Christina Aguilera - Stripped - Cover
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Christina Aguilera Stripped


  • Label: RCA/BMG
  • Laufzeit: 78 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

So richtig ist man sich noch nicht im Klaren darüber, was Fräulein Aguilera mit ihrer neuerdings offensiv und öffentlich zur Schau getragenen Sexualität bezwecken will. Klar, sie ist älter geworden und nicht mehr das naive Mädel, das alles tut, was die Plattenfirma ihr vorschreibt. Andererseits zählt es auch zu den ersten Regeln im Showbiz, auf Teufel komm raus Aufmerksamkeit zu erregen, um ein neues Produkt zu promoten. Doch mit dem provokativen Video zur Single „Dirrty“ und der einhergehenden Nabelschau in sämtlichen Medien könnte der am 18. Dezember 1980 in Staten Island, New York, geborene Ex-Teenie-Star zu weit gegangen sein. Auf jeder Fall zu weit, um mit dem neuen Album, das auf den bezeichnenden Titel „Stripped“ lautet, noch einigermaßen ernstgenommen zu werden.

Dabei begann alles so harmlos. Im zarten Alter von 12 Jahren trat die kleine Christina zusammen mit Britney Spears und Justin Timberlake (‘N Sync) in der Disney-TV-Show „The Mickey Mouse Club“ auf und machte bereits sehr früh deutlich, dass die Show-Welt ihr zukünftiges Zuhause sein sollte. Ihre ersten Gehversuche in der Popmusik gehen in das Jahr 1999 zurück, als Christina Aguilera beinahe zeitgleich mit ihrer ehemaligen Kollegin Britney Spears ihr Debütalbum herausbrachte und prompt zur gefeierten Teenie-Heldin wurde. Mehr als zehn Millionen verkaufte Alben und ein Grammy als „Best new artist“ waren der Lohn. Doch mit der Zeit fühlte sich Aguilera nicht mehr wohl in ihrer Haut und wollte aus der von den Medien geschaffenen Schublade entkommen. „Ich fühlte mich gefangen. Ich wurde von den Leuten unterdrückt, die daran interessiert waren, dass ich immer dasselbe mache. Aber ich mache niemanden dafür verantwortlich. Man lernt schnell in diesem Business und als ich erst einmal wusste was ich wollte, habe ich mir von niemanden rein reden lassen." Sie zog sich für eine Zeit aus der Öffentlichkeit zurück und versuchte im Schoß ihrer Familie zu sich selbst zu finden und etwas Abstand zu gewinnen.

Im Sommer 2001 meldete sie sich mit dem Beitrag zum preisgekrönten Film „Moulin Rouge“, „Lady Marmalade“, zusammen mit Lil' Kim, Mya und Pink, in der Öffentlichkeit zurück. Schon da war ihr neues Selbstbewusstsein deutlich spür- und sichtbar. Trotzdem dauerte es noch bis zum Herbst 2002, als ihr inzwischen viertes Album nach 18-monatiger Studiozeit auf den Markt kam. „Ich dachte immer, im Tonstudio aufzunehmen, bedeutet Perfektion zu erreichen. Als ich dieses Album machte, entdeckte ich, dass es wichtiger ist echte Gefühle zu vermitteln. So gut es geht wollte ich dem Zuhörer das Gefühl geben, er stünde direkt neben mir im Studio. Mich als Persönlichkeit vorzustellen stand im Vordergrund. Worauf es zum ersten Mal ankam war, dass zu teilen, was ich wirklich durchmache." Doch damit hört die Setzung neuer Maßstäbe keinesfalls auf: Zur exakten Verwirklichung ihrer Vorstellungen bestand eine weitere Herausforderung darin, ein geeignetes Producer- und Songwriting-Team zusammenzustellen. Denn für Christina war es wichtig, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die nicht von ihrem alten Image beeinflusst waren. Nachdem all diese schädlichen Einflüsse beseitigt wurden, stand einer erfolgreichen Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. Unter anderem bewiesen Linda Perry (Ex-"Four Non Blondes" und Produzentin von Pink), das Team von Redman und Rockwilder, der Producer von Alanis Morrissette - Glenn Ballard, die Studiokünstler Scott Storch und Steve Morales, Gitarrist Dave Navarro (Red Hot Chili Peppers, Jane’s Addiction), HipHop-Bitch Lil‘ Kim sowie die immens erfolgreiche Newcomerkollegin Alicia Keys auf „Stripped“ ihr Können.

