Pearl Jam - Riot Act - Cover
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Pearl Jam Riot Act


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Album ist eine logische Weiterentwicklung des auf „Binaural“ eingeschlagenen Weg und präsentiert die Band in großer Form.

Der Zahn der Zeit macht noch nicht mal vor Göttern halt. Selbst wenn diese auf den Namen Pearl Jam hören und zur Speerspitze des Grunge gehörten. Doch diese Zeiten sind leider vorbei und die fünf Musiker Stone Gossard , Mike McCready , Jeff Ament , Eddie Vedder sowie Matt Cameron haben sich schon vor vielen Jahren von den Mechanismen eines Majordeal gesegneten Acts verabschiedet. Verweigerung ist das Stichwort und sicher ein Grund dafür, dass der auslaufende Vertrag mit Sony Music noch nicht verlängert wurde.

Inzwischen schreiben wir das Jahr 2002 und Pearl Jams Mega-Debüt „Ten“ hat genau zehn Jahre auf dem Buckel. Als die einzigen Überlebenden der Seattle-Familie betritt die Band nun mit ihrem siebten Studioalbum „Riot act“ ein weiteres Mal die Bühnen der Welt. Dabei fällt auf, dass bei den Herren die ehemals zur Pflichtausstattung gehörenden Matten inzwischen ab und trendigen Kurzhaarfrisuren gewichen sind. Auch die Figuren sind etwas fülliger geworden. Die typischen Anzeichen des Wohlstands eben. Doch Pearl Jam haben nie aufgegeben, sich nie versucht anzupassen oder von neuen Trends verrückt machen lassen. Selbst wenn Grunge derweil klinisch tot ist und nur noch von Pseudo-Acts wie Nickelback oder Creed am Leben gehalten wird. Die Band ist ihrer Linie stets treu geblieben. Zwar quälten die Seattle-Epigonen zuletzt die Geldbeutel der verbliebenen Fanschar mit der gleichzeitigen Veröffentlichung von 72 (!) Doppel-Livealben als Dokument der letzten Welttournee, doch auf die Treue ihrer Anhänger ist weiterhin Verlass. Selbst masseninkompatible Werke wie das punkige „Vitalogy“ (1994) oder die verschrobenen Outputs „No code“ (1996) und „Yield“ (1998) konnten den Mythos Pearl Jam nicht brechen. Erst mit der 2000er-Veröffentlichung „Binaural“ wurde der Fünfer wieder von einer größeren Käuferschicht entdeckt. Selbst wenn „Binaural“, das nach einem Kunstkopf-Aufnahmeverfahren, welches einen besonderen räumlichen Klang erzeugt, benannt wurde, alles andere als leicht zugängliche Kost ist. Trotzdem war das Interesse an der Band so groß, dass man sich auf eine große Welttournee begab, die viele denkwürdige Konzerte bescherte aber auch Synonym für eines der tragischsten Ereignisse in der Geschichte der Rockmusik wurde.

Während der Europa-Reise spielten Pearl Jam auch auf einem Festival im dänischen Roskilde, bei dem während des Auftrittes der Amerikaner neun Menschen ums Leben kamen. Ein Horrorerlebnis, wegen dem die Band noch immer leidet und um ein Haar den Dienst quittiert hätte. Dazu Eddie Vedder: „In Roskilde lief so vieles schief. Es war einfach nicht unsere Show, es waren nicht unsere Sicherheitsleute, die normalerweise kein Problem haben, mir Zeichen zu geben, das Konzert zu unterbrechen. Ich denke, dass einige Leute sicher mitgekriegt haben, dass etwas passiert, und vielleicht dachten sie, sie könnten oder dürften das Konzert nicht unterbrechen. Als uns klar wurde, was los war, war das wie der schrecklichste Albtraum. Eines steht jedenfalls fest: Wir werden nie wieder bei einem Festival spielen, denn das Roskilde-Trauma hängt uns noch immer nach. Wenn man uns in irgendeiner Form für die Katastrophe hätte verantwortlich machen können, dann würden wir auch ganz bestimmt nicht mehr auftreten. Ich dachte jedenfalls, wir würden niemals darüber hinweg kommen. Wahrscheinlich werden wir das auch nie, aber zumindest wird es mit der Zeit besser“. Das Gefühl, nicht loslassen zu können und sich ständig mit dem Thema auseinander setzen zu müssen, wurde auf dem neuen Album im Song „Love boat captain“ verarbeitet, den Pearl Jam zu Ehren der Verstorbenen ab sofort als Fixpunkt in ihr Live-Programm aufgenommen haben. Das Stück glänzt mit warmen, melancholischen Orgel-Harmonien, bei denen man die Mithilfe des Keyboarders Boom Gaspar, einem Surfer-Kumpel Vedders, deutlich heraushören kann. Der Songaufbau ist klassisch strukturiert und lässt das Stück von Minute zu Minute zu einer schönen Wall Of Sound heranwachsen. Ganz sicher einer der besten PJ-Songs aller Zeiten!

