Miles - Don´t Let The Cold In - Cover
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Miles Don´t Let The Cold In


  • Label: Nois-O-Lution/INDIGO
  • Laufzeit: 47 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Sie zählen zu den größten Hoffnungen im deutschen Gitarrenpop und wurden von der Industrie gnadenlos ausgebremst: Miles aus Würzburg. Über zwei Jahre lag die Karriere der Band auf Eis. Der Bandsplit war eine ernsthaft diskutierte Alternative, bis die Rettung in Form eines neuen Vertragsangebotes kam. Doch der Reihe nach.

Die Anfänge der Band gehen bis in die frühen 90er-Jahre zurück, als ein paar Teenager beschließen, unter dem Namen Miles From Nowhere Musik zu machen. Sie lassen sich von ihren Eltern zu den eigenen Konzerten fahren und spielen diverse Demos ein. Sie veröffentlichen eine erste EP namens „Manana“ (1993), gefolgt von dem Independent-Debüt „Baboon“ (1994). Die großen Plattenfirmen wittern Morgenluft und buhlen um die vier Würzburger. Das junge Major-Label V2 Records macht das Rennen und im Herbst 1998 wird mit „The day I vanished“ das erste Album von Miles herausgebracht, das überall regulär erhältlich ist. Es rauscht im Blätterwald. Das junge Quartett wird allerorts abgefeiert und stellt im Laufe des Folgejahres unter Beweis, dass wir es bei Miles nicht nur mit hervorragenden Songwritern zu tun haben, sondern auch mit einer mitreißenden Live-Band. Im Mai 2000 wird das selbstbetitelte Drittwerk in die Läden gestellt. Wieder ist die Fachpresse Feuer und Flamme. Das Album ist eine pompöse Reminiszenz an die Sounds der 60- und 70er-Jahre. Schmalzige Melodien werden von Streichorchestern in Szene gesetzt. Jede Sekunde der von Olaf O.P.A.L. produzierten Platte schreit förmlich das böse Wort mit den drei Buchstaben: Pop! In Japan verkauft sich die CD in beachtlichen Mengen. In Deutschland dürfen Miles höchstens einen Achtungserfolg auf ihre Fahne schreiben. Nach der Tour zum Album kehrt die Band nach Würzburg zurück und trennt sich von ihrem Bassisten. Die Jungsn sind zerstritten und machen erst mal sechs Monate Pause. Die Bandmitglieder verstreuen sich in alle Ecken der Republik. Hauptsongwriter Tobias Kuhn verschlägt es gar ins englische Cambridge, wo er Songs für das vierte Miles-Album schreibt.

Doch das will beim Label V2 plötzlich keiner mehr haben. Die eingesandten Demos stoßen auf Ablehnung und befördern die Band aufs Abstellgleis. Über ein Jahr werkelt die Band vor sich hin und spielt insgesamt 17 Songs ein. Aber im Hause V2 schaltet man auf Stur und stellt die Band vor die Alternative: Vertragsauflösung gegen Zahlung einer peinlich geringen Entschädigung oder Rauswurf. Irgendwann wird der Frust so groß, dass man sich überlegt, einfach alles hinzuschmeißen. Doch der Kampfeswille siegt und irgendwann trudelt eine Email von Nois-O-Lution-Chef Arne Gesemann ein, der von der Misere hörte und anbietet, das inzwischen „Don’t let the cold in“ betitelte Album auf seinem Label herauszubringen. Das Tal der Tränen war durchschritten und einer Veröffentlichung stand nichts mehr im Weg. Im März erschien das Werk in Japan, knapp zwei Monate später auch bei uns. Ob es an der nervenzehrenden Situation, dem Englandaufenthalt von Tobias Kuhn oder einfach nur am geringeren Aufnahmebudget lag, Ronny Rock (Drums), Gilbert Hartsch (Gitarre), Nina Kränsel (Bass) und Tobias Kuhn (Gesang) kehren auf ihrem vierten Album zu den Wurzeln zurück und tauschen den auf Hochglanz getrimmten Breitwandsound gegen feinen Gitarrenpop mit wesentlich mehr Rockanteilen.

Die meisten Sessions fanden in einer Scheune in Remlingen, in der Nähe des heimischen Würzburg statt, das weiterhin als Basislager der Band gilt. Insgesamt aber nahm man die Songs an zehn verschiedenen Orten, quer durch Deutschland auf. Dabei kristallisierten sich insgesamt elf Songs (plus ein Hidden Track) heraus, die den Weg auf das Album fanden. Den Auftakt macht die ebenso simple wie geniale BritPop-Nummer „Don’t give up“, die quasi als Titelsong für das Durchgemachte fungiert, gefolgt von der, an die Kollegen von Slut erinnernde, Emo-Hymne „Menlo park“. Es geht weiter mit frisch abrockendem Power-Pop („Teenage dreams“, „Stranger“, „Magic"), melancholischen Kleinoden („King of the bees“, „Don’t let the cold in“), krachenden Rocksongs („Give it away“) und eindeutigen Anklängen an Bands wie Oasis („Silverspoon“) und Coldplay („Turn back time"). Das ist schlicht und ergreifend ganz großes Tennis, das Miles, neben Tomte, zur deutschen Band der Stunde ernennt.

Miles liefern mit „Don't let the cold in" ein rundum frisches, von allen Zwängen befreites Album ab, das vor grandiosen Melodien und Harmonien, die für eine ganzen Sommer reichen, ohne langweilig zu werden, schier auseinander birst. Der abgespeckte Sound tut den Kompositionen unheimlich gut und hebt „Don’t let the cold in“ auf den Thron des bisher besten Miles-Werkes. Als Gegenpart zur sogenannten Hamburger Schule, haben sich Miles spätestens mit diesem Album einen Ehrenplatz in der deutschen Musiklandschaft verdient!

Anspieltipps:

  • Don’t give up
  • Menlo park
  • Give it away
  • Teenage dreams
  • Turn back time
  • Stranger
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