Guano Apes - Walking On A Thin Line - Cover
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Guano Apes Walking On A Thin Line


  • Label: Gun/BMG
  • Laufzeit: 52 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Irgendwie merkt man den Kompositionen den Erfolgsdruck an, der ganz sicher auf der Band lastet und bei diesem Album zum ersten Mal in Reinform zutage tritt.

Die Göttinger Band Guano Apes besitzt hierzulande einen Status, der mit dem der Fastfoodkette McDonald’s durchaus vergleichbar ist: Offiziell geht keiner in die Restaurants mit dem goldenen „M“, trotzdem verkaufen sich die Burger in schwindelerregenden Mengen, sodass eigentlich jeder weiß, wie z.B. ein „BigMac“ schmeckt. In Bezug auf die Guano Apes bedeutet dies, dass man die Band in der Öffentlichkeit amtlich disst, aber ganz gerne ein bis zwei Tonträger des Crossover-Vierers im Regal stehen hat. Eine, nebenbei bemerkt, rein deutsche Unsitte, seine lokalen Hoffnungsträger erst zum Star zu erheben, nur um sie nach gewisser Zeit runterzumachen, bzw. sich nicht mehr zu ihnen zu bekennen. Ein Zustand, den in Deutschland beinahe jede Person des öffentlichen Lebens zumindest temporär für sich beanspruchen konnte.

Die Karriere der Guano Apes begann im Jahr 1994, als sich die vier Twens Sandra Nasic (Vocals), Dennis Poschwatta (Drums), Henning Rümenapp (Gitarre) und Stefan „Stude“ Ude (Bass) aufmachten, die deutsche Rocklandschaft mit ihrem eigenwilligen Crossover-Rock im Sturm zu nehmen. 1996 feiert das Quartett seinen Durchbruch, als es den von Radio FFN und VIVA TV ausgerichteten Nachwuchswettbewerb „Local Heroes“ gewann und über 1.000 Mitbewerber hinter sich ließ. Als Belohnung erhielt die Gruppe einen Deal beim Sublabel des Branchenriesen BMG, G.U.N. Records, der alsbald mit dem unglaublichen Erfolg der ersten Single „Open your eyes“ (1997) gekrönt wurde. Das im selben Jahr erschienene Debütalbum „Proud like a god“ wurde ebenfalls ein Hit und avancierte zum europaweiten Chartstürmer.

In den darauffolgenden Jahren befand sich die Band auf ausgedehnter Konzertreise durch halb Europa, die nur von der Veröffentlichung des Zweitwerks „Don’t give me names“ (2000) unterbrochen wurde. Die CD stand dem Vorgänger künstlerisch wie kommerziell in nichts nach und schraubte die Gesamtverkaufszahlen der Apes auf über zwei Millionen Einheiten. Trotzdem wurden mit der Zeit auch einige kritische Stimmen laut. Deshalb stellt sich dieser Tage die berechtigte Frage, ob es die Guano Apes nach der schwer beanstandeten Zusammenarbeit mit Comedian Michael Mittermeier („Kumba yo!“), peinlichen Ausrutschern wie „Dödel up“ und der zwiespältig aufgenommenen Alphaville-Coverversion „Big in Japan“ vom „Pop 2001-Sampler“ auch zukünftig schaffen werden, den schmalen Grat zwischen Credibility und Kommerz zu beschreiten und das Wohlwollen des Publikums auf ihrer Seite behalten zu können.

Mit ihrem dritten Studiowerk „Walking on a thin line“ stehen die Apes seit Anfang Februar in den Startlöchern, um sich nach fünf Top-10-Hits, dem Nummer-1-Album „Don’t give me names“, zwei Echo-Awards, einem MTV-Award, mehreren VIVA-Cometen und einem IFPI-Award für über eine Million verkaufter „Proud like a god“-Alben in Europa endgültig in der ersten Rock-Liga zu etablieren. Vorbote des neuen Albums ist nach monatelangem hin und her die Single „You can't stop me“, die sowohl inhaltlich als auch musikalisch als klares Statement zu verstehen ist und das nächste Level der musikalischen Entwicklung einläuten soll. Da die Verkäufe eines Albums stark vom Erfolg der ersten Singleauskopplung abhängen, ist die Unentschlossenheit im Lager von Band und Plattenfirma leicht nachvollziehbar. So wurde für November des vergangenen Jahres „Break the line“ (Arbeitstitel) als erste Single angekündigt. Danach war „Road song“ (Arbeitstitel) ein heißer Favorit, bis man sich dazu entschloss, die gesamte Produktion erst im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Dazu Sängerin Sandra Nasic: „Das Spannende war, dass wir fast jeden Tag, wenn der Mix eines neuen Songs fertig war, dachten: Der könnt’s sein! Deshalb wurde die Frage nach der ersten Single auch erst ganz am Ende geklärt." Gitarrist Henning Rümenapp: „Das große Problem bei der neuen Platte war, dass die Ideen noch nicht ganz ausgereift waren. Wir haben angefangen aufzunehmen, als die Platte noch gar nicht fertig komponiert war, sodass das Album wie ein großes Puzzle war, bei dem nach und nach noch ein paar wichtige Stücke eingefügt wurden."

