Kings Of Leon - Youth And Young Manhood - Cover
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Kings Of Leon Youth And Young Manhood


  • Label: RCA/BMG
  • Laufzeit: 46 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

In kompakten 46 Minuten schrammeln sich die Südstaatler mit kaum zu überbietender Coolness durch 12 urbane Rocksongs.

Die Rettung naht! Wer nicht wusste, was nach der Retro-Rockwelle um die viel zu vielen „The“-Bands noch kommen sollte, bekommt von vier Jünglingen aus Tennessee die Antwort geliefert: Schweinerock! Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang. Maximal vier Akkorde. Untergebracht in einer wahnwitzigen Mischung aus Blues, Country, Southern-Rock, Folk und Punk. Hauptsache rustikal und gnadenlos cool. Ein Rezept, das wir so noch nicht kannten, bzw., für die älteren Leser, für ausgestorben hielten. Doch wer sind diese Burschen mit den viel zu langen Haaren im Jim Morrison Gedächtnis-Look?

Wie gut, wenn eine Newcomerband eine nette Geschichte zu ihrem Entstehen präsentieren kann. Das wissen wir nicht erst seit den White Stripes oder Trail Of Dead. Doch im Fall der Kings Of Leon, wie sich die Vier nennen, mussten dazu noch nicht mal Baron Münchhausens Erzählungen bemüht werden. Caleb, Nathan und Jared sind Söhne von Leon Followill, einem Wanderprediger der Pentecostal Church. Matthew sein Cousin. Leon Followill verbreitete im Land der unbegrenzten Möglichkeiten den Heiligen Geist in Wort und Tat, was für die Familie ein Leben auf Reisen bedeutete. Wohnen bei Verwandten und frische Klamotten aus dem Kofferraum. Großwerden auf den Straßen zwischen Oklahoma City und Memphis. Doch als sich herausstellte, dass Vater Leon im Beisein von Gemeindemitgliedern des öfteren die Robe abgelegt, im Adamskostüm eine etwas andere Lehre gepredigt und wohl auch manchmal etwas tiefer ins Glas geschaut hatte, entzogen ihm die Kirchenoberen den geistlichen Ornat. Die Familie siedelte sich in Nashville an, und dort entdeckten nun auch die Sprösslinge die Freuden teuflischer Verführungen wie etwa Rock ‘N‘ Roll.

Als Nathan (23, Schlagzeug), Caleb (21, Gitarre/Vocals), Jared (16, Bass) und Matthew (18, Gitarre) auf Platten von Bands wie den White Stripes stießen, waren sie total hin und weg. Sie dachten: „Vielleicht können wir das auch, und vielleicht kriegen wir's sogar cool hin.“ Die Band probte eigene Songs und gab kleine Konzerte im engsten Freundeskreis. Nach kurzer Zeit des Probens, Songschreibens und Tourens erhielten die Kings Of Leon einen Vertrag bei RCA und veröffentlichten ihre erste EP „Holy roller novocaine“. Die heimische Presse verlieh den Followills sogleich den Titel „The Southern Strokes“ und ein gewisser Noel Gallagher (Oasis) ließ sich zu der Aussage „The Kings Of Leon are my new fucking favourite band“ hinreißen. Na, wenn das kein Einstieg ist.

Inzwischen liegt auch das erste Album dieses hoffnungsvollen Quartetts vor. „Youth & young manhood“ wurde in den House Of Blues Studios in Memphis, Ocean Way Studios in Nashville, Shangri-La-Studios in Malibu und den Sound City Studios in Van Nuys, Kalifornien eingespielt, wo übrigens Nirvana ihr Monumentalwerk „Nevermind“ auf Band brachten. Aus ihren ländlichen Wurzeln destillieren die Kings Of Leon eine hochprozentige Essenz von Blues, Country und Garage-Punk, die sie dann mit Riffs, auf die selbst schwarz gekleidete Motorradclubanhänger neidisch wären, Sixties-Ekstase und aufreizend unkomplizierten Melodien veredeln. In kompakten 46 Minuten schrammeln sich die Südstaatler mit kaum zu überbietender Coolness durch 12 urbane Rock-Songs, als wären sie schon ewig im Business und lieferten nun ihr Alterswerk ab. Dabei klingen Stücke wie „Red morning light“ und „Happy alone“ mehr nach New Yorker Clubszene, als die dort ansässigen Bands. Der Bass rumpelt vor sich hin, die Gitarren-Licks schweben offen im Raum, um dann im nächsten Moment auf die Tube zu drücken, als würden The Velvet Underground mit Speed-Pillen experimentieren. Dazu kommen kurze aber beeindruckende Gitarrensoli mit Wahnwitz-Garantie, die allein den Kauf der CD wert sind, sodass der geneigte Hörer ganz automatisch in wildes Zucken verfällt.

Ganz besonders gefällt die Performance von Sänger Caleb Followill. Der 21-Jährige nölt, kreischt, raspelt und knödelt sich durch die Songs, dass es eine wahre Freude ist. Bisweilen scheint er die Grenzen des Machbaren gar überschreiten zu wollen. Dann brüllt er sich so heiser, dass man den Arzt rufen möchte. Eine solch engagierte Sangesleistung konnte man in der Rockmusik lange nicht mehr bestaunen. Respekt dafür! So arbeitet sich die Band Stück für Stück durch ein Album, dass auch nach ein paar Durchläufen keine Ausfälle zu verzeichnen hat. Ob nervöse Groove-Rocker wie „Wasted time“, wundervoll lamentierende Sixtees Krawall-Balladen („Joe’s head“), fünf Minuten lange, akustische Bluesepen wie „Trani“, in denen sich Caleb Followill wie weiland Tom Petty durch die Vokale kaut („…A secret toooown is going dooooown“), oder straighte Rocksongs wie „Genius“, das grandiose „Spiral staircase“ und das nicht minder herausragende „Molly’s chamber“, einem teuflischen Southern-Punk-Rocker vor dem Herrn. Hier stimmt einfach alles.

Noch herrscht ungläubiges Staunen angesichts einer Kapelle, die vor kurzer Zeit noch als Hobby- bzw. Amateurband auftrat und nun mal eben eines der beeindruckendsten Alben des Jahres und eines der stärksten Debüts seit langer Zeit vorgelegt hat. Die Kings Of Leon legen soviel Seele, Spielfreude und raue Energie in ihre Songs, dass die eher simplen Arrangements gar nicht auffallen. Das Album reißt einen vom ersten Moment an mit und lässt den Hörer so schnell nicht aus seinem Bann. Auf „Youth & young manhood“ wirkt nichts konstruiert oder aufgesetzt. Die vier Followills spielen grundehrlichen Rock ’N’ Roll mit einer jugendlich naiven Kraft wie es wohl nur ein Debütalbum bieten kann. Obwohl in diesem Jahr noch einige Hochkaräter auf dem VÖ-Plan stehen, hat dieses Werk bereits einen Platz in den Kritiker-Top 10 sicher. Endlich wieder ein Album, das zu Recht abgefeiert werden kann.

Anspieltipps:

  • Dusty
  • Happy alone
  • Spiral staircase
  • Molly’s chambers
  • Red morning light
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