Diverse - Verve Remixed 2 - Cover
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Diverse Verve Remixed 2


  • Label: Universal
  • Laufzeit: 72 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine in Jazzkreisen recht gewagte Idee hatten die Initiatoren des „Verve Remixed”-Projekts, als sie vor zwei Jahren namhafte Remixer und Produzenten darum baten, klassische Jazz-Tracks von Künstlern des Verve-Labels zu überarbeiten. Das fertige Werk erschien im Frühling 2002 und sorgte naturgemäß für Kontroversen; schließlich hatten sich hier Dancefloor-Spezialisten wie Richard Dorfmeister, Thievery Corporation, Masters At Work, De-Phazz, Tricky und MJ Cole an hehrem Liedgut von Jazz-Ikonen wie Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Dinah Washington, Nina Simone und Sarah Vaughan „vergriffen“. Nachdem das Projekt zu einem internationalen Erfolg avancierte, geht es nun in die zweite Runde. Die DJs, die diesmal zum Zuge kamen, gehören selbstredend zur Crème de la Crème des internationalen Dancefloor-Underground und präsentieren insgesamt 14 Remixe, die im Original auf dem zeitgleich veröffentlichten Album „Verve // Unmixed²“ zu finden sind.

Dizzy Gillespie - Manteca (Funky Lowlives Remix)
Trompeter Dizzy Gillespie war nicht nur einer der Vorreiter des Bebop, sondern hatte auch maßgeblichen Anteil an der frühen Fusion von Jazz und Afro-Kubanischer Musik. 1947 holte Dizzy den damals gerade in New York angekommenen kubanischen Congaspieler Chano Pozo in seine Bigband und schrieb gemeinsam mit ihm zwei seiner bis heute populärsten Stücke: „Tin tin deo” und „Manteca”. Für ihren Remix von „Manteca” verwendete das Londoner Downtempo-Duo Funky Lowlives (Jon K. Whitehouse und Gary Danks) Dizzys gefeierte ’61er Live-Aufnahme, die bei einem Konzert in der Carnegie Hall mitgeschnitten wurde. Besonders angetan waren die Funky Lowlives, die dem Stück hier einen gehörigen Schuss Dub und einen mörderischen Groove verpasst haben, von dem vorantreibenden Percussion-Trio (Ray Barretto, José Mangual & Julio Collazo) und Dizzys elektrifizierenden Trompetenläufen.

Nina Simone - Sinnerman (Felix Da Housecat Heavenly House Mix)
Nina Simone, die Hohepriesterin des Soul, war für ihre mitunter sehr abenteuerlichen Arrangements bekannt. Und auch „Sinnerman” (vom Album „Pastel blues”) bildete da keine Ausnahme: die bluesige Traditionsnummer geriet bei Simone zu einer über zehnminütigen Odyssey. Für seinen „Heavenly House Mix” pickte sich die Chicagoer House-Legende Felix „Da Housecat“ Stallings Jr. ein mehrfach wiederholtes Pianomotiv und Simones anklagende Frage „Where you gonna run to?” heraus und kombinierte diese mit synthetisierten Streichern, einer Oktav-Basslinie und einem harten Basstrommel-Beat.

Sarah Vaughan - Whatever Lola wants (Gotan Project Remix)
Sarah Vaughan war wohl die vielseitigste Vokalistin der goldenen Jazzära. Als eine der ersten Sängerinnen überhaupt wagte sie sich an halsbrecherische Bebop-Nummern heran und war zudem eine Meisterin des virtuosen Scat-Gesangs. Mit derselben Begeisterung sang sie aber auch simple Popsongs wie etwa das aus der Broadway-Show „Damn Yankees” stammende „Whatever Lola wants”. Die drei Musiker des Gotan Project akzentuierten den verführerischen Tango-Charakter des Songs, indem sie Bandoneón- und Gitarrenklänge hinzufügten. Gotan Project wurde 1999 von dem Franzosen Philippe Cohen Solal, dem Argentinier Eduardo Makaroff und dem Schweizer Christoph H. Muller ins Leben gerufen, um dem klassischen Tango Nuevo mit progressiven Dancefloor-Beats ein neues, junges Publikum zu erschließen.

