Matchbox Twenty - More Than You Think You Are - Cover
Große Ansicht

Matchbox Twenty More Than You Think You Are


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 50 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Auch wenn einige Songs hervorstechen, ist dieses Album vor allem als Einheit zu verstehen und nicht als Hitsammlung.

Mit drei Alben in sechs Jahren liegen Matchbox Twenty gut im Schnitt, wobei es schon verwunderlich ist, dass sich die Plattenfirma in dieser Zeit zurückgehalten hat, von ihrem Goldesel irgendwelche obskuren Live-Alben oder Outtakes-Sammlungen auf den Markt zu schmeißen. Schließlich besagt eine alte Business-Regel, man solle das Eisen so lange schmieden wie es heiß ist.

Nun kann man im Bezug auf Europa nicht gerade behaupten, dass Matchbox Twenty zu den großen Abräumern gehören. Dazu spielte man in den hiesigen Charts bisher keine all zu große Rolle. In den USA dagegen zählt die Band zu den bestverkaufendsten Acts der ausgehenden 90er Jahre. So setzte man in den Staaten allein vom Debüt aus dem Jahr 1996 („Yourself or someone like you“) unglaubliche zwölf Millionen Einheiten ab, was fünf unbekannte Jungs aus Orlando, Florida, quasi über Nacht zu Stars beförderte.

Obwohl die Platte niemals den ersten Platz der Charts erreichten konnte, zehrte man stattliche drei Jahre von dem Album und koppelte bis 1998 insgesamt vier Singles aus („Real world“, „3 am“, „Push“ und „Back 2 good“). Erst im Jahr 2000 erschien der Nachfolger „Mad season“, der wiederum ein beachtlicher Erfolg wurde (allein Vierfach-Platin in den USA) und den Status von Matchbox Twenty als neue Supergruppe festigte. Spricht man allerdings jemanden auf die Musiker von Matchbox Twenty an, wird man schnell feststellen, dass man aus der Band (Rob Thomas , Kyle Cook , Adam Gaynor , Brian Yale , Paul Doucette ) nur ein Gesicht tatsächlich kennt: Das von Sänger und Songschreiber Rob Thomas. Ob sich die Musiker auf dem Cover des neuen Albums „More than you think you are“ deshalb die Gesichter verdecken?

Warum einzig der in Deutschland, auf einer US-Militärbasis geborene Frontman einen gewissen Widererkennungswert besitzt, ist kein Geheimnis und schnell erklärt. Der Bursche ist bis auf wenige Ausnahmen für das gesamte Songwriting von Matchbox Twenty allein verantwortlich, weshalb sich in den letzten Jahren beinahe die gesamte Branche um seine Fähigkeiten als Songschreiber riss. Voller Stolz kam der gute Rob den Wünschen seiner Kollegen nach und lieferte unter anderem Songs für Mick Jagger und Willie Nelson ab. Am meisten profitierte allerdings Santana auf seinem 99er Comeback-Album „Supernatural“ von den Künsten Rob Thomas'. Die erste Singleauskopplung „Smooth“ des Multisellers stammte aus seiner Feder und ebnete den Weg zu einem der bestverkauften Alben der letzten zehn Jahre. Das Lied strich drei Grammys für den besten Song des Jahres, Schallplatte des Jahres und die beste Pop-Kollaboration des Jahres ein und war ein absoluter Dauerbrenner auf allen Musikkanälen und Radiostationen. Ganz klar, dass da nur wenig Zeit bleibt, neue Songs für seinen eigentlichen Arbeitgeber zu schreiben.

Trotzdem stammen von den 13 Songs (inklusive dem Hidden Track „So sad so lonely“) auf „More than you think you are“ wieder sieben allein von Herrn Thomas. Lediglich bei fünf Titeln durften die Bandmitglieder eigene Ideen beisteuern, was dem Gesamteindruck der Platte hörbar gut getan hat. Das Stück „Disease“, zugleich die erste Singleauskopplung, hat Thomas zudem zusammen mit Rolling Stone Mick Jagger verfasst. Produziert wurde das dritte Album wie schon die Vorgänger von Matt Serletic, aufgenommen in den Bearsville Studios und der Hit Factory in New York.

