The Cardigans - Long Gone Before Daylight - Cover
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The Cardigans Long Gone Before Daylight


  • Label: Stockholm Records/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

„Long gone before daylight“ ist eine Platte ohne Schwächen. Popmusik für die Ewigkeit, dessen Poesie traurig, ehrlich und schmerzhaft ist.

Mitte der 90er Jahre tauchte eine Band aus dem schwedischen Örtchen Smaland auf der Bildfläche auf, die mit ihren zuckersüßen Melodien das Easy-Listening-Genre um einige hartnäckige Ohrwürmer bereicherte. Songs wie „Lovefool“, „Sick and tired“ oder „Rise and shine“ kleben noch heute wie Sirup in den Gehörgängen und bewirken bei der Meinungsbildung über die Cardigans keinerlei mildernde Umstände.

Dass dies allerdings nicht dem wahren Gesicht der fünf Schweden Nina Persson (Gesang), Peter Svensson (Gitarre, Songwriter), Bengt Lagerberg (Drums), Lars-Olof Johansson (Keyboard, Akustikgitarre) und Magnus Sveningsson (Bass) entsprach, stellte sich erst nach dem vierten Album „Gran Tourismo“ (1998) heraus, das ein Meilenstein in der Geschichte der Musiker aus der Heimat von Kalle Blomquist, Pippi Langstrumpf und Karlsson vom Dach darstellte. Das Werk war geprägt von allerlei elektronischen Spielereien und rockigen Einflüssen, die die düsteren Klänge der genialen Kompositionen treffend in Szene setzten. „Gran Tourismo“ war die endgültige Abkehr vom selbst eingebrockten Makel einer Kapelle zur Kaffeekranzbeschallung und sorgte dafür, dass die Schweden in der Branche zum ersten Mal ernstgenommen wurden.

Mehr als fünf Jahre nach ihrer Wiedergeburt kehren die Cardigans mit Album Nummer fünf („Long gone before daylight“) auf die große Bühne der Popmusik zurück. In der Zeit zwischen diesen beiden Platten verbrachten die einzelnen Musiker viel Zeit mit Projekten außerhalb des Cardigans-Kosmos. Peter Svensson schrieb Songs für Titiyo, Magnus Sveningsson veröffentlichte unter dem Namen Rightous Boy ein Soloalbum und Nina Persson brachte vor zwei Jahren mit befreundeten Musikern unter dem Bandnamen A Camp ein hervorragendes, aber nur mäßig honoriertes Werk heraus. Bei all der Energie, die für diese Projekte draufging, fragte man sich irgendwann zurecht, ob und wie es mit den Cardigans weitergehen würde, denn es hätte ohne weiteres das Aus für die Band sein können, wie die Musiker eingestehen. Die Band berief ein Meeting in Los Angeles ein, bei dem man sich ohne große Erwartungen in einem Hotel traf. Doch schon nach kurzer Zeit war sie wieder da - die Lust, gemeinsam an Songs zu arbeiten. Ideen spukten durch das Hotelzimmer und die Vision, noch stärker als jemals zuvor als Band zu arbeiten. In den kommenden Monaten folgten die ersten Sessions in Schweden, gefolgt von Studioterminen in den Staaten, England, Dänemark und in Spanien. Insgesamt „verbrauchten“ die Cardigans fünf verschiedene Studios und begannen nach halber Wegstrecke mit den Aufnahmen von vorne zu beginnen, weil man mit den Ergebnissen nicht zufrieden war. So dauerte am Ende fast 1 ½ Jahre bis „Long gone before daylight“ im September 2002 bei der Plattenfirma abgegeben werden konnte. Peter Svensson fügt entschuldigend bei: „Wir haben während der Aufnahmen so viel Dope geraucht und so viele Varianten aufgenommen, um den perfekten Moment zu finden. Wir waren langsam, aber es hat sich gelohnt.“