Oscar Brown Jr. - Brother Where are you (Matthew Herbert Remix)
Seifenopernstar im Radio, Gastgeber von TV-Shows, professioneller Songwriter, Jazzsänger. Der in Chicago geborene Oscar Brown Jr. war stets ein vielseitig talentierter Künstler. Und diese Vielseitigkeit bewies er auch auf dem 1965 erschienenen Verve-Album „Mr. Brown goes to Washington”, das er - mit Phil Upchurch an der Gitarre - live im Washingtoner Jazzclub „Cellar Door“ aufnahm. „Brother where are you” ist eine der überaus hörenswerten Juwelen dieses Albums und für den Londoner DJ und Produzenten Matthew Herbert zum Bearbeiten wie geschaffen. Herbert hat seine bisherigen Werke unter etlichen Pseudonymen (u.a. Radioboy und Dr. Rockit) veröffentlicht, betreibt zwei eigene Plattenlabels und mischt bei seinen diversen musikalischen Projekten ganz nach Belieben Elemente von House, Techno, Ambient und Electro. Im Gegensatz zu anderen DJs und Remixern weigert er sich aber, die Aufnahmen anderer Musiker zu samplen. Stattdessen verwendet er für seine Tracks Samples von allen erdenklichen Geräuschquellen, mal sind es etwa Küchenutensilien, dann wieder - wie für die Einspielung seines hochgelobten 2001er Albums „Bodily functions” - der eigene Körper. Er hat Kompositionen für Film, Theater und das Fernsehen geschrieben und so unterschiedliche Künstler wie R.E.M., Zero 7, Björk, Perry Farrell (Jane’s Addiction) und Serge Gainsbourg remixt.

Ella Fitzgerald - Slap that bass (Miguel Migs Petalpusher Remix)
Ella Fitzgerald, die „First lady of song”, war u.a. für ihre ansteckende gute Laune, ihre gewandten Scat-Einlagen und eine hervorragende Artikulation bekannt. Die zahlreichen Alben, die sie für ihren Produzenten Norman Granz aufnahm, und vor allem die Songbook-Serie, die den großen Komponisten des Jazz gewidmet war, gehören nach wie vor zu brillantesten und populärsten Aufnahmen des umfangreichen Verve-Katalogs. „Slap that bass” wurde 1937 für den Fred Astaire/Ginger Rogers-Film „Shall we dance” geschrieben. Ella Fitzgerald sang das Stück 1959 für ihr fabelhaftes „George & Ira Gershwin Song Book” ein. Miguel Migs (Miguel Steward), der in der House-Musikszene von San Francisco beheimatet ist, lässt bei seinem verspielten, sommerlichen Remix des Titels Milch und Honig fließen. Er produzierte einige Underground-Hits und stand mit seinen Fähigkeiten als Remixer schon Mainstream-Popstars wie Macy Gray und Britney Spears zur Seite.

Ella Fitzgerald - Angel eyes (Layo and Bushwacka! Remix)
Auch wenn dies mancher glauben mag: Frank Sinatra war nicht der einzige, der diese wundervolle Ballade aufgenommen hat. Ella Fitzgerald nahm sie für Verve gleich mehrfach auf. Und die bemerkenswerteste Interpretation gelang ihr 1958 in Italien beim Konzertmitschnitt für das Album „Ella in Rome: The birthday concert”. Das britische Duo Layo and Bushwacka! führt diese Version nun mit einer ebenso funkelnden wie spacigen Neubearbeitung in völlig andere Stratosphären.

Ramsey Lewis - Do what you wanna (Mr. Scruff Remix)
Tastenzauberer Ramsey Lewis zehrt noch heute von seinem 1965 aufgenommenen Top 5-Hit „The ‘in’ crowd”, aber auch seine 1969 eingespielte Instrumentalnummer „Do what you wanna do” ist der heutigen Generation der Soul- und Rare Groove-Adepten noch bestens geläufig. Wie Lewis, der ebenso gerne boppige Jazzstücke wie schnörkellose Popsongs spielte, hat auch der aus Manchester kommende DJ, Produzent und Cartoonist Mr. Scruff (Andy Carthy) keine stilistischen Vorbehalte, wenn er sich auf der Suche nach dem perfekten Groove befindet. Der beste Beweis dafür ist diese funkige Neuinszenierung von Ramseys Original-Single.

