Michelle Branch - Hotel Paper - Cover
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Michelle Branch Hotel Paper


  • Label: Maverick/WEA
  • Laufzeit: 55 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Als Michelle Branch vor etwa zwei Jahren mit ihrem Debütalbum „The spirit room“ auf der Bildfläche erschien, ahnte kaum jemand, dass sie schon bald zu den erfolgreichsten jungen Frauen der Popszene gehören würde. Mehr noch als das, überraschte sie Musikliebhaber, indem sie zu den ganz wenigen weiblichen Künstlern gehört, die ausschließlich selbstgeschriebenes Material in die Charts brachte. Der Erfolg von Michelle Branch beruht nicht zuletzt auf Songs, die mit konventionellen Instrumenten eingespielt wurden und für die Texte mehr sind als nur akustisches Beiwerk. Leider immer stärker eine Ausnahme in der heutigen Musiklandschaft.

In der Tat, Michelle Branchs Erfolgsliste kann sich sehen lassen: „The spirit room“ verkaufte in den USA mehr als 2,5 Millionen Einheiten und erreichte auch in Deutschland Platz 75 der Album-Charts. Für ihre Kooperation mit Carlos Santana, „The game of love“ (2002), erhielt sie einen Grammy. 18 Monate lang fand man ihren Namen ununterbrochen in den Top-100 der Billboard-Charts. Sie bekam einen MTV Viewer's Choice Award, hatte in den USA 4 Top-10 Single-Hits und absolvierte eine ausverkaufte Tour mit Sheryl Crow. Bei solchen Errungenschaften wird es Zeit, dass die darbende Fangemeinde mit neuen Songs versorgt wird. Und diese gibt es jetzt in Form des dritten Michelle-Branch-Albums „Hotel paper“, das seit Ende Juni zumindest in den USA in den Plattenläden steht. Die deutschen Fans werden wohl noch zwei Monate warten müssen.

Nach einem kurzen Intro beginnt das Album mit der ersten Singleauskopplung „Are you happy now“, einem energiegeladenen Pop-/Rocksong, der ein Ergebnis aus den persönlichen Lebenserfahrungen Michelles und dem Einfühlungsvermögen jener ist, die im Studio das Know-How mitbringen, einen Song auch soundmäßig auf den Punkt zu bringen. „In ’Are you happy now?’ geht es um eine zerbrochene Beziehung“, so Michelle. „Jeder, auf dessen Gefühlen einmal herumgetrampelt wurde, wird verstehen, worum es geht“. Entsprechend hart geht die 20jährige bei dem Song zu Werke. Versöhnlicher und vergleichbar gemäßigter klingt „Find your way back“. Ein Song in der Branch-typischen Melodik, die nie ohne einen fließenden Groove daherkommt. Dagegen kommt das mit Streichern aufgemotzte „Empty handed“ gar nicht erst in Fahrt und kann lediglich durch ein paar instrumentale Finessen und Michelles tolle Stimme glänzen. Mit „Tuesday morning“ folgt eine typische US-Radio-Power-Ballade, die von ihrem hymnischen Refrain lebt und wie geschaffen ist für eine Singleauskopplung. Perfekter Cabrio-Pop!

„One of these days“ stößt ebenfalls ins Balladenhorn. Diesmal wird Michelle von Ollie Goldstein am Piano begleitet, was dem reduzierten Song sehr gut zu Gesicht steht. Doch danach wird die Schwächephase des Albums eingeleitet. „Desperately“ ist ödester Pop und auch „Love me like that“, ein Country-And-Western-Song im Duett mit Sheryl Crow, lockt keinen Hund hintern Ofen hervor. Dafür, dass sich Michelle Branch eine so berühmte Gesangspartnerin ins Studio geholt halt, klingt das Stück altbacken und langweilig. Vor allem kann man die beiden stimmlich kaum unterscheiden, was das Duett letztendlich ad absurdum führt. „Breath“ bietet zwar wieder etwas mehr Power auf, kommt aber nicht wirklich über die Durchschnittsmarke rüber, wie die nachfolgenden Songs es leider auch nicht schaffen. Zwar sticht hier und da ein netter Refrain heraus („Where are you now?“), klingen atmosphärische Versatzstücke durch („’Til I get over you“), oder inspiriert ein Text zum genaueren Hinhören („Hotel paper“) – Begeisterung können die Kompositionen allerdings nicht entfachen. Dazu agiert Michelle Branch zu sehr mit gebremsten Schaum. Aber woran mag das liegen?

Auch wenn die Theorie an den Haaren herangezogen sein mag, steckt im Titel der neuen Michelle-Branch-CD eine Art Erklärung für die alles andere als aufregende Musik auf dem dritten Album des Shootingstars aus dem Jahr 2001. „I write mostly on hotel paper“ singt Michelle im Titelsong „Hotel paper“ und gibt damit einen Einblick in die Entstehung der neuen Songs. Auf der Erfolgswelle schwimmend, standen in den letzten Jahren Tourneen rund um den Globus, TV-Auftritte und Promotionverpflichtungen an, die der Künstlerin kaum Zeit für ein ausgereiftes Songwriting gelassen haben. Dieses fand in der Regel zwischen Tür und Angel, im Tourbus und auf einsamen Hotelzimmern, statt, um die von der Plattenfirma vorgegebene Veröffentlichungs-Deadline einhalten zu können: „Ich war die letzten zwei Jahre durchgehend unterwegs, und als die Zeit kam, um ein neues Album aufzunehmen, sichtete ich, was sich angesammelt hatte“, so Michelle Branch. „Ich hatte bereits ein komplettes Album geschrieben - in Hotels, auf Papierfetzen, während der Wartezeiten vor dem nächsten Auftritt. Ich stellte fest, dass das neue Album in Hotelzimmern überall auf der Welt entstanden war, womit auch der Titel feststand“.

Da die 20jährige aus Sedona, Arizona trotz ihres jungen Alters nicht auf die Hilfe fremder Songwriter zurückgreift, ist sie für das gesamte Songmaterial auf „Hotel paper“ alleinverantwortlich. Lediglich bei vier der zwölf neuen Songs stand ihr wieder der Produzent und Gitarrist John Shanks zur Seite, der schon den Vorgänger mit seinem Songwritingtalent veredelte. Trotzdem ist es erschreckend, wie ein Fast-Noch-Teenager so beherrscht und routiniert wirkende Songs schreiben kann. Als hätte es den atemberaubenden Erfolg einer Avril Lavigne nicht gegeben, die mit ihrem kindlichen Teenage-Rock zehn Millionen Tonträger in einem Jahr verkaufte, präsentiert Fräulein Branch ein Dutzend gut abgehangener Mainstream-Kompositionen, die weder stören noch groß auffallen. Obwohl ihre Songs durchaus rootslastig sind, fehlen ihnen nicht nur Ecken und Kanten, sondern vor allem der naive Charme und die nicht zu zügelnde Energie eines Teenagers bzw. Twenty-Somethings. Vielleicht wurde auch aus diesem Grund der 2001er-Hit „Everywhere“ als Bonustrack auf das Album gepackt, mit dem Michelle ihren Durchbruch schaffte. Ein Song, der alle positiven Eigenschaften vereint, die „Hotel paper“ über weite Strecken so schmerzlich vermissen lässt.

Anspieltipps:

  • Tuesday morning
  • The game of love
  • Where are you now?
  • Are you happy now?
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