Skin - Fleshwounds - Cover
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Skin Fleshwounds


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Liebe, Trauer, Wut, Hass: Seit jeher sind es die extremen Gefühlsregungen, die als Triebfeder in der Kunst gelten. Ist der Künstler darüber hinaus in der Lage, seine Emotionen in aufrichtiger Weise zu öffentlichkeitskompatiblen Kunstwerken zu verwandeln, dürfte ihm ein dankbares Publikum zu Füssen liegen. So geschehen Mitte der 90er-Jahre, als Deborah Anne Dyer, besser bekannt als Skin, noch Frontfrau der britischen Crossover-Überflieger Skunk Anansie war und mit ihrer Band ganz Europa eroberte.

Die Songs der vier 30-Somethings aus London drückten auf radikale Weise politisch motivierten Zorn und die schmerzhaft erlittenen Erfahrungen auf zwischenmenschlicher Ebene aus. Skin war in der Lage wie eine Berserkerin zu harten Rockklängen herumzubrüllen und im nächsten Moment mit zerbrechlicher Stimme eine tränenrührende Ballade anzustimmen. Dieser ungewöhnliche Stil, verbunden mit der animalischen Live-Power der Band, machte Skunk Anansie in den sieben Jahren ihres Bestehens zu den angesagtesten Acts der britischen Insel. Die drei Studioalben verkauften mehr als vier Millionen Einheiten und jeder Rockfan hätte sich über eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte gefreut, wenn die Band nicht im April 2001 ihre Trennung bekannt gegeben hätte. „Es gab eigentlich keinen bestimmten Grund für den Split“, erläutert Skin. „Es war wie in einer Ehe. Irgendwann stimmte die Chemie nicht mehr. Ich hatte aufgehört, das alles zu genießen, und hatte unglücklicherweise auch nicht mehr den geringsten Spaß.“ Als Skin die Band verließ, zog sie sich erst einmal zurück und nahm eine Auszeit, etwas, was sie seit sieben Jahren nicht mehr gemacht hatte. Nach und nach rappelte sie sich wieder auf, widmete sich dem Songwriting und gab sich selbst das Versprechen, „ein Werk von vorzüglichster Qualität zu kreieren.“

Aufgenommen wurden die elf Songs für das „Fleshwounds“ betitelte Werk in zwei Sessions. Zunächst 2001 in Belgien mit dem Produzenten David Kosten, danach im vergangenen Jahr in England mit Ken Nelson (Coldplay). Bis auf wenige Ausnahmen schrieb Skin alle Songs gemeinsam mit dem Songwriter Len Arran. Lediglich „Lost“ wurde mit dem ehemaligen Robbie-Williams-Hitlieferanten Guy Chambers und „I’ll try“ zusammen mit Craig Ross geschrieben. Allein an diesen beiden Kollaborationen ist zu erkennen, dass auf dem Album kein Platz für harten Rock oder treibenden Crossover war. „Es war wirklich ein sehr schwieriges Album“, gibt Skin zu. „Das ganze Album handelt von der Gemütskrankheit, die wir Liebe nennen, von all ihren Facetten und Grauzonen. Um glücklich zu sein im Leben, liefern wir uns völlig verrückten Zwängen aus, und das wollte ich dokumentieren. Jeder Song dreht sich um eine von drei bestimmten Beziehungen in meinem Leben. Es ist definitiv ein Album über Zerrüttung, aber es hat geholfen, mir einiges von der Seele zu schreiben. Ich fühle mich jetzt einfach besser und bin mir sicher, dass dies meine bislang beste Arbeit ist. Am Anfang dieses ganzen Projekts war mein Anliegen, möglichst traditionelle Songs zu schreiben, mit schönen Melodien und mit nach den dunklen Seiten in mir forschenden Texten. Deshalb handelt das Album ausschließlich von mir. Es zapft eine ganz neue Energiequelle an und ist im Vergleich zu meinen bisherigen Songs etwas völlig Anderes.“

Kein Wunder, dass das Erstlingswerk von Skin so manchen Skunk-Anansie-Fan vor den Kopf stoßen wird. Es ist randvoll mit Liebesliedern, die weniger die Liebe zelebrieren als den Verlust derselbigen beklagen. Die reine Schönheit moderner Jeremiaden hat Skin auf ihrem Album zu einem magischen Reigen gebündelt, der zwischen offensichtlichem Mainstream („Trashed“), auf das Wesentliche reduzierten Songs wie dem atmosphärischen Opener „Faithfulness“ oder Gänsehautballaden wie „Don’t let me down“ pendelt. Es gibt aber auch einige wenige lautere Momente auf „Fleshwounds“. Etwa wenn in „Listen to yourself“ der Bass dunkel grollt und die Gitarre echte kleine Heavy-Riffs anstimmt, zu denen Skin mit gedoppelter Stimme eine der schönsten Melodien der letzten Monate intoniert. Ebenfalls zur ersten Garde zählt das akustische „I’ll try“, das perfekt auf Skins Stimme zugeschnitten ist und auf der gleichen Qualitätsstufe wie „Listen to yourself“ steht. Das sind annähernd perfekte Popsongs, die wie Sonnenstrahlen aus den schwermütigen Balladen herausstechen und verkünden, das immer ein Grund zur Hoffnung besteht. All das zusammen ergibt eine der gefühlvollsten und schönsten Platten des Jahres, die sicher nicht jedermanns Sache sein dürfte und stimmungsmäßig wohl besser im Herbst oder Winter hätte veröffentlicht werden sollen. Aber da gute Musik nicht Jahreszeitenabhängig ist, kann man auch im Sommer bedenkenlos zu dieser CD greifen. Denn wenn man an „Fleshwounds“ nicht die Erwartung hegt, eine Fortsetzung des Skunk-Anansie-Sounds geboten zu bekommen und den feinen Melodien eine Chance zur Entfaltung gewährt, wird man mit einem emotionalen Balladenfeuerwerk belohnt, das sicher auch seine kleinen Schwächen hat, aber für Melancholiker und Liebeskummer geplagte Zeitgenossen ein Füllhorn höchst menschlicher Gemütsbewegungen bereithält.

Anspieltipps:

  • I’ll try
  • 'Til morning
  • Listen to yourself
  • Don’t let me down
  • As long as that’s true
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