Apollo 440 - Dude Descending A Staircase - Cover
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Apollo 440 Dude Descending A Staircase


  • Label: Dragnet/SONY
  • Laufzeit: 95 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Job des Remixers zählt zu den eher seltsamen Beschäftigungen in der Musikbranche. Anonyme Studiotüftler bekommen von anderen Musikern, oder deren Plattenfirmen, Songs zugeschickt, bei denen es gilt, einen erfolgreichen Hit in ein neues Gewand zu stecken, um z.B. mit einer Neuauflage nochmals Kasse zu machen, oder, um aus einem vermeintlichen Rohrkrepierer so etwas wie Charttauglichkeit herauszukitzeln.

Zu den renommiertesten Remix-Künstlern zählen die aus Liverpool stammenden Brüder Howard und Trevor Gray, zusammen mit ihrem alten Schulfreund Noko, die sich unter dem Namen The Stealth Sonic Orchestra einen exzellenten Ruf in der Branche erspielt haben und Remixe für so bekannte Acts wie die Manic Street Preachers, U2, James, Puff Daddy/Jimmy Page, INXS, OMD, Skunk Anansie, Sabrina Setlur und Jean Michel Jarre abgeliefert haben. Ihr Sound wurde stark von der Acid-House-Welle beeinflusst, die Anfang der 90er-Jahre von England nach ganz Europa schwappte. Zu dieser Zeit wagte das Trio auch erstmals das Experiment, aus ihrem Schattenleben als Auftragsmusiker herauszutreten und unter dem Gruppennamen Apollo 440 ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das Stilmittel von Apollo 440 ist dabei ebenso simpel wie effektiv: Man nehme ein paar einfache rhythmische und melodische Elemente, griffige Samples aus Rock, Pop und Jazz, die überdies vielleicht noch irgendwie vertraut klingen, und setze, je nachdem, angemessene Stimmen über, unter und zwischen das mit Streicher- und Elektroschlieren unterfütterte Ganze. Das Ergebnis hat zwar nicht wirklich Tiefgang, ist aber mit großer Sorgfalt angefertigt, stört nicht und kann vielen Menschen Spaß bereiten.

Wollte sich anfangs niemand so richtig für den Sound interessieren, ist diese Crossover-Variante 13 Jahre später ein millionenschweres Geschäft mit diversen Superstars (Fatboy Slim, The Prodigy, Chemical Brothers etc.), zu deren erweiterten Kreis auch Apollo 440 zählen. Der Durchbruch für das Trio kam 1996, als ihr Drumbeat-Feger „Krupa“, der auf einem Sample von Big-Band-Drummer Gene Krupa basiert, in die deutschen Top 40 schoss. Es folgten Hitsingles wie „Ain’t talkin‘ ´bout dub“ (1997), „Stop the rock“ (1999) und Alben wie „Electro glide in blue“ (1997) und „Gettin‘ high on your own supply“ (1999), die sich europaweit respektabel verkauften, aber von den Kritikern nicht gerade geliebt wurden. Eben diesem Crossover, in seiner bisher ausgefeiltesten Ausführung, bleibt das Trio auch auf dem neusten Oeuvre, der 18 Titel starken Doppel-CD „Dude descending a staircase“, treu. Neben den typischen Apollo-440-Songs, verarbeiten die Musiker unter ihrem Alter Ego The Stealth Sonic Orchestra aber auch Stücke, die auf den großen Wumms verzichten und beinahe Trance-artig daherkommen, weshalb das Werk inhaltlich auf zwei Ebenen aufgeteilt wurde. Es deshalb gleich ein Konzeptalbum zu nennen wäre allerdings etwas viel der Ehre. Doch durch die Aufteilung herrscht wenigstens Ordnung auf „Dude descending a staircase“.

Auf der ersten CD werden neun Tracks dargeboten, die überwiegend der Big-Beat-Sparte angehören und ein weiteres Mal die Grenzen zwischen den verschiedenen Musikstilen verwischen. Spielerisch werden TripHop-Elemente, Easy-Listening-Versatzstücke, getragene Dub-Trance-Sounds und Rock-Riffs zu einem neuen Ganzen zusammengeführt. Dass das alles nicht besonders aufregend und inzwischen kaum noch innovativ klingt, kann man der Band nicht mal vorwerfen. Sie bewegt sich in ihrem selbsterschaffenen Kosmos, den sie vor 13 Jahren erfand und auch anno 2003 heranzieht, um auf experimentelle Weise einen kommerziellen Erfolg heraufzubeschwören. Auf den Tracks des zweiten Silberlings gehen Apollo 440 die Sache als Stealth Sonic Orchestra wie erwähnt eine Spur gemächlicher an. Die Songs bieten vergleichsweise mehr Seele und Tiefgang und bedienen sich eindeutig an den Grundformen der Filmmusik. Dadurch wirkt das Ganze insgesamt atmosphärischer, selbst wenn eine gewisse Langeweile auf Dauer nicht zu vermeiden ist. Das liegt u.a. daran, dass die mit Drum ‘N Bass, Elektronik-Geplucker, Streichereinlagen und esoterischen Vocalparts angereicherten Tracks auf einer großen Synthesizerwolke schweben, die den Hörer in einen Trancezustand versetzen möchten, aber geradewegs in den Tiefschlaf führen.

Für einen gelungenen Single-Track waren Apollo 440 schon immer gut, während ihre Alben traditionell nicht das Gelbe vom Ei sind. Dieser Brauch wird auch mit „Dude descending a staircase“ nicht unterbrochen. Bezogen auf eine Spielzeit von 95 Minuten fehlt es dem Album einfach an Frische und belebenden Elementen. Auch finden wir diesmal keinen herausragenden Song vom Kaliber eines „Ain’t talkin‘ 'bout dub“, sodass dieses Doppelalbum als überflüssig zu bezeichnen ist.

Anspieltipps (CD 1):

  • Time is running out
  • Children of the future
  • Electronic civil disobedience
  • Anspieltipps (CD 2):

    • Diamonds in the sidewalk
    • Check your ego
    • Christiane
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