Das Resultat beinhaltet Songs, die definitiv mit dem Image des Popsternchen aufräumen und die Voraussetzung für eine Karriere selbst nach Millionen verkaufter Alben und Konzerttickets schafft. Dieser neuartige Style von „Stripped” erzeugt beim ersten Hören auf jeden Fall Verwunderung und Erstaunen. Andere tiefgründige, offene und ehrliche Seiten dieses Albums erschließen sich erst nach einiger Zeit. Deshalb ist für das mit 78 Minuten extrem lang ausgefallene Werk an erster Stelle Geduld gefordert. Mit zwei drei Hördurchgängen ist nämlich nur schwer zu umreißen, wie Aguilera mutig die Überreste ihres früheren Teen-Star-Images abstreift und selbstbewusst einen Seelenstriptease hinlegt, der die unterschiedlichsten Facetten ihrer Persönlichkeit präsentiert. Bis auf zwei Titel hat Aguilera an allen Titeln als Co-Songwriterin mitgearbeitet und produziert. Doch vor allem die teilweise extrem persönlichen Texte, die weit über die üblichen Herz-Schmerz-Themen hinausgehen, machen „Stripped“ zu einem ungewöhnlichen Album. Der wohl ergreifendste Text handelt von ihrer schweren Kindheit und der heftigen Beziehung zu ihrem Vater, der auf „I’m OK“ sein Fett abbekommt („Once upon a time there was a girl. In her early years she had to learn how to grow up living in a war that she called home. Never knew just where to turn for shelter from the storm. It hurt me to see the pain across my mother's face every time my father's fist would put her in her place. Hearing all the yelling I would cry up in my room hoping it would be over soon.... I often wonder why I carry all this guilt. When it's you that helped me put up all these walls I've built. Shadows stir at night through a crack in the door. The echo of a broken child screaming, please no more. Daddy don't you understand the damage you have done. For you it's just a memory, but for me it still lives on.... It's not so easy to forget all the marks you left along her neck when I was thrown against cold stairs. And everyday afraid to come home in fear of what I might see next.”)

Den Anfang des Albums stellt, nach einem Spoken-Word-Intro, der Song „Can’t hold us down (Featuring Lil‘ Kim)“ dar. Ein schöner, groovigen R&B-Track, der von den Raps der kleinen Kim veredelt wird. Es folgt die etwas leidmütige R&B-Ballade „Walk away“ im Alicia-Keys-Stil, die direkt in den rockigen Titel „Fighter“ übergeht, der die erste kleine Überraschung darstellt. Die Gitarrenparts von Dave Navarro verleihen dem Song nämlich richtig Pep. Es scheint so, als ob Christinas MTV-Auftritt mit Fred Durst (Limp Bizkit) einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Im nächsten Spoken-Word-Intro erzählt X-Tina, wie sie sich neuerdings nennt, auf spanisch von einer heißen Lovestory mit einem Burschen aus Puerto Rico, die im Song „Infatuation“ verarbeitet wird. Dazu zirpt die Flamenco-Gitarre und pumpt der Bass. Jennifer Lopez, ick hör dir trapsen. Klischee galore. Doch dieser Ausrutscher wird sogleich durch die in Kooperation mit Alicia Keys aufgenommene Soul-Ballade „Impossible“ und die neue Singleauskopplung „Beautiful“, aus der Feder Linda Perrys, entschuldigt. Eines sollte man der Öffentlichkeit allerdings erklären, ansonsten bleibt es ein ewiges Rätsel, wie die Damen Perry und Aguilera so dreist sein können, die Songwriter-Credits für den Song „Make over“ für sich zu beanspruchen. Das Stück ist nämlich so offensichtlich vom Sugababes-Song „Overload“ abgekupfert, dass jeder Richter der Welt für eine rechtmäßige Tantiemenverteilung sorgen würde. Trotzdem hat es sich bezahlt gemacht, die Pink-Produzentin Linda Perry zu verpflichten. Einen genialen Song wie „Cruz“ hätte man ansonsten wohl nie von Christina Aguilera zu Gehör bekommen.

Während Diven wie Whitney Houston, Toni Braxton oder Mariah Carey krampfhaft versuchen, auf ihr neues Material aufmerksam zu machen und einen Flop kaum mehr vermeiden können, stehen junge und freche Gören wie Pink, Alicia Keys oder Christina Aguilera mehr denn je im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Was viele für gänzlich ausgeschlossen hielten, ist, das „Stripped“ rockt, berührt, groovt und Christina Aguilera in vielen ausdrucksstarken Songs überzeugt. Die einstige Konkurrentin von Britney Spears hat derzeit klar die Nase vorn, weil sie auf erstklassiges Song-Material jenseits von billigem Teen-Pop zurückgreifen kann und eine große stilistische Bandbreite abdeckt. Auch wenn das Album nicht über die gesamten 78 Minuten ein gleichbleibendes Niveau halten kann (kein Wunder bei 20 (!) Tracks), zählt es doch zu den positiven Überraschungen des Jahres. Fragt sich nur, wie Frau Aguilera bei ihrem zwiespältigen Image für das alles andere als anspruchslose Material werben will.

Anspieltipps:

  • Cruz
  • Fighter
  • I’m OK
  • Beautiful
  • Impossible
  • Get mine, get yours
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