Nach dem ziemlich verhaltenen Eröffnungslied „Can't keep“ und dem schon erwähnten „Love boat captain“ (Song Nr. 3) stellt das staubtrocken produzierte „Save you“ (Nr. 2) den ersten Höhepunkt des Albums dar. Der Song rockt temporeich drauf los und wird im Mittelteil von einem coolen Bass- und Schlagzeug-Solo aufgelockert. Beim Einspielen des Songs begab es sich, dass Drummer Matt Cameron inmitten der Aufnahme seine Kopfhörer verlor, als er bei einem Break eine Ruckartige Bewegung machte. Er spielte den Song trotzdem zuende, obwohl er keinen Monitorsound mehr hatte und lediglich am Bassspiel von Jeff Ament den Songverlauf erkennen konnte. Der Take war so gut, dass man exakt diese Version auf dem Album beließ und sich der geneigte Hörer nun auf die Suche nach „der“ Stelle machen kann.

Es folgt das nicht sonderlich aufregende „Cropduster“, dessen tieferer Sinn sich auch nicht beim Studium des Textbuches erschließt. Dennoch ein guter Song. Danach steht wieder ein handfester Rocksong an. „Ghost“ ist sehr gradlinig und legt einen satten Punch an den Tag. Dazu fährt er, neben einigen starken Soli von Mike McCready, eine messerscharf agierende Rhythmusabteilung auf. Ein wahres Riff-Monster, das ohne Ende Spaß macht. Dann folgt auch schon die erste Singleauskopplung. Das introvertierte „I am mine“ präsentiert einen gesanglich und textlich auf höchstem Niveau agierenden Eddie Vedder. Die Melodie ist eingängig aber nicht singletypisch. Ein Markenzeichen der späten Pearl Jam, das auch hier fortgesetzt wird. Für das verträumt nachdenkliche „Thumbing my way“ griff Eddie Vedder persönlich zur Akustikgitarre und kombinierte diese sehr homogen mit den Klängen von Boom Gaspars Hammond Orgel. Dadurch entstand eine Gänsehautballade, die gewiss zu den Höhepunkten der nächsten Tournee zählen wird.

„You are“ ist einer der ungewöhnlichsten Pearl-Jam-Songs, die jemals auf CD und Vinyl gebannt wurden. Der Beat ist sehr funky, während die Gitarren ziemlich spacig klingen und abgehakte Riffs auffahren. Zusammen mit der ausdrucksstarken Stimme von Eddie ergibt sich daraus eine bemerkenswerte Komposition aus der Feder von Drummer Matt Cameron, die nichts mehr mit dem Sound von vor zehn Jahren zu tun hat, aber trotzdem absolut faszinierend ist. „Get right“ ist ein kurzer Noise-Rock-Song in typischer Studio-Spaß-Manier. Wieder haut McCready eines seiner furztrockenen Soli raus, während Stone Gossard das Lied gnadenlos nach vorne treibt. Das ratternde „Green disease“ erinnert etwas an „MFC“ vom´98er Album „Yield“. Hier übernimmt zur Abwechslung der Bass von Jeff Ament die Hauptarbeit. „Bu$hLeaguer“, aus der Feder von Stone Gossard, ist ein amüsant-bissiger Seitenhieb auf Präsident George W. Bush, der beweist, dass Vedder seine aggressive Seite nicht völlig abgelegt hat. Mit einem sehr tiefen Sprechgesang leitet er den Song souverän von vorne bis hinten und macht seine Stellung innerhalb der Band eindrucksvoll deutlich. Bevor mit dem balladesken „All or none“ der Schlusssong erklingt, führt Vedder im 60-sekündigen „Arc“ einen gigantischen Chor-Sound an und macht uns den Schamanen. Das soll aber nicht heißen, das Herr Vedder zu einem neuen Jim Morrison mutiert. Abgesehen davon, dass er aus diesem Alter raus ist, hat es die Band eh nicht mehr nötig irgendwem irgendwas zu beweisen. Dazu ist „Riot Act“ eine Platte geworden, die zunächst viel zu unspektakulär wirkt, sich aber nach mehrmaligem Anhören zu einer Angelegenheit zwischen immer noch aufschäumendem Zorn und in sich ruhender Spiritualität entwickelt. Die Songs wirken eingängiger denn je und warten fast durchgehend mit herausragenden Gitarrensoli auf, was wir in dieser Form schon lange nicht mehr von „Seattles Best“ zu Gehör bekommen haben.

Das Album ist eine logische Weiterentwicklung des auf „Binaural“ eingeschlagenen Weg und präsentiert die Band in großer Form. Auf diese Weise dürfen die Fünf gerne alle zwei Jahre eine neue Platte veröffentlichen und langsam aber sicher zu Dinosauriern der Rockmusik mutieren.

Anspieltipps:

  • ½ full
  • Save you
  • I am mine
  • Love boat captain
  • Thumbing my way
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