Cal Tjader - Soul sauce (Fila Brazillia Remix)
Caliente! So feurig wie der Inhalt des auf dem Cover abgebildeten Tabasco-Fläschchens war auch die Musik, die der Vibraphon-Virtuose Cal Tjader 1964 auf seiner LP „Soul sauce” präsentierte. Das Titelstück, eine Interpretation von Dizzy Gillespies „Guachi guaro (Soul sauce)”, sollte eines der populärsten Stücke dieses Mannes sein, den nicht wenige für den besten nicht aus Lateinamerika stammenden Latin-Bandleader hielten. Für das aus dem englische Hull stammende Downtempo-Duo Fila Brazillia war Tjaders einzigartige Mischung aus Mambo und Lounge Music ein gefundenes Fressen. In ihrem schwindelerregenden Remake zogen sie das Tempo der Originalrhythmen noch ein wenig an. Seit sie 1990 Fila Brazillia gründeten, haben Dave McSherry und Steve Cobby Remixe für Radiohead, The Orb, U.N.K.L.E., Lamb und die Simple Minds produziert, die 2000 allesamt auf der Doppel-CD „Brazilification” erschienen.

Willie Bobo - Fried neckbones and some homefries (Dan The Automator Remix)
Wenn man sich den mitreißenden Latin-Groove dieser 1965 auf dem Album „Uno, Dos, Tres” erschienenen Nummer des Percussionisten Willie Bobo so anhört, weiß man gleich, wo sich der junge Carlos Santana die Ideen für einige seiner Furore machenden Rhythmen hergeholt hat. Bobos Latin-Soul-Klassiker wird hier von Dan „The Automator“ Nakamura mit Glanz und Gloria noch ein bisschen strahlender rausgeputzt. Der in San Francisco lebende Nakamura machte in alternativen HipHop-Zirkeln erstmals 1995 auf sich aufmerksam, als er sich mit dem berühmt-berüchtigten MC Kool Keith für das verwegene Dr. Octagon-Projekt zusammentat. An der Seite von Blur-Sänger Damon Albarn wirkte er bei dessen erfolgreichen Seitensprung mit den Gorillaz mit und im Verein mit Mike Patton (Ex-Faith No More, Mr. Bungle, Fantômas und Tomahawk) veröffentlichte er 2001 ein Album mit eigenwilligen Liebesliedern, das den phänomenalen Titel „Music to make love to your old lady by” trug.

Betty Carter - Naima's love song (DJ Spinna Remix)
Es gehört schon eine ganze Menge Chuzpe dazu, eine Aufnahme von Betty Carter remixen zu wollen. In den rund 50 Jahren ihrer Karriere war die 1998 verstorbene Sängerin dafür bekannt, dass sie den von ihr interpretieren Songs oft völlig überraschende Wendungen gab und spontan radikale Veränderungen der Melodie oder des Rhythmus vornahm. Da kann es einen Remixer schnell aus der Kurve tragen. Der in Brooklyn ansässige Underground-DJ und Produzent DJ Spinna genießt allerdings selbst auch den Ruf, ein Meister im Brechen von Regeln zu sein. Erste Erfolge verzeichnete er mit relaxten House-Tracks. Noch bekannter wurde er aber durch Produktionen für HipHop-Stars wie Guru oder J-Live und die Aufnahmen mit seiner Band Jigmastas, in der Vernon Reid (Living Colour) Gitarre spielt.

Hugh Masekela - Mama (Metro Area's Birthday Dub)
Der südafrikanische Trompeter Hugh Masekela machte schon seine ganz persönliche Sorte Weltmusik, als es diesen Begriff überhaupt noch nicht gab. Die Klänge und Rhythmen seiner Heimat brachte er in seinen Stücken mit Jazz, Rock und Pop zusammen. „Mama” stammt von der 1975 erschienenen LP „The boy’s doin’ it”, das eine brisante Mixtur aus Afro-Beat, Funk und sogar frühen Disco-Anklängen bot. Metro Area (Morgan Geist und Darshan Jesrani) verwandelten das Stück in eine Dub-Nummer mit satten Bläserriffs, synkopischen Drum-Rhythmen und einem durchgehenden Beat, der auf einer Kuhglocke geschlagen wurde. Der für dieses Duo typische Sound ist eine Mischung aus klassischer Disco-Musik, mechanisch klingendem Chicago-House und Detroit-Techno.

