Johnny Cash - American IV - The Man Comes Around - Cover
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Johnny Cash American IV - The Man Comes Around


  • Label: American/SONY
  • Laufzeit: 54 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Lässt man sich auf das Musikbusiness ein, ist das wie ein Tanz mit dem Teufel, der keine Ausnahmen zulässt und den man bis zum bitteren Ende mitmachen muss. Im Falle Johnny Cash ist das nicht anders. Der Mann, der am liebsten von Liebe, Gott und Tod singt („I love songs about horses, railroads, land, judgement day, family, hard times, whiskey, courtship, marriage, adultery, separation, murder, war, prison, rambling, damnation, home, salvation, death, pride, humour, pity, rebellion, patriotism, larceny, determination, tragedy, rowdiness, heartbreak, and love. And mother. And god“) kämpft seit Jahren gegen eine rätselhafte Krankheit an, die zunächst als Parkinson, dann als Shy-Drager-Syndrom und inzwischen als autonome Neuropathie diagnostiziert wurde. Weil sich der Gesundheitszustand der im Februar diesen Jahres 70 Jahre alt gewordenen Country-Legende von Jahr zu Jahr verschlechtert, lagern in den Schubladen diverser Redaktionen bereits die Nachrufe auf einen der beeindruckendsten Künstler der letzten 50 Jahre, die nach einer Veröffentlichung lechzen. Doch noch ist Cash da und liefert in schöner Regelmäßigkeit Platten von unglaublicher Tiefe und Emotionalität ab.

Obwohl Cash seit Ende der 70er Jahre künstlerisch und kommerziell keine Rolle mehr spielte, grub ihn Produzenten-Guru Rick Rubin Anfang der 90er Jahre aus der Versenkung aus und ermutigte ihn zu einem Comeback. Mit einer ebenso einfachen wie genialen Formel produzierte Rubin (unter anderem verantwortlich für Slayer, Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers, Tom Petty, Danzig) das Album „American recordings“ (1994), das sich aus wenig eigenem Material und einer Vielzahl hochinteressanter Coverversionen zusammensetzte. Der Trick bestand darin, das Songmaterial vollkommen zu entschlacken und auf seine Basics reduziert dem Meister auf den Leib zu schneidern. Dieses Rezept ging voll auf und es regnete Auszeichnungen auf der ganzen Welt. Die alten Fans erlebten einen Johnny Cash in lange vermisster Höchstform und die „Generation X“, deren Grunge-Helden kurz vor dem finalen Abgesang standen, staunten offenen Mundes über Cash's Version von Soundgarden’s „Rusty cage“. „The one and only man in black“ war wieder voll rehabilitiert und bereit für weitere Großtaten. Diese folgten mit den wiederum von Rick Rubin in kleinen Studios und im Wohnzimmer von Johnny Cash aufgenommenen Werken „American II: Unchained“ (1996) und „American III: Solitary man“ (2000). Dazwischen erschien ein hochamüsanter Live-Mitschnitt aus der Reihe „VH-1 Storytellers“, zusammen mit Willie Nelson (1998).

Seit wenigen Tagen steht nun die vierte Zusammenarbeit Cash/Rubin mit dem Titel „American IV: The man comes around“ in den Regalen und wieder überschlägt sich die Fachpresse mit Lob und Begeisterung für das Werk, welches eindeutig die Empirien von Johnny Cash mit seiner Krankheit zugrunde legt. „Das Thema dieses Albums ist Spirit“, sagt Cash. „Ein menschlicher Geist, weniger ein spiritueller oder göttlicher, ein menschlicher Geist, der ums Überleben kämpft. Vermutlich reflektiert das meine Erfahrungen mit dem Schmerz meiner Krankheiten, die mich dem Tod so nahe brachten. Und ich weiß, dass ich diese Dinge mit schierer Willenskraft überwunden habe. Ich werde nicht aufgeben, und ich habe die Stärke für dieses Album nur gefunden, um dieser Krankheit eins auszuwischen. Manchmal kam ich ohne Stimme ins Studio, ich hätte einfach zuhause bleiben können. Aber das konnte ich nicht passieren lassen. Also kam ich und öffnete meinen Mund und versuchte irgendwas zu Wege zu bringen. Ich nahm auf, wenn das eigentlich das Letzte auf der Welt war, was ich hätte tun können. Und das sind die Tracks, die das Feeling haben, das Feuer, die Inbrunst und Leidenschaft – da ist sehr viel Stärke aus dieser Schwäche erwachsen."

Dass sich solche Grenzerfahrungen künstlerisch positiv auswirken können, bewies zuletzt Chris Rea mit seiner musikalischen Widergeburt „Stony road“. Und auch Cash ist sich seiner sicher: „Ich glaube ganz fest, dass dies unser bestes Album geworden ist. Ja, es geht sogar noch weiter als die anderen. Weil es in so viele verschiedene Richtungen zeigt, aber doch bei mir zusammenläuft. Diese Songs finden zusammen, weil ich sie zu meinen eigenen mache. Interessant ist, dass Cash von „unserem besten Album“ spricht. Daran erkennt man die Wertschätzung, die er Rick Rubin als Produzenten angedeihen lässt. Doch es ist nicht nur Rubin, der die Alben der „American“-Reihe zu Perlen der Musikkunst werden ließ. Jedes Mal reiht der Meister eine illustre Gästeschar um sich, die ihn im Studio unterstützt. So gaben sich diesmal keine geringeren als Don Henley (The Eagles), Nick Cave, Fiona Apple, John Frusciante (Red Hot Chili Peppers), Smokey Hormel (Beck), Billy Preston und Mike Campbell (Tom Petty & The Heartbreakers) die Ehre. Entstanden sind dabei 15 Songs, die den geneigten Hörer bei entsprechender Konzentration in spirituelle Sphären führen, dass einem kalte Schauer über den Rücken laufen. Ganz gewiss passiert das beim herzzerreißenden Traditional „Danny boy“, das in nicht mal zwei Stunden in der Episkopal-Kirche in L.A. auf Band gebracht wurde. Hier dominiert, wie soll es anders sein, eine Kirchenorgel, die dem Song eine emotionale Schwere verabreicht, dass es einem fast den Boden unter den Füßen wegzieht.