Zum Auftakt greifen die Gitarristen ungewöhnlich hart in die Saiten und liefern mit „Feel“ einen Riff-orientierten Rockkracher ab, den man nach dem extrem poppigen Vorgängeralbum nicht erwartet hätte. Auch nicht ohne ist der zweite Track „Disease“, der ein wenig nach „Smooth“ klingt, nur härter und dass Santana nicht mit seinem ätzenden Gegniedel nervt. Alles in allem nette Songs, aber nicht unbedingt beeindruckend. Doch wer bereits jetzt in Panik verfällt, sieht sich getäuscht. Ab Song Nummer drei („Bright lights“), der leichte John Lennon- und Country(!)-Einflüsse verarbeitet, packt Rob Thomas ein Feuerwerk an Melodien aus, das im Bereich des College-Rock seines Gleichen sucht und unter Beweis stellt, warum der Mann zu den gefragtesten Komponisten unserer Zeit gehört. Dazu liefert die Band eine perfekte Leistung an den Instrumenten ab, die vor Details und Feinheiten übersprudelt. Ob beim schönen „Unwell“, wo Pedal-Steel-Guitar und Hammond Orgel mit Bedacht zum Einsatz kommen, oder beim an Collective Soul erinnernden Rocksong „Cold“, den die E-Gitarren dominieren. Der Ideenreichtum ist lobenswert und fördert diverse unverbrauchte Harmonien zutage.

Einer der unbestrittenen Höhepunkte des Albums ist die wunderbare Ballade „Hand me down“. Hier stimmt einfach alles. Rob Thomas singt unglaublich einfühlsam, dazu erklingt aus der Ferne eine sehnsüchtige Slide-Gitarre, die vom Mellotron-Spiel Paul Doucettes begleitet wird. Ein Song, von dem man sich wünscht, dass er niemals endet. Ein weiteres Glanzlicht ist „Downfall“. Beginnt das Stück noch unauffällig mit dem locker flockigen Rhythmus eines Rocksongs, setzt im Mittelteil plötzlich ein Gospel-Chor ein, der das Lied auf eine völlig neue Ebene bringt. Das ist ebenso überraschend wie genial. So stellt man sich intelligente Rockmusik anno 2002 vor. Etwas aus der Rolle fällt das offizielle Schlussstück „The difference“, das in seiner Instrumentierung fatal an die „Human touch/Lucky town“-Phase von Bruce Springsteen erinnert und auch auf einem Bon-Jovi-Album sein Zuhause finden könnte. Sicherlich Geschmackssache und nicht jedermanns Fall. Dafür entschädigt der Hidden Track „So sad so lonely“ mit ungewöhnlichem Groove und augenzwinkerndem Text („I don't want nobody. Nobody don't want me. I'm so sad so lonely but I'm always landing on my feet“).

Auch wenn einige Songs hervorstechen, ist dieses Album vor allem als Einheit zu verstehen und nicht als Hitsammlung, wobei Chartpotenzial eindeutig vorhanden ist. Natürlich wird die CD notorische MOR-Hasser nicht dazu bekehren, jäh die Fronten zu wechseln, auch wenn das Werk aus dem Wust der College-Rock-Veröffentlichungen hinausragt und Alben wie das aktuelle Lifehouse-Werk „Stanley Climbfall“ mühelos in die Tasche steckt. Die dritte Langrille von Matchbox Twenty ist mindestens so gut wie ihr Debüt und um einiges stärker als das überproduziert wirkende Zweitwerk. Somit erhebe ich für Fans des Genres und Liebhaber handgemachter Rockmusik „More than you think you are“ zu einem Pflichtkauf. Schade nur, dass die Deutschland-Veröffentlichung erst für März 2003 geplant ist.

Anspieltipps:

  • Cold
  • Unwell
  • Downfall
  • Bright lights
  • Hand me down
Neue Kritiken im Genre „Rock/Pop“
Diskutiere über „Matchbox Twenty“
comments powered by Disqus