Westernhagen - In Den Wahnsinn - Cover
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Westernhagen In Den Wahnsinn


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

„In den Wahnsinn“ ist kein Album, das seine Hörer mit offenen Armen empfängt.

In der Geschichte der Rock- und Popmusik hat es immer wieder große oder kleine Rivalenspiele gegeben. Da waren Beatles gegen Stones (klein), Blur gegen Oasis (groß) oder ganz frisch Westernhagen gegen Grönemeyer. Im Falle der beiden deutschen Vertreter holte Herbert Grönemeyer aus heiterem Himmel gegen Herrn Westernhagen aus, in dem er ihn öffentlich der Undankbarkeit und des Größenwahns bezichtigte. Grönemeyer hatte nach eigenen Angaben in Zeiten, als die Karriere von Marius Müller-Westernhagen im Nichts dümpelte, ein Marketing-Konzept entwickelt, um dem Ex-Star zu alter Popularität zu verhelfen. Nachdem das Ziel erreicht und Westernhagen Ende der 80er Jahre zum größten deutschen Popstar avanciert war, wollte dieser von all dem nichts mehr wissen und hielt sich für unantastbar. Grönemeyer wertete dies als „unheimlich brutalen Tritt“, den er jetzt, in Zeiten seiner größten Erfolge, öffentlich machte. Laut Westernhagen hat es eine solche Hilfe Grönemeyers nie gegeben und es sei ihm schleierhaft, warum diese Story seit Jahren durch die Branche geistert und jetzt zum großen Medienknaller wurde.

Fast wirkt es so, als handele es sich um eine gemeinsame Marketing-Absprache, denn wie es der Zufall so will, beeilte sich Westernhagen, sein neues Album „In den Wahnsinn“ noch vor Jahresfrist in die Läden zu hieven und so einen gehörigen Teil vom großen Kuchen des Weihnachtsgeschäfts abzubekommen. Angesichts 400.000 Vorbestellungen kann man dieses Unterfangen durchaus als geglückt bezeichnen. Was den erfolgsverwöhnten Schauspieler und Sänger allerdings dazu bewogen hat, ein Video zur ersten Singleauskopplung „Es ist an der Zeit“ auf den Markt zu schmeißen, das in seiner dilettantischen Unausgegorenheit richtiggehend verstörend wirkt und den kryptischen Text, des ansonsten schmissigen Rocksongs, in keiner Weise unterstützt, bleibt sein Geheimnis. Fest steht, dass Zeilen wie „Im Westen nichts Neues. Hannawald ist gestürzt. Die Börse im Keller. Auf dem Nachtisch die Pille. Mordgedanken im Blick. Und der Wünsche zu viele. Deine Sorgen, deine Sorgen sind dein Trick“ alles andere als leicht zu verdauende Kost sind und so machen ratlos zurücklassen werden.

