Nick Cave - Nocturama - Cover
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Nick Cave Nocturama


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 57 Minuten
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9/10 Unsere Wertung
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Nick Cave ist anno 2003 immer noch das Maß aller Dinge.

Was soll ein Künstler machen, wenn alle Trends gesetzt, alle machbaren Genres erfolgreich beackert sind und die versammelte Kritikerschar in Verzückung versetzt ist? Gute Frage. Nick Cave macht einfach weiter, als sei ihm mit „No More Shall We Part“ nicht vor zwei Jahren DAS Monster-Album gelungen, als hätte er nicht anno 1997 mit „The Boatman’s Call“ eine der schönsten Platten der 90er Jahre im Piano-Bar-Jazz-Stil eingespielt, als hätte er nicht mit den „Murder Ballads“ 1996 großes theatralisches Ohrenkino vollbracht oder als wäre er nicht in den 80ern zur Punklegende aufgestiegen. 20 Jahre nachdem sich aus den Überresten der Birthday Party Nick Cave And The Bad Seeds formierten, legen der Meister und seine kongenialen Spielkameraden um Ex-Einstürzende-Neubauten-Sänger Blixa Bargeld und Mick Harvey mit „Nocturama“ einen weiteren Tonträger der Sonderklasse nach. Zwar erreicht der aktuelle Output nicht ganz die Qualität des Über-Werks „No More Shall We Part“, aber was heißt das schon? Viel fehlt nämlich nicht. Ohne Zweifel erreicht „Nocturama“ spielend ein Niveau, von dem so mancher renommierte Künstler nur träumen darf.

Gesetzt und zurückhaltend eröffnet „Nocturama“. Die Hammond-Orgel macht sich im Hintergrund bemerkbar - „Wonderful Life“ eben, eine ganz starke Nummer, ein geruhsamer Auftakt. In dem Tempo geht es weiter. Von einer sanften Piano-Linie getragen, klagt Cave mit wehmütiger Stimme „He wants you“. Danach schalten die Bad Seeds noch einen Gang runter. „Right out of your head“ glänzt mit einer hübschen Piano-Melodie, die sehr gut mit der Violine von Warren Ellis harmoniert. Doch dann aufgepasst. Waren die ersten drei Tracks in gemäßigtem Mid-Tempo gehalten, schicken Cave & Co. das mitreißende „Bring it on“ an den Start. Die unwiderstehliche Hammond jault den Song nach vorn, die Schlagzahl wird deutlich erhöht, eine wilde Violine mischt sich in den Gesang. Den zuckersüß-gesägten Chorus vor dem Herrn steuert Aussie-Punklegende Chris Bailey von den „Saints“ bei. Im Outtro liefern Cave und Bailey ein grandioses Duett ab. Eine monströs gute Nummer - die erste Single übrigens. Wer davon nicht gefangen wird, hat es nicht verdient, Caves Platten hören zu dürfen. Bei „Dead man in your bed“ wird man plötzlich an alte Birthday-Party-Zeiten erinnert. Gitarren raus und los. Die Hammond glüht. Seit langen Jahren mal wieder ein völlig entfesselter Cave. Im Finish erinnert das Stück an „The Doors“ - eine schöne Reminiszenz an Frontman Jim Morrison.

Zu Beginn der zweiten Albumhälfte geht es wieder ruhiger zur Sache. "Still in love" wird von Caves Piano bestimmt. Seine melancholische Stimme kommt einmal kurz zum Stillstand, dann zieht er wieder an, eine klagende Violine mischt sich ein. Hübsch. „There is a town“ wird von wieder Ellis’ Violine dominiert, ab dem Mittelteil schleicht sich eine hypnotische Piano-Linie heran und trägt den Song - flankiert von einer fast schon Country-artigen Gitarre - zum Ziel. „Rock of gibraltar“ ist eine Art Traditional aus der Feder des Meisters. Ein Piano versüßt das Stück gegen Ende. Mit „She passed by my window“ wartet „Nocturama“ mit einer weiteren Mid-Tempo-Nummer auf, die in traurigem Moll gehalten ist, aber dennoch verhalten fröhlich daherkommt. Im Refrain klagt Cave: „I ain’t no lover boy.” Niemand will ihm widersprechen. Zu überzeugend klingt sein Ton gewordenes Argument. Man nimmt es ihm ab. Ein stimmiges Stück. Neben dem grandiosen „Bring it on“ ist das 15-minütige (!) Song-Monster „Babe, I’m on fire“ das Highlight der CD. Das Besondere: Alle anderen neun Stücke sind strukturell fein aufgebaut, entwickeln sich kontinuierlich dramaturgisch weiter. „Babe, I’m on fire“ ist trotz seiner epischen Spiellänge am simpelsten gestrickt. Cave und die Seeds bieten zum Abschluss des Albums noch mal alles auf, was geht. Die Hammond rotiert, Gitarren und Pedal Steel sägen, Cave geht voll aus sich raus, variiert Gesang und Tempo geschickt, eine schräge Violine krächzt dazwischen. Der Australier lässt das Tier raus, gibt Vollgas. Eine herrliche Liebeserklärung à la Nick Cave. Großartig. Der Track gewinnt von Hördurchgang zu Hördurchgang dazu.

Mit „Nocturama“ glückte Nick Cave & The Bad Seeds ein weiteres Topalbum, das zu den besten in der 20-jährigen Bandgeschichte zählt. Dass es nicht ganz an den Vorgänger heranreicht, liegt an der zuweilen fehlenden Explosivität, die Songs wie „Fifteen feet of pure white snow“ oder „Hallelujah“ so einzigartig machten. Möglicherweise rührt dies daher, dass das Album in nur wenigen Tagen eingespielt wurde. Zuletzt tüftelte Cave stets mehrere Monate an den Arrangements - bis zur Perfektion. Dass er ein meisterhafter Songwriter ist, steht sowieso außer Frage, das musste er nicht mehr beweisen. Bleibt festzuhalten, dass Nick Cave anno 2003 immer noch das Maß der Dinge ist. Er muss sich an niemandem orientierten, die anderen müssen bei ihm abschauen oder besser zu ihm aufschauen.

Anspieltipps:

  • Bring it on
  • Babe, I'm on fire
  • Dead man in your bed
  • Wonderful Life
Dieser Artikel ging am um 14:28 Uhr online.
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