Am 13. Januar 2003 war es endlich soweit und „You can't stop me“ wurde als 5-Track E.P. in die Läden gebracht. Den Videoclip dazu, der inzwischen auf MTVIVA bewundert werden kann, drehte man unter etwas widrigen Umständen in dem bekannten Zirkus William in Berlin. Doch Komplikationen sind die Guano Apes inzwischen gewohnt. Insgesamt drei Jahre hat die Band gebraucht, um ihr drittes Album „Walking on a thin line“ aufzunehmen. Eine verdammt lange Zeit im Rock- und Popbusiness. Geplant war es ja schon für Sommer 2002, aber dann hat doch alles länger gedauert. Nachdem man über 20 Demos eingespielt hatte, wovon es letztendlich 14 Tracks auf das Album geschafft haben, ging es in verschiedene Studios in Deutschland, wo die eigentlichen Aufnahmen stattfanden. Ende September waren die Songs dann soweit „veredelt“, dass einer Veröffentlichung nichts mehr im Wege stand.

Den Auftakt des Albums bestreitet standesgemäß die erste Auskopplung „You can't stop me“. Der dreiminütige Rockkracher im liebgewonnenen Crossover-Style stieg von 0 auf 10 in die deutschen Single-Charts ein und dürfte den Meisten bereits bekannt sein. Der Song walzt kraftvoll aus den Boxen und kann wirklich von niemanden aufgehalten werden. In dieser Form sind die Guano Apes (fast) unschlagbar. Song Nummer zwei („Dick”) ist ebenfalls ein kraftvoller Rocksong, aber lange nicht so eingängig wie der Opener. Sei’s drum. Am Anfang einer Rock-Platte müssen halt erst mal schwere Geschütze aufgefahren werden. Bei „Kiss the dawn” kehrt zum ersten Mal ein wenig Ruhe ein. Es handelt sich um einen groovigen Midtempo-Song, bei dem Sandra Nasic’ Stimme eindeutig im Vordergrund steht. Schlagzeug und Gitarre kommen anfänglich recht verhalten zum Einsatz. Dann wird aber doch noch ein echtes Crossover-Pfund aufgefahren, ehe das Lied langsam ausklingt. Sehr schön. Bei solchen Stücken spürt man klar die Weiterentwicklung der Band. Deshalb ist die Bezeichnung Crossover auch nur noch bedingt für das neue Werk gültig.

„Pretty in scarlet” ist eine dieser gefühlvollen Halb-Balladen, die die Apes virtuos beherrschen. Verführerisch und leise, dann wieder kraftvoll und laut. Das ist der Stoff, aus dem Hits gemacht werden. Schon nach der ersten Listening-Session für die Presse am 12. September 2002 wurde der Song (damaliger Arbeitstitel „Nice and wet“) als eine der Perlen des Albums gehandelt. Daran hat sich nichts geändert. Vor allem die Gitarrenarbeit von Henning Rümenapp weiß hier zu überzeugen. Aber auch Sandra Nasic gefällt mit feinfühligem Gesang. Der Song könnte durchaus als zweite Singleauskopplung in Frage kommen! Im Mittelteil passiert dann bis auf das schöne „Quietly“ nicht besonders viel. Die Apes bieten zwar durchaus gereifte Rockmusik, die aber nicht wirklich große Momente, geschweige denn Hits aufzuweisen hat. Erst „Scratch the pitch“ und „Plastic mouth“ legen wieder an Einfallsreichtum und musikalischer Qualität zu und läuten die Schlussphase des Albums ein, die die Kurve nochmals leicht ansteigen lässt, aber auch nicht gerade zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Handwerklich ist „Walking on a thin line“ perfekt. Nur fehlt es den Songs an der jugendlichen Unbekümmertheit des Debütalbums. Wo früher frech drauflos gerockt wurde, wird heute bis ins letzte Bestandteil gefeilt und arrangiert. Diese Detailbesessenheit birgt zwar einige nette Überraschungen, aber eben nicht mehr den beispiellosen Kick, den „Proud like a god“ der Hörerschaft bescherte. Irgendwie merkt man den Kompositionen den Erfolgsdruck an, der ganz sicher auf der Band lastet und bei diesem Album zum ersten Mal in Reinform zutage tritt.

Anspieltipps:

  • Quietly
  • Storm
  • Pretty in scarlet
  • Scratch the pitch
  • You can't stop me
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