Womit der junge Mann zweifelsohne Recht hat. Das neue Album der Cardigans ist kompakter und intensiver als jemals zuvor. Folkiger und melancholischer. Und ein unglaublich schönes Stück Popmusik, das fast ohne moderne Computertechnik, ohne Loops und Elektro-Schnick-Schnack auskommt und quasi unter Live-Bedingungen aufgenommen wurde. Schon der Opener „Communication“ zählt zu den herrlichsten Melodien, die das Ohr des Rezensenten jemals erreichten. Der Song schwebt wie eine Feder im Wind und versetzt den Hörer in einen vergleichbaren Zustand der Leichtigkeit. Dazu singt Nina Persson mit engelsgleicher Stimme, dass einem beinahe Tränen der Freude in die Augen schießen. Und das feine Gitarrensolo von Peter Svensson in der Mitte des Songs wollen wir auch nicht vergessen. „You’re the storm“ schleicht sich ähnlich langsam an den Hörer heran. Nina Persson trägt, zuerst nur durch eine Akustikgitarre untermalt, ihren, mit einem Augenzwinkern verfassten, sexistischen Text vor. Währenddessen steigert sich der Song bis zum Refrain in einen Lobgesang hymnischen Ausmaßes, der von druckvollen Basssounds getragen wird. Bei „The good horse“ liefern die Cardigans eine 1a-Gitarrenattacke im Stil von Neil Young ab. Die Gitarren suhlen sich in kleinen Feedback-Orgien und sogar die Drums dürfen ein wenig poltern. Hier leben die Schweden erstmals ihre Vorliebe für härtere Sounds aus, nachdem sie auch schon in der Vergangenheit Songs von Black Sabbath coverten, aber zu Easy-Listening-Schmontz umarbeiteten.

Auf den nächsten Stücken nimmt die Band das Tempo deutlich heraus. Vermutlich beginnt nun die Phase der Dope-inspirierten Songs. Die Tracks wabern getragen von atmosphärischen Hammond-B3-Klängen düster und schwer wie Gewitterwolken durch den Raum. Flankiert von sparsamer Percussion und Gitarrenteppichen wie aus einem David-Lynch-Film arbeiten sich die Cardigans durch Stücke jenseits der 6-Minuten-Marke, die textlich durchweg auf einer sexuellen Ebene stattfinden und den Charakter von kleinen Mantras innehaben. Einer der Höhepunkte dieser dunklen Phase ist das wunderschöne „Please sister“. Mit unsicherer Stimme, ohne selbst an das zu glauben, was sie da singt, fleht Nina Persson: „Please sister, help me, come on, do what you should, please give me something, I'm not doing so good! I'm good, I'm wrong, is there nothing you can say? Please sister help me, I'm not feeling OK. Please sister, you know I do what I can! Oh, sweet mamma please just send me a man, 'cause I'm gone, gone, is there nothing you can give? Please sister, help me, I just need some love to live!“.

Dann, nach drei Songs, ist die Düsternis überwunden und die fabelhafte Singleauskopplung „For what it’s worth“ perlt beschwingt aus den Boxen. Mit seinem Drive und der organischen Instrumentierung kommt das Lied dem Ideal des perfekten Popsongs ziemlich nahe. Es hat eine zauberhafte, bitter-süße Melodie, die von Nina Perssons sanfter Stimme umschmeichelt wird und einen eingängigen, nachvollziehbaren Text. Herz, was willst du mehr? Höchstens eine weitere atmosphärische Großtat wie „Lead me into the night“. Der Song ist eine bittersüße Liebesballade ohne jeglichen Kitsch, die von Nina Perssons wehmütigen Gesang und den weinenden Klängen von Gitarre und Orgel getragen wird. Verabschiedet wird der Hörer mit einem nochmals über alles erhabenen Song, der sich im Zeitlupentempo voranbewegt und von Nina Perssons Stimme geleitet wird. Das Lied bekommt dadurch seine besondere Mystik, indem es, laut Nina Persson, eigentlich keinen tieferen Sinn hat, sondern die Maxime „Bleib im Bett und relaxe“ predigt: „Ich konnte nicht schlafen, machte mir eine Flasche Wein auf und schrieb die Lyrics zu „No sleep“ praktisch betrunken" („I'm waking with the roaches. The world has surrendered, I'm dating ancient ghosts. The ones I made friend with. The comfort of fireflies, long gone before daylight. And if I had one wish fulfilled tonight, I'd ask for the sun to never arise. If god pass the might to me to speak I'd say: ‘Stay in bed, world. Sleep in peace!‘“).

„Long gone before daylight“ ist eine Platte ohne Schwächen. Popmusik für die Ewigkeit, dessen Poesie traurig, ehrlich und schmerzhaft ist. Es finden absolut keine Mätzchen statt. Kein Ton ist zuviel, kein Gefühl wirkt aufgesetzt. Die Cardigans haben den Blues und gehen ihm mit totaler Stringenz nach. Die Musik wird von akustischen Instrumenten dominiert, die den Aufnahmen eine Art natürliche Wärme verpassen. Unter der Regie von Tore Johansson und Per Sunding entstanden so elf Songs, bei denen einer schöner als der andere ist und nichts anderes als das bisherige Meisterwerk der Cardigans darstellen.

Anspieltipps:

  • Communication
  • You’re the storm
  • The good horse
  • For what it’s worth
  • Lead me into the night
  • 03.45 No sleep
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