Vic Chesnutt - Silver Lake - Cover
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Vic Chesnutt Silver Lake


  • Label: Red Ink Records/SONY
  • Laufzeit: 59 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Athens, Georgia – da war doch was? Richtig! Das Städtchen im Südosten der USA ist nicht nur die Heimat des Singer/Songwriters Vic Chesnutt, sondern auch der Übergruppe R.E.M. um Sänger und Texter Michael Stipe. Dieser zählt zu den Freunden und Förderern des 39-jährigen Barden, der seit seinem 18. Lebensjahr wegen eines Autounfalls an den Rollstuhl gefesselt ist. Vic traf Stipe um 1985 in Athens, als dieser regelmäßiger Gast im „40 Watt Club“ war, wenn Vics damalige Band, The La Di Das, spielte. Ein paar Jahre später überredete Stipe seinen Kumpel, ein paar Aufnahmen seiner Songs zu machen. So entstand Chesnutts erstes Album „Little“ (1990). Eigentlich als Demos vorgesehen und an einem einzigen Tag aufgenommen, hatten diese Songs eine starke, ehrliche und poetische Qualität und waren gleichzeitig frisch und weise.

Obwohl Vic Chesnutt nie über den Status eines Independent-Stars hinauskam, war er seit Veröffentlichung seines Debüts fast pausenlos auf Tournee und spielte beinahe jedes Jahr ein neues Album ein. 1996 unterschrieb er seinen ersten Major-Plattenvertrag bei Capitol/EMI und gab sein Leinwanddebüt in Billy Bob Thorntons Film „Slingblade“. Inzwischen ist er wieder bei einem Independent-Label gelandet und aus der Filmkarriere ist auch nichts geworden. Vermutlich ist es Chesnutts Schicksal, dass seine bisweilen großartigen Songs einem größeren Publikum verwehrt bleiben und große Plattenfirmen mit seiner skurrilen Art nichts anfangen können. Doch Chesnutt ist alles andere als verbittert. Kein Wort vom armen Krüppel, dessen Platten keiner kaufen mag. Der in Jacksonville, Florida, geborene Künstler ist mit seiner Situation offensichtlich zufrieden und macht das Beste daraus. Doch manchmal ist selbst Vic überrascht, was er so produziert: „Das ist es auch, was mich vorantreibt. Ich habe kaum fertige Songs im Kopf. Ich muss mit meinen Ideen herumhantieren.“ Auf zwei Dinge kann man sich in diesem Zusammenhang verlassen: erstens, dass Vic Chesnutt jedes Thema, ob anspruchsvoll oder trivial, aus einer ungewöhnlichen Perspektive behandelt, und zweitens, dass er dank seiner Beobachtungsgabe und seinem scharfen Witz immer etwas zu sagen findet, das den Nagel auf den Kopf trifft. Dabei versteht es Chesnutt wie nur wenige, Humor in Musik zu kleiden. „Ehrlich gesagt bin ich bemüht, den Humor in meiner Musik eher herunterzuspielen und alles recht ernst zu halten. Ohne wäre es dann aber doch langweilig. Ich liebe es, Songs zu machen. Es ist ein intellektuelles Spiel für mich.“

Vic Chesnutts aktuelles Werk „Silver lake“ ist das elfte Album seiner Karriere. Es ist die Art von Album, die er schon lange machen wollte. Anstatt des üblichen „ein Mann und seine Gitarre“-Produkts handelt es sich um ein ambitioniertes, mit kompletter Band produziertes Werk, das in einem großen, heimeligen Wohnzimmer in The Paramour, einem 80 Jahre alten Herrenhaus, das auf einem Hügel der Silver Lake-Gegend nahe Los Angeles liegt, eingespielt wurde. Produzent war Daniel-Lanois-Protegé Mark Howard (Lucinda Williams, Tragically Hip, Bob Dylan, U2). Die Band bestand aus Doug Pettibone (Lucinda Williams, Alejandro Escovedo), Gitarren und Gesang, Daryl Johnson (Neville Brothers, Emmylou Harris), Bass und Gesang, Patrick Warren (Michael Penn, Tracy Chapman) an den Keyboards sowie Mike Stinson (Christina Aguilera) am Schlagzeug. Don Heffington (Bob Dylan, Victoria Williams) war ebenfalls zugegen und spielte teilweise Schlagzeug und Percussion. Vic sang, spielte Gitarren, Harmonica, Casio und Omnichord. Die Aufnahmesessions waren ungewöhnlich. Jeder Song wurde einige Male mit der kompletten Band live aufgenommen, danach wurde der beste Take herausgesucht und sofort komplett gemischt, ehe es zum nächsten Song weiterging. Mark Howard rannte zwischen seinem Pult am einen Ende des Raumes und der Band am anderen hin und her und peitschte sie durch zwei Stücke pro Tag – eins am Nachmittag und eins nach dem Abendessen.

