eben, die den Rock mit der Klassik verbinden.

Doch Ashcroft war auch immer ein Visionär, zum dem man stehen konnte, wie man wollte. Ein Individualist, der "The Verve" auflöste und 2000 ein Soloalbum, "Alone With Everybody", herausbrachte und schon hier eine deutliche Abkehr vom Verve-Sound markierte: Ruhigere Songs, deutlich weniger verzerrte Gitarren, dafür umgekehrt ein Meer von Tränen, verquickt mit Streichern und ähnlichem Bombast. Und jetzt also "Human Conditions", das zweite Solo-Werk des hageren Briten. Und während seine ehemaligen Verve-Kumpanen mit "The Shining" den British-Rock wiederbeleben, geht "Human Conditions" den bereits eingeschlagenen Weg weiter. Ja, Ashcroft ist hier noch mal ein kleines bisschen radikaler als zuvor, verbannt die Gitarren teilweise fast völlig und reichert seine Songs mit Gospel-Chören und schier unendlichen Melodiebögen an. Das sind allesamt Songs geworden, die ihr Ende nicht selten erst nach weit über 5 Minuten finden. Hervorragend ist hier das 8-minütige "Check The Meaning", das es tatsächlich schafft, den Hörer über die gesamte Länge des Songs bei der Stange zu halten. Ganz großes Kino, wie man es von Ashcroft kennt und liebt. Weiterhin stechen "Man On A Mission" und "Science Of Silence" heraus, beides herausragende, hymnische Lieder voller Melodie.

Doch insgesamt hat Richard Ashcroft mit "Human Conditions" den falschen Weg eingeschlagen. War "Alone With Everybody" wenigstens noch halbwegs geradlinig, so verliert sich sein Nachfolger nicht selten in den endlosen Songs, denen man gerne mal zurufen würde, es doch jetzt endlich gut sein zu lassen. Das ist kein Rock mehr, das ist poppiger Gospel eines Visionärs, der allmählich seine Glaubwürdigkeit verliert. Allein schon die Betitlung der einzelnen Tracks spricht Bände, "Lord I'Ve Been Trying", "Nature Is The Law" (Duett mit Brain Wilson) oder "God In The Numbers" wirken für den einstigen "Mad Richard", der Songs wie "Come On", "Sonett", "Lucky Man" oder "The Drugs Don't Work" geschrieben hat, nur noch unglaubwürdig. Und mag die Arrangierung der einzelnen songs insgesamt sehr fein gelungen sein, so ist über das ganze Album eine ärgerliche Abwechslungsarmut auszumachen, die das Hören nicht unbedingt zum unterhaltsamen Erlebnis macht.

Und so ist "Human Conditions" insgesamt ein enttäuschendes Werk geworden, das zwar rein technisch keine wirklichen Schwächen zeigt und die gewohnten Hymnen hier und da wieder zeigt. Aber von einem Mann, der schon viel Größeres geleistet hat, darf man einfach mehr erwarten als ein fast schon müde anmutendes "Alterswerk".

Anspieltipps:

  • Check The Meaning
  • Man On On Mission
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