Doch genau das war es, was Westernhagen mit seinem neuen Werk bewirken wollte. Veränderung und radikale Abkehr von ausgetrampelten Pfaden: „Ich gebe zu: Ich begann mich zu langweilen. Glauben Sie nicht, dass ich undankbar bin, aber ich hatte genug von dem immer wiederkehrenden Zyklus: Song schreiben, Platte aufnehmen, Marketing-Kampagne, Stadiontour. Es war nicht mehr der richtige Kick da, keine Leidenschaft, keine Leidensbereitschaft. Man erledigt alles mit großer Professionalität, man erreicht auch eine gewisse Qualität, aber man bemerkt an sich selber und an den Musikern: Irgendwas fehlt. Für mich ist das ganze Album wie ein einziger Film, ein Trip. Deswegen fällt es mir schwer, einzelne Szenen, also Songs herauszupicken. Vielleicht fühlen sich manche Leute durch die Intensität dieser Songs unangenehm berührt oder angegriffen. Ich fände das sogar wünschenswert, weil es zu den Aufgaben eines Künstlers gehört, nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu irritieren. Jedenfalls sind die Songs ganz ohne Drogen entstanden, da kann ich Sie beruhigen – wenn man von jeder Menge Espressi und abends mal einem Glas Rotwein absieht. Obwohl eine gewisse Erfahrung nicht schaden kann. Dabei hatte ich ein paar Erlebnisse, die mich ins Grübeln brachten. Ich hatte zum Beispiel das Angebot, für eine große Autofirma ein Konzert zu geben – und als ich das Konzept las, stand da geschrieben: „Westernhagen ist ideal, weil er nicht polarisiert.“ Da habe ich mir gedacht: Bist du so leicht konsumierbar geworden? Ähnlich ging es mir, als eine alte Dame mich auf der Straße ansprach und sagte: 'Sie machen ja so eine schöne Musik.' Nicht dass ich was dagegen hätte, dass alte Damen meine Musik mögen, aber ich fühlte mich doch in meiner Ehre als Rock ’n’ Roller verletzt. Ich musste eine Zäsur machen. Ich hatte das Gefühl, nur durch einen radikalen Schnitt noch einmal weiterzukommen.“

Dazu zählte auch die Zusammenarbeit mit neuen, hungrigen Musikern und einem Produzenten, der die Fähigkeit besitzt, die Kompositionen Westernhagens auf einen neuen Level zu bringen. In dem amerikanischen Allround-Genie Kevin Bents hat der Düsseldorfer diesen genialen Partner gefunden und liefert eine CD mit zwölf Songs ab, die die gesamte Gefühlspalette ausreizen. Ob dramatisch, zynisch, melancholisch oder arrogant. Egal wie man zu Westernhagen steht, dieses Werk dürfte niemanden kalt lassen. In dem flotten Rocksong „Rosen“ befasst sich der Künstler sogar mit der Thematik des 11. September, allerdings ohne das Ereignis beim Namen zu nennen. Dabei ist das Stück vom Text her ein einziges Lamento: „Es ist vorbei. Ein Leben lang. Leg’ mir Rosen auf mein Grab. Ich will Rosen jeden Tag. Streu’ mir Rosen auf den Weg. Ich will Rosen wenn ich geh’....“. Sicher irgendwo verständlich, hat der Sänger doch eine ganz besondere Beziehung zu der Stadt New York und deren Menschen: „Meine Frau ist gebürtige New Yorkerin und in Brooklyn mit Blick auf die Twin Towers groß geworden. Ihre Mutter lebt noch immer dort und musste die gesamte Tragödie vom Balkon aus mit ansehen. Wir waren, als es passierte, in Hamburg im Auto unterwegs. Als wir vom Einschlag des ersten Flugzeugs ins World Trade Center erfuhren, habe ich angeblich sofort gesagt: „Das war Osama Bin Laden.“ Ich selber kann mich nicht daran erinnern. Als wir auf dem Weg nach Hause waren, ist dann das zweite Flugzeug reingeflogen. Den Rest des Tages haben wir CNN angestarrt und verzweifelt versucht, Romneys Mutter zu erreichen."

„In den Wahnsinn“ ist kein Album, das seine Hörer mit offenen Armen empfängt. Die Songs zünden beim ersten Mal kaum, geben aber bei jedem Hörgenuss neue Details preis. So klingt „Was du...“ anfänglich sehr zerklüftet. Laute und leise Passagen wechseln sich ab und es dauert relativ lange, bis sich das Ohr an den schleppenden Beat gewöhnt hat. Dann wird man aber mit einem genialen Gitarrenarrangement und dem prächtigen Mundharmonika-Outtro verwöhnt. Eine relativ konventionelle Ballade im typischen Westernhagen-Stil ist „Die Liebe lebt“. Die einen werden das Stück als banal bezeichnen, andere wiederum als tolle Herz-Schmerz-Ware loben. Geschmackssache eben. „Böser Engel“ zeigt den Meister dagegen von einer ganz neuen Seite. Das Stück kommt im Country-&-Western-Stil daher, hat aber neben den ungewöhnlichen Instrumenten und Westernhagens knödelnder Stimme nicht viel zu bieten.