Astrud Gilberto - Here's that rainy day (Koop Remix)
Die brasilianische Bossa-Nova-Chanteuse Astrud Gilberto hatte eigentlich nie im Sinn gehabt, als professionelle Sängerin Karriere zu machen. Sie begleitete ihren damaligen Ehemann João Gilberto 1963 nur nach New York, um ihm als Dolmetscherin bei dessen Aufnahmen mit dem amerikanischen Tenorsaxophonisten Stan Getz zur Seite zu stehen. Getz wünschte sich indes unbedingt eine englische Version des Titels „A garota de Ipanema” und bugsierte Astrud mit sanftem Nachdruck hinter das Mikro. Das Stück wurde ein Riesenhit und markierte den sensationellen Karrierebeginn von Astrud. Drei Jahre später nahm die Sängerin wider Willen mit dem legendären Organisten Walter Wanderley das Album „A certain smile, a certain sadness” auf. Aus dessen Repertoire wählte das schwedische Duo Koop (Mangus Zingmark and Oscar Simonsson) die Nummer „Here’s that rainy day again” aus und gab ihr einen betont leichten und lebendigen neuen Anstrich. Wie auch hier arbeiten Koop oft mit traditionellen Jazz- und Latin-Elementen und kombinieren die Klänge akustischer Instrumente mit elektronischen Sounds.

Nina Simone - Black is the color (Jaffa Remix)
„Black is the color of my true love’s hair” ist eigentlich ein traditionelles schottisches Volkslied, das aber irgendwann die Reise über den Atlantik schaffte und heute in den USA für einen einheimischen Song gehalten wird. Die klassisch geschulte Pianistin Nina Simone reizte das musikalische Thema so sehr, dass sie von dem Stück eine Bearbeitung anfertigte, die heute für andere Interpreten als Maßstab gilt. Remixer Jaffa (David Kakon), selbst ein klassisch geschulter Pianist und Meister der Hammond-Orgel, nahm Simones schlichtes Arrangement (nur für Stimme und Piano) als Ausgangspunkt und gab der Nummer durch funkige Schlagzeug-Breaks, Streicherpassagen und die für ihn typischen Keyboard-Riffs einen vollkommen anderen, lebhafteren Charakter.

Archie Shepp - Blues for brother George Jackson (Mondo Grosso Next Wave Remix)
Sowohl Archie Shepp als auch Mondo Grosso (Shinichi Osawa) haben - ein jeder auf seine eigene Art - Bahnbrechendes geleistet: Shepp als politischer Revolutionär, Dramatiker, Akademiker und innovativer Tenorsaxophonist, Osawa als Japans bekanntester DJ, Promoter, Produzent, Radiomoderator und Vaterfigur der modernen japanischen Dance Music. „Blues for brother George Jackson” erschien 1972 auf Shepps Album „Attica blues”. Mondo Grosso frisiert das Stück hier zu einer Disco-House-Nummer mit schlüpfrigem Downbeat und verspielten „Stops ’N’ Starts” um. Ohne die Pionierarbeit von Mondo Grosso hätte die moderne japanische Dancefloor-Szene heute wohl kaum den weltweit guten Ruf, den sie nun besitzt.

Die beteiligten Remixer verleihen den alten Kompositionen einen gehörigen Schuss Frische und viel neuen Schwung, ohne das eigentliche Gefühl für den Jazz vermissen zu lassen. Hier findet keine „Leichenfledderei“ statt, sondern ein mit Bedacht durchgeführter Transfer in die Neuzeit, bei dem die Originalkünstler nicht zu unkenntlichen Statisten degradiert werden. Ähnlich, wie es Jason Swinscoe mit seinem Cinematic Orchestra macht, werden die zum Teil steinalten Stücke auf originelle Weise akustisch aufgepeppt und würdevoll einem neuen Publikum zugänglich gemacht. Das macht die „Verve // Remixed²“-Compilation für Jazz-Fans wie für Quereinsteiger absolut empfehlenswert!

Anspieltipps:

  • Brother where are you
  • Slap that bass
  • Sinnerman
  • Manteca
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