Phillip Boa And The Voodooclub - C 90 - Cover
Große Ansicht

Phillip Boa And The Voodooclub C 90


  • Label: RCA/BMG
  • Laufzeit: 55 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Inspiriert vom derben Rock der vielen „The“-Bands klingt das neue Werk weniger elektronisch lärmend.

Die 80er Jahre waren nicht nur musikalisch gesehen eine ziemlich grausame Dekade. Deutschland wurde von Helmut Kohl regiert und die europäischen Charts von „Stock, Aitken, Waterman“ bestimmt. Der Musikindustrie ging es noch ausgezeichnet, auch wenn sie bereits mahnend den Zeigefinger erhob und propagierte „Home taping is killing muisc!“ Die „Generation Golf“ steckte ferner in den Kinderschuhen und suchte nach einer eigenen Identität. Zu dieser Zeit feierte ein Mann seine aus kreativer Sicht größten Erfolge: Phillip Boa.

Als Aushängeschild des deutschen Independent-Pop erreichte das Entfant Terrible mit seinen Frühwerken (u.a. „Philister“ , „Aristocracie“ und „Hair“ ) internationalen Ruhm, der den Künstler fortan, je nach Sichtweise, in seinem kreativen Prozess zu lähmen schien, bzw. negativ zu Kopf stieg. Spitznamen wie „Lord Garbage“ zählten zu der Zeit noch zu den freundlicheren Bezeichnungen für einen Künstler, der bei schlechten Kritiken schon mal ausflippen konnte. Obwohl die darauffolgenden Alben kommerziell durchaus erfolgreich waren, galt der im Exil auf der Insel Malta lebende Star als abgeschrieben und im Umgang mit der Presse alles andere als pflegeleicht. So versuchte Boa mit seinem letzten Album „The red“ (2001) seinen eigenen Abgesang einzuläuten und die Karriere an den Nagel zu hängen. Doch daraus wurde nichts. Aufgrund der vielen guten Kritiken für das von Olaf Opal (Miles, Die Sterne, Readymade) produzierte Werk, hat sich der Meister zum Weitermachen entschlossen. Und so kommt es, dass in diesen Tagen das 13. Boa-Album in die Läden kommt.

„C 90“ hat er es getauft und weckt damit Erinnerungen an die gute alte Zeit, als MP3, Internet-Tauschbörsen und CD-Brennerei noch unbekannt waren und der gemeine Musik-Freak sich „C-90er“-Kassetten kaufte, um coole Musik fürs Auto, den Walkman oder als Liebesbotschaften zu kompilieren. Mit dem Album kehrt der Vorsitzende des neuformierten Voodooclubs 17 lange Jahre nach seinen kreativen Meilensteinen wieder zu seinen Wurzeln und sich selbst zurück. Sogar Ex-Freundin Pia Lund ist nach missglückter Solokarriere wieder mit an Bord und bildet den schmerzlich vermissten Gegenpart zu Boas Gesang. Für die Produktion standen wiederum Olaf Opal, sowie Michael Ilbert (The Cardigans, The Hellacopters, Tocotronic), Phill Vinall (Pulp, Radiohead, The Fall) und Gregor Henning (Robocop Kraus) zur Verfügung. Phillip Boa selber hat so gute Songs wie schon lange nicht mehr geschrieben, vielleicht auch, weil er volle Rückendeckung und künstlerische Freiheit von seiner Plattenfirma bekam.

Für „C 90“ werden ihn seine zahlreichen Fans noch mehr ins Herz schließen, denn es schrammelt à la The Fall („It's not punk anymore, it's new wave now“, „Murder to music“). Burleske Popsongs wie „Slipstream“ oder „The girl who wants to die every day“ und verstörende Epen wie „Stutter shop“ gehen Hand in Hand. Sogar My-Bloody-Valentine-Zitate ertönen („Down“) wie auch bildschön gezeichnete Melodien in „Punch and Judy Club“. „I'm a little complicated“, singt Boa da gar nicht kokett in Anlehnung an seinen bisweilen schwierigen Charakter. Er bezeichnet sich als „Ex ½-Popstar“ (so ein Songtitel) und resümiert, nie den von anderen verlangten Weg gegangen zu sein und sich alles in allem doch sehr wohl zu fühlen.

Inspiriert vom derben Rock der vielen „The“-Bands klingt das neue Werk weniger elektronisch lärmend als „The red“ und schon gar nicht so melancholisch wie das von Liebespein geprägte „My private war“ (2000). Es dominieren dumpfe, Demotape-artige Garagenklänge, die von Boas Gespür für feine Melodien und Pia Lunds süßlicher Stimme auf dem Pop-Pfad gehalten werden. Die Veränderung ist deutlich zu spüren und wirkt wie ein frischer Windhauch auf das Songwriting des Westfalen, ohne die gebrochene Romantik und Schwere zu verdrängen, die man an seinen Songs so schätzt. Mit Phillip Boa ist also wieder zu rechnen, was der gesamten deutschen Musikszene nur gut tun kann.

Anspieltipps:

  • It’s not punk anymore
  • I’m an ex ½-Popstar
  • Murder to music
  • Slipstream
  • Down
Neue Kritiken im Genre „Indie-Pop“
5/10

Mints
  • 2017    
Diskutiere über „Phillip Boa And The Voodooclub“
comments powered by Disqus