Laut Vic fallen die Songs in drei Schubladen: Kurzgeschichten, Gedichte und Slogans. Und so ist bereits der knapp 7-minütige Opener, „I’m through“ purer, typischer Vic und ganz großes Gefühlskino für die Ohren. Mit an Eindringlichkeit nicht zu überbietender Stimme gibt der Meister mit entwaffnender Ehrlichkeit zu Protokoll: „Vergiss alles, was ich dir jemals gesagt habe. Ich bin sicher, dass ich mehr als einmal gelogen habe." Das Stück ist quasi ein bitterer Rückblick auf ein Leben, das Chesnutt als nicht lebenswert bezeichnet. Wessen Leben er damit meint, erfahren wir nicht. Bei „Stay Inside“, mit seinem grandios lieblichen Refrain, schaut Chesnutt an Dylans Himmelstür vorbei. Dazu haut Doug Pettibone in die Saiten seiner Grätsch-Gitarre und Herr Chesnutt himself zaubert ein wunderbar schräges Solo auf seiner Gibson L-7 (ein Erbstück seines Großvaters) in den Raum, dass selbst Neil „Let’s roll“ Young beeindruckt sein dürfte. Nach diesem exzellenten Auftakt ist es schwer, ein gleichbleibendes Niveau zu halten. Und so fällt „Band camp“ ein wenig ab, erzählt aber eine nette Story von einem ziemlich verdrehten Mädchen, das mit einem Vodka getränkten Tampon herumhantiert („Once you soaked a tampon in some serious vodka. Wore it to school. Second period science lab you fell right off your stool. If I knew then what I know now“).

„Girl’s say“ ist ein langsam vor sich hin groovender Song, bei dem Chesnutt in Richtung Sprechgesang geht. Der Text kommt einer Reflexion über profunde Missverständnisse zwischen den Geschlechtern gleich, wobei es Chesnutt gelingt, eine köstliche Gegenüberstellung von männlichen und weiblichen Klischees vorzunehmen („Girls say: 'Ooo, I´ve got a headache‘. Boys say: 'Why you wanna be a bitch?‘ Yes and girls say, 'You look great today.‘ And boys say 'Hey, show me all your boobs!‘). „2nd floor“ ist die zweite Hommage an Neil Young. Ähnlich wie bei „Stay inside“ geht es volle sechs Minuten sehr noiselastig zu, wobei das (natürlich) schräge Gitarrensolo Konkurrenz von einem ebenso abgefahrenen Mundharmonikasolo bekommt. „Styromfoam“ ist ein bitterlicher Schwanengesang, bei dem einem der ein oder andere Schauer über den Rücken läuft. Chesnutts Kombination aus charakteristischem Tremologesang und Nylonsaiten bespannter Akustikgitarre wird durch prägnante Basstupfer und dem spärlichen Einsatz von Patrick Warrens Wurlitzer Piano noch hervorgehoben. Eine absolute Gänsehautnummer. „Sultan, so mighty“ erzählt mit einem Augenzwinkern die Geschichte eines Eunuchen, der den Frauen des Sultans „helfend zur Hand geht“. Der Song schleppt sich als eine Art Steh- und Klammerblues satte acht Minuten im Zeitlupentempo voran. Dazu spielen Oboe, Bass-Klarinette, Omnichord und Wurlitzer auf, während der Besen über das Drumkit huscht. Gute Idee, aber am Ende etwas langatmig. Da kommen Songs wie „Wren’s nest“ oder das äußerst griffige „Fa-La-La“ viel besser auf den Punkt. „Wren’s nest“ ist ein gemäßigter Rocksong, der auf den Schwingen von Daryl Johnsons Fuzz-Bass dahingleitet, während „Fa-La-La“ eine Hommage an Brian Wilson darstellt. Das Stück erzählt eine Geschichte, die in einem Krankenhaus spielt und von unerfüllter Sehnsucht handelt. Der eingängige Refrain wird von flirrenden Rickenbacker-Klängen flankiert, kommt aber etwas zu selten zum Vorschein. Aber das ist eben Vic Chesnutt: Held des Undergrounds – verschmäht von den großen Plattenfirmen.

Vic Chesnutt zählt definitiv zur ersten Garde der Singer/Songwriter, was er mit seinem elften Album wieder mal eindrucksvoll unterstreicht. Er hat die seltene Gabe, allein durch seine Stimme Gefühle zu erzeugen, für die andere ganze Orchester auffahren müssen. Doch diesmal hat auch Chesnutt einen neuen Weg gewählt, sich von seiner Katharsis zu befreien. Heuer hören wir nicht nur den Meister und seine Akustikgitarre, sondern zusätzlich eine hochprofessionelle Band, die aus den elf Kompositionen eine Spur Rock ‘N‘ Roll herauskitzelt, was den fragilen Arrangements hörbar gut getan hat. Deshalb sei am Ende eine Frage erlaubt: Wann schafft das Genie aus Athens endlich seinen Durchbruch?

Anspieltipps:

  • I’m through
  • Styrofoam
  • Stay inside
  • Girl’s say
  • 2nd floor
  • Fa-La-La
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