Deutschland Sucht Den Superstar - United - Cover
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Deutschland Sucht Den Superstar United


  • Label: Hansa/BMG
  • Laufzeit: 45 Minuten
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1/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Er ging unter die Schriftsteller und berichtete „Nichts als die Wahrheit“, dann suchte er im Namen Deutschlands den Superstar: Dieter Bohlen, der erfolgreichste deutsche Produzent und Komponist, mit mehr als 100 Millionen verkauften Tonträgern und 400 Gold- und Platinauszeichnungen. Der Mann, dessen Hits seit 20 Jahren immer gleich klingen und nur zur Unterscheidung andere Titel tragen, ist quasi über Nacht zum Liebling der Nation aufgestiegen. Wer hätte das jemals von „dem Dieter“ (Copyright by Verona F.) gedacht?

Vergessen sind seine Frauen-Eskapaden, bei denen es gerne mal eine Tracht Prügel setzte, verziehen die Qualen, die er uns mit Modern Talking und Blue System zufügte. Der gebürtige Oldenburger ist plötzlich Kult und mindestens so angesagt wie Mitte der 80er Jahre, als Thomas „Nora“ Anders und Dieter Bohlen, alias Modern Talking, mit ein und derselben Komposition fünf Mal in Folge den ersten Platz der deutschen Single-Charts erreichten. In der Tantiemenabrechung der Plattenfirma wies man die Songs aus Gründen der Übersichtlichkeit mit „You’re my heart, you’re my soul (1985), „You can win, if you want“ (1985), „Cheri cheri lady” (1985), „Brother Louie” (1986) und „Atlantis is calling (S.O.S. for love)“ (1986) aus.

Ende 1987 trennten sich die Wege von Herrn Bohlen und dem dunkel gelockten Thomas Anders, den der Musikexpress „sonnengegerbte Sangesschwuchtel“ taufte und dafür teuer bezahlen musste. Die beiden hatten sich gar nicht mehr lieb und kommunizierten in der Folgezeit, wenn überhaupt, nur noch über die BILD-Zeitung miteinander. In der Ära nach Modern Talking schrieb Bohlen für jeden, der sich nicht schnell genug retten konnte, ein paar Songs (u.a. Chris Norman, Bonnie Tyler, Nino de Angelo, C.C. Catch, Marianne Rosenberg), während Anders sich als Solist versuchte, damit aber gnadenlos baden ging. Nebenher klärte Dieter das Volk auf, warum seine Verkaufszahlen das komplette Gegenteil zur Reaktion der Medien auf seine Kunst sind: „Das Problem in Deutschland ist, dass wir noch immer unter dem Vorurteil leiden, das Volk, der Dichter und der Denker zu sein. Deswegen glauben wohl viele, dass Entertainment irgend etwas mit Kunst zu tun haben müsse. Deshalb machen auch viele Komponisten verquastes Zeug und gehen mit viel zu intellektuellen Gesichtspunkten an ihre Aufgabe heran. Die sollten viel mehr auf ihr Herz hören.“ Das tat nämlich auch der Dieter, als er von der Trennung Thomas Anders von seiner Frau Nora gehört hatte, auf die Bohlen schon immer einen unglaublichen Hass hatte. Mehr als zehn Jahre nach ihrem Split kehrten Modern Talking im März 1998 in Thomas Gottschalks „Wetten dass...?“-Sendung auf die Showbühne zurück. Und den Verkaufszahlen nach zu urteilen, war es genau das, worauf die Welt gewartet hatte.

Inzwischen ist Dieter Bohlen nicht nur der erste Vorsitzende der musikalischen Müllabfuhr, sondern auch Aushängeschild und Medienkasper einer gesichtslosen Jury aus Plattenfirmenboss Thomas M. Stein (BMG), Radio- und TV-Moderatorin Shona Fraser und dem Referenten einer Hörfunkakademie names Thomas Bug, die für RTL den neuen „Superstar“ suchen. Angelehnt an die Konzepte von „Teenstar“ und „Popstars“, wurde durch ein Auswahlverfahren, das einem des öfteren die Schamesröte ins Gesicht trieb, über mehrere Wochen gesiebt und abgestimmt, bis am Ende ein Superstar feststand. Der Glückliche ist ein gewisser Alexander Klaws, Schüler aus Ahlen, der sich im großen Finale am 8. März 2003 durchsetzte. In der Spitze fieberten an diesem Abend bis zu 15 Millionen Fernsehzuschauer mit, um zu erleben, wer den ersten Preis, einen Managementvertrag plus Schallplattendeal mit der BMG, abräumen würde.

Selten hat ein TV-Spektakel die Menschen über so lange Zeit so hysterisch mitfiebern lassen, wie die Suche nach dem Superstar. Wie hat das deutsche Volk und die BILD-Zeitung mit den Judiths, Gracias, Andreas, Vanessas und Daniels gezittert und wie erleichtert waren wir, als der 17-jährige, komplett talentfreie, Daniel Küblböck aus dem bayerischen Kuhdorf Eggenfelden (der Autor war dort und darf das behaupten!) kurz vor Schluss rausflog! Überhaupt dieser Daniel. Wie kann es sein, dass eine Person, dessen Stimme klingt „wie die von Kermit – wenn man hinten drauf tritt“ (D. Bohlen) so weit kommt und vermeintlich begabtere Mitbewerber hinter sich lässt? Lag es daran, dass der debile Jüngling mit der Ausstrahlung einer angeschossenen Flugente als Einziger ein wenig Farbe in die Big-Brother-artige Maschine brachte und die Herren von RTL aus diesem Grund bei den Abstimmungen etwas nachhalfen? Wir wissen es nicht.