Ebenfalls nicht verstecken muss sich „Hurt“ (im Original von Nine Inch Nails), das Cash für den besten Anti-Drogen-Song hält, den er je gehört hat. „Es geht um den Schmerz eines Mannes und darum, was wir uns selbst antun können – aber auch um die Möglichkeit, dass wir das nicht mehr tun müssen. Damit konnte ich sofort etwas anfangen.“ Mit hörbar brüchiger Stimme gibt der Man in Black eine der nicht gerade zahlreichen Sternstunden in der Kompositionskunst von Trent Reznor wieder. Dazu bauen Mike Campbel, Smokey Hormel und Benmont Tench nur mit Gitarren, Orgel und Mellotron eine kleine Wall of Sound auf, die ihres Gleichen sucht. Großartig! Eines der vielen kleinen Juwelen der CD ist das Titelstück „The man comes around“. Ein Hauptwerk im Schaffen des Johnny Cash, ein Stück, das von Weite erzählt, von Land, von Menschen, von Dir und von mir. Eingeleitet durch einen kurzen Spoken-Word-Part, wird auch hier voll auf die Wirkung akustischer Instrumente gesetzt, die den Song im Stil eines galoppierenden Pferdes nach vorne treiben. Da werden dem Meister auch vermeintliche Ausfälle, wie die nachfolgende Coverversion von „Bridge over troubled water“ verziehen, die von einer wie Falschgeld singenden Fiona Apple komplett heruntergezogen wird. Eine ziemlich geschickte Maßnahme war es, „Personal Jesus“, einen der besten Depeche-Mode-Tracks aller Zeiten auf die CD zu nehmen. Der Song beginnt mit der allseits bekannten, schön kraftvoll gezupften Cash-typischen Steel-Guitar und findet seine Begleitung in einer von John Frusciante gespielten Rhythmusgitarre sowie einem zarten Honky-Tonk-Piano-Schema von Billy Preston. Dazu Cash: „‘Personal Jesus‘ ist vermutlich ein Gospel-Song, der dem Evangelium so nahe ist, wie sonst kaum einer, den ich aufgenommen habe. Ich weiß nicht, ob der Autor das damit im Sinn hatte, aber genau das ist es, was ich suchte.“

„In my life“ ist (natürlich) ein Cover des bekannten Beatles-Songs. Genial strukturiert, wunderbar melodisch, mit tollem Refrain und einem brummigen Johnny Cash. So machen selbst noch Beatles-Cover Spaß. „Sam Hall“ ist ein flotter Walking-Blues, der bei aller Düsternis richtig gute Laune verbreitet, wozu natürlich auch der kuriose Text beiträgt. Beim Eagles-Track „Desperado“ könnte man der Meinung sein, dass er in den letzten Jahren zu Tode gecovert wurde. Doch diese karge Fassung entschädigt für so manche Bombastversion, die eh keiner mehr hören mag. Bei der Hank-Williams-Nummer „I’m so lonesome I could cry“ greift Cash auf die Hilfe seines legitimen Nachfolgers Nick Cave zurück. Man muss sich allerdings ziemlich anstrengen, um den guten Nick durch Cash’s überdeckender Stimme herauszuhören. Als Nicht-Kenner würde wohl auch kaum jemand darauf kommen, dass das Stück „I hung my head“ aus der Feder von Sting stammt. Cash: „Diese Art Songs mag ich - traurig und tragisch. Es geht ja in vielen meiner Songs um Desaster und Tragödien, um Mord, Tod und zerbrochene Lieben. Und dieser Song passt genau da rein." Und nicht nur dieser.

Wiedereinmal hat es das Duo Cash/Rubin verstanden, bekannte Songs so auszuwählen und umzustrukturieren, dass sie sich wie selbstverständlich in den Katalog dieses Musikdinosauriers aus Arkansas einfügen, als wären es seine eigenen Kompositionen. Primär dem Thema Erlösung gewidmet, gibt Cash alles, was sein von Krankheiten gezeichneter Körper zu geben vermag. Das reicht nicht ganz an die Vorstellung auf „Solitary man“ heran, ist aber noch immer besser, als so vieles, was wöchentlich in die Auslagen der Plattenläden geschwämmt wird. Bleibt nur zu hoffen, dass die „American recordings“ auch in Zukunft fortgesetzt werden. Johnny, wir zählen auf dich!!!

Anspieltipps:

  • Hurt
  • In my life
  • Danny boy
  • Personal Jesus
  • I hung my head
  • The man comes around
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