Einer der irritierendsten Songs ist „Lichterloh“, für den die Doors eigentlich Songwriter-Credits erhalten müssten. Auf knapp sechs Minuten komprimiert, orientiert sich der komplette Songaufbau am Doors-Klassiker „The end“ und verbreitet eine ebenso unheimliche Stimmung. Westernhagen betet flüsternd seinen Text herunter, während die Musik angsteinflößend aus den Boxen wabert. Dann bricht der Refrain plötzlich die lähmende Stimmung auf und Marius brüllt in abenteuerlicher Stimmlage „Die Welt brennt lichterloh“. Dazu muss man wohl vorher mit rostigen Nägeln gegurgelt haben. Aber der Einsatz hat sich gelohnt. „Geneviève“ ist ein unspektakulärer Halb-Reggae im Tanzhaus-Stil, der zum Glück das kürzeste Stück auf der Platte ist. In absoluter Hochform zeigt sich Westernhagen in „Nureyev“. Der Song ist purer Sex und pumpt den Rhythmus aus den Boxen wie ein Herz das Blut durch die Adern. Auch hier muss wieder die Leistung der Gitarrenfraktion gelobt werden. Das ist ganz großes Kino! Obendrauf setzt der gute Herr Westernhagen einen Text der Marke „Parental Advisory: Explicit Lyrics“ („Meine Morgenlatte bettelt um Gnade. Da fällt mir ein, dass ich mich nie gewagt dir zu sagen, dass ich die nie geliebt hab’. Dir zu beichten, mit wem ich mich klammheimlich treff’. Der einzige Mann, den ich geliebt hab’ war Rudolf Nureyev“).

Das zentrale und zugleich abgefahrenste Stück Musik ist der an die Acht-Minuten-Marke anklopfende Rocker „Why don’t you say your name“. Bei der Studioaufnahme gab Westernhagen sprichwörtlich alles und lieferte eine an Intensität kaum zu übertreffende Performance ab. Textlich geht er an die Grenze dessen, was in Deutschland machbar ist („Ich lieg’ in meiner Kotze. Keine Ahnung wo ich bin. Meine Unterhose hängt mir auf den Knien. Im Badezimmer rauscht die Dusche. Wem gehört die Frauenstimme. Warum halte ich ein Messer. Hat der Wahnsinn mich endlich eingeholt? Ich kann mich kaum bewegen. Mein Herz sprengt mir die Brust und es stinkt nach Kotze, Sex und Blut“) und auch musikalisch werden ganz neue, ruppige Töne angeschlagen. Nach eigener Aussage wurde Westernhagen nach der Aufnahme von Weinkrämpfen gepackt, so intensiv war das Gefühl beim Einspielen des Songs.

„In den Wahnsinn“ ist eine starke Deutsch-Rock-Platte geworden, die bei zwölf Songs maximal zwei kleine Ausfälle zu verzeichnen hat. Ansonsten regieren Lieder mit wunderbar eleganten Melodieführungen, die kernig rau instrumentiert sind, dabei aber nie den Mainstream aus den Augen lassen. Selbstredend bedient sich der Barde auch heuer im großen Rolling-Stones-Riff-Baukasten. Doch im Vergleich zu früheren Jahren um einiges gemäßigter. Die Einflüsse der neuen Musiker-Mannschaft sind deutlich zu spüren und der Kitsch von „Radio Maria“ wird vergessen gemacht. Neben Grönemeyers „Mensch“ ist die CD sicher einer der Pflichtkäufe des Jahres, auch wenn die beiden Platten unterschiedlicher nicht sein könnten.

Anspieltipps:

  • Rosen
  • Nureyev
  • Was du...
  • Lichterloh
  • Why don’t you say your name
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