Wir ahnen allerdings, dass in den nächsten Monaten, so lange, bis die zweite Staffel von DSDS, wie die Serie in Fankreisen heißt, anläuft, Kapital aus der Realsatire „Deutschland sucht den Superstar“ geschlagen wird, bis die Schwarte kracht. Und deshalb hat der liebe Dieter flugs in die Schublade mit den ausrangierten Modern-Talking-Songs gegriffen, um eine CD mit den neun Endrundenteilnehmern des Casting-Marathons zusammenzuschustern. Vorbote des „United“ betitelten Werkes ist die Single „We have a dream“, an der auch noch die vorher ausgeschiedenen Kandidaten Daniel Lopes und Judith mitarbeiten durften. Der Song schoss direkt auf Platz 1 der Charts und ebnete den Weg für „United“ als einen garantierten Top-Seller. Die CD bietet 12 Songs, die von durchaus begabten Stimmakrobaten (außer Daniel Küblböck!!!) dargeboten werden, die aber zwei entscheidenden Schwächen ausgesetzt sind: Dieter Bohlens billige Recyclingmelodien und die grauenvollen Texte, die hier zum x-ten Mal verbraten werden. Es ist kaum zu fassen, aber die zweite Single „Tonight“ klingt exakt wie „We have a dream“. Und natürlich folgen beide auf dem Album direkt hintereinander, sodass man schon zweimal ins Booklet sehen muss, ob es sich nicht um ein Versehen handelt. Doch bei Bohlen gibt es keine Zufälle. Und so klingt der Rausschmeißer „It’s all over“ auch so wie die beiden ersten Auskopplungen. Ganz schön dreist der Mann!

Ist das Déjà-vu-Erlebnis überwunden, wird es noch eine Spur trivialer. Mit „Cry on my shoulder“ wird eine klebrige Halbballade aufgefahren, die von dem dämlichen Discostampfer „A young generation“, bei dem die Adler „high up in the sky“ fliegen, gefolgt wird („But like the eagles fly, we’re high up in the sky. There is a hope, for you and me. There is a chance, oh you will see that we will win, we’ll reach the aim together hand in hand“). Dann heißt es Auftritt Küblböck! Der „Karlson vom Dach auf Ecstasy“ dilettiert solo (!) durch einen netten Swing und richtet den überraschend erquicklichen Song total zugrunde. Bei „How can we mend your lonely heart“ und „Today, tonight, tomorrow“ klaut Bohlen zur Abwechslung mal nicht bei sich selbst. Macht nichts. Denn erstgenannter Titel wurde so, oder so ähnlich, schon von diversen Boygroups vergewaltigt und „TTT“ klingt wie Ricky Martin aus dem Aldi-Regal. Und sollten die Ohren nicht ganz täuschen, was bei Bohlen-Songs schnell passieren kann, hat man bei dem Titel sogar vergessen, die Background-Vocals von Thomas Anders zu löschen. Sollte wohl mal ne Modern Talking Single-B-Seite abgeben. Sei’s drum. „We are no heroes“ rückt das Bild dann endgültig zurecht. Die vermeintlichen Superstaranwärter sind wirklich keine Helden und Bohlen unterbietet sich von Song zu Song mit seiner Ausschussware. Da macht auch „Freedom“ keine Ausnahme. Der unterirdische DJ-Bobo-Abklatsch klingt, als würde man dem Hörer mit einem Schraubenzieher im Ohr bohren. Herr im Himmel, lass Hirn auf die Erde regnen!

Wer bei „United“ im Vorfeld damit rechnete, dass Dieter Bohlen Songs zweiter oder dritter Wahl verwenden würde, wird sogar feststellen müssen, dass es sich bei der CD um eine absolut talentfreie Zone handelt. Die 12 Lieder lassen sich auf der nach unten offenen Richterskala kaum einsortieren und können bloß Kopfschütteln ernten. Dass dem lieben Dieter die Sache tatsächlich erschreckend ernst ist, beweist die neue Modern-Talking-Single „TV makes the superstar“, die von DSDS inspiriert wurde und geradewegs auf Platz 2 der deutschen Single-Charts eingestiegen ist. Das Grauen nimmt also seinen Lauf und wir fragen uns beängstigt: „Dieter, wohin soll das nur führen?“ Als Fazit über das Jahrhundertwerk „United“ möchte ich mit einem Bohlen-Zitat enden: „Mir geht das wirklich ab, dir weiter zuzuhören. Du bist so scheiße! Leck mich doch am Arsch! Ich verschwende meine Zeit nicht mit dir!“ In diesem Sinn genieße ich jetzt erst mal „'ne Rolle Drops mit Ohren“.

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