No Angels - Pure - Cover
Große Ansicht

No Angels Pure


  • Label: Polydor/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 55 Minuten
Artikel teilen:
3/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Personalschwund bei deutschen Boy- und Girlgroups schleicht unaufhörlich voran. Nach Bro’Sis sind jetzt auch die No Angels einen Kopf kürzer und die zahlreichen Fans schwer in Sorge. Zwar mussten keine Call Center für die Notrufe suizidgefährdeter Teenager eingerichtet werden (man erinnere sich nur an den Ausstieg Robbie Williams bei Take That), aber offensichtlich machen sich auch im Traumland der „RTL Popstars“ erste Auflösungserscheinungen bemerkbar.

Dass die Öffentlichkeit dabei regelrecht für dumm verkauft wird und es offenbar noch nicht mal bemerkt, ist nur ein „Highlight“ im Possenspiel um die süßen Engel, die eigentlich keine sind bzw. sein wollen. So trug es sich vor einem halben Jahr zu, dass sich die hochschwangere Jessica Wahl in ihre Babypause verabschiedete, während die übrigen Girls fleißig weiter PR-Termine wahrnahmen, am dritten Studioalbum arbeiteten und zwei Singles in den Top 5 platzieren. Wer konnte da ernsthaft glauben, dass es für die junge Mutter ein Zurück geben würde? In Insiderkreisen wurde schon lange darüber gemunkelt, was im Juli 2003 offiziell verkündet wurde: Jessy ist nicht länger Mitglied der No Angels. Darauf hätten sich die fünf Mädels geeinigt. Dass die Initiative dabei vom allmächtigen Management ausgegangen sein dürfte und nicht von der Band selbst, trifft den Kern wohl eher. Schließlich wäre der Erfolg ernsthaft in Gefahr gewesen, wenn man die Band-Termine zukünftig mit der Betreuung eines Säuglings in Einklang hätte bringen müssen. So aber kann die Maschinerie um die vor drei Jahren ins Leben gerufenen Casting-Popstars reibungslos am Laufen gehalten werden. Verständliche Sorgen einer Plattenfirma bzw. eines Managements, die mit völlig unbekannten Künstlern aus dem Stand mehr als fünf Millionen Schallplatten verkaufen konnten oder ein weiteres Beispiel für das unmenschliche Gebaren im Musikbusiness?

Während man Jessy den Abschied mit einem Solokünstlervertrag schmackhaft gemacht hat (ihre erste Solo-Single hatte just Premiere), sangen Vanessa Petruo, Sandy Mölling, Nadja Benaissa und Lucy Diakovska in den Department-2-Studios in Frankfurt das dritte Studioalbum „Pure“ ein, das dieser Tage in rauen Mengen in die Fach- und Supermärkte gekarrt wird. Dass es erneut für einen Spitzenplatz in den Charts reichen wird, steht schon anhand der ausgelieferten CD-Menge fest. Inwiefern eine Beurteilung der künstlerischen Qualität da überhaupt relevant ist, sei dem Konsumenten überlassen. Hier erhält er auf jeden Fall die Gelegenheit dazu.

Unbestreitbar ist das Geschick der beteiligten Songwriter für radiotaugliche Ohrwurmmelodien. Doch lassen wir einmal die obligatorischen 3 - 4 Hitsingles außen vor. Dann bleiben, wie im Fall von „Pure“, immer noch zehn Songs übrig, die über den Status von Füllmaterial hinwegkommen müssen. Den Anfang macht dabei „Sister“, dessen Arrangement aus der Feder von Vanessa Petruo stammt. Sie verarbeitet in dem Stück ihre Kindheitserfahrungen, die wir zum Teil schon aus der Yellow-Press erfahren durften. Der Song verbindet die typischen No-Angels-Vocals (Strophe = Sologesang, Refrain = Chorgesang) mit einem basslastigen Midtempo-Groove. Ein alles andere als aufregender Auftakt. „Eleven out of ten“ kommt auch nicht so recht aus dem Quark, bietet aber im Refrain ein paar E-Gitarrenklänge (!) auf und erinnert deshalb entfernt an die All Saints bzw. die Sugababes. Ganz nett, evtl. als Single tauglich, aber auch keine Offenbarung. „So what“ ist charakteristisches Boy(Girl)-Group-Material ohne Nährwert und klingt zudem verdammt bei 'N Sync („Bye bye bye“) abgekupfert. Bei „Angel of mine“ werden erneut die hiterprobten Flamencogitarren ausgepackt, um der Ballade ein wenig südliches Flair zu verleihen. Leider ist der Refrain nicht annähernd so gut wie beim 2002er Pendant „Still in love with you“. Dagegen sind Songs wie „Forever yours“, „Someday“ und „No angel (It’s all in your mind)“ allerbestes Radiofutter. Eingängige Melodien, luftige Arrangements und mehrstimmige Vocalparts: Pop-Herz, was willst du mehr?

Bei „You lied“ hat jemand ganz genau den letzten Madonna-Produktionen gelauscht, es aber nicht auf die Reihe bekommen, eine adäquate Kopie zu fabrizieren. Sinnfreies Geträller – maximal. „Feel good lies“ orientiert sich am sehr gelungenen Mousse-T.-Remix von „Let’s go to bed“ und groovt ganz annehmbar. Dazu gibt’s ein paar Streicher aus der Konserve und die auf „Pure“ ungewöhnlich häufig vorkommende Strom-Gitarre – fertig ist der Bombast-Pop für MTVIVA. „Takes a woman to know“ ist eine schwülstige Halb-Ballade (ich stelle mir das Video dazu vor – Schwing!) mit einem Streicher-/Keyboard-Arrangement wie aus einem italienischen Liebesfilm aus den 50er-Jahren. Kurz vor Schluss beglücken uns noch zwei zuckersüß angerichtete (Halb-)Balladen („New beginning“, „Washes over me“), die wie geschaffen sind für den nächsten Auftritt bei „The Dome“. Schon nach den ersten Tönen greift man automatisiert zum Feuerzeug, respektive zur Wunderkerze, und setzt zum kollektiven Teenager-Freudentaumel an. Bravo-Leser aller Länder vereinigt euch!

Nach 55 Minuten ist der Spuk vorbei und man fragt sich irritiert (oder auch nicht), was uns der hübsche Sticker auf der CD-Hülle letztendlich suggerieren möchte. Da ist die Rede vom „...persönlichsten Album der No Angels“. Doch was will uns das Plattenlabel angesichts dieser Schonkost damit einreden? Dass die vier Mädels zu Songschreiberinnen mutiert sind? Dass eine Entwicklung weg vom Euro-Pop hin zum getragenen Soul-Pop ein Quantensprung darstellt? Oder dass die Texte eine echte Aussage beinhalten? Da dies alles nicht zutrifft muss es etwas anderes sein. Nur was? Im Prinzip ist auf „Pure“ alles wie immer. Ein paar wenige „Highlights“ werden von seelenloser Dutzendware flankiert, die allenfalls B-Seiten-Niveau besitzt. Ob man sich damit klaglos zufrieden geben soll entscheiden die Käufer. Ich wage allerdings zu behaupten, dass die Radiohits durchaus ausreichen und 15,-- Euro gewiss besser investiert werden können.

Anspieltipps:

  • Someday
  • Feel good lies
  • Forever yours
  • New beginning
  • No angel (It’s all in your mind)
Neue Kritiken im Genre „Pop“
6/10

Beautiful Trauma
  • 2017    
6.5/10

Listen Without Prejudice Vol. 1 / MTV Unplugged
  • 2017    
Diskutiere über „No Angels“
comments powered by Disqus