Travis - 12 Memories - Cover
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Travis 12 Memories


  • Label: Independiente/SONY
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Zum dritten Mal in Folge liefern die vier Jungs aus Glasgow ein hochklassiges Album ab.

In den letzten Jahren gab es nur eine Handvoll erstzunehmender Pop- und Rock-Bands, die in der Lage waren, auf ihren Alben ein Feuerwerk an wunderschönen Melodien abzufeuern, ohne beliebig zu wirken bzw. sich den Gesetzten der Charts anzubiedern. Coldplay zählen mit Sicherheit dazu. Ebenso The Cardigans, Kashmir und Radiohead. Auf jeden Fall aber müssen die vier Musiker von Travis genannt werden, dieser unscheinbaren Kapelle aus Glasgow, Schottland, die seit ihrem ´97er-Debüt „Good feeling“ ohne Rücksicht auf Verluste unvergessliche Melodien in die Welt setzt. Und sind wir mal ehrlich. Gibt es in der Musik etwas Schöneres, als traumhafte Melodien und schneidige Riffs? Na also!

Der Durchbruch für Travis kam mit dem ´99er-Album „The man who“, auf dem sich ein großartiger Song an den nächsten reihte und vier Singles in den UK Top 20 platziert werden konnten. In Deutschland nahm davon nur wenig Notiz. Zwar schaffte es das Album im Sog der Single „Why does it always rain on me?“ bis auf Platz 34, doch der erste Chartstürmer gelang erst zwei Jahre später mit dem Werk „The invisible band“, das bis auf Platz 3 kletterte (UK: Platz 1). Die Singleauskopplungen kamen aber nicht über hintere Chartränge hinaus. Trotzdem hatten Travis sich einen guten Namen erspielt und galten als neues Aushängeschild des BritPop, der von der Fehde zwischen Blur und Oasis beinahe zugrunde gerichtet wurde.

Wiederum zwei Jahre später war es an der Zeit für ein viertes Travis-Album. Aber um ein Haar wären wir nicht mehr in den Genuss dieser wunderbaren Band und ihrer Musik gekommen. Im vergangenen Sommer war Drummer Neil Primrose kopfüber in den Swimming Pool eines französischen Hotels gesprungen, mit dem Schädel auf dem Grund des Beckens aufgeschlagen und sich dabei drei Halswirbel gebrochen. Sein Arzt war sich ziemlich sicher, dass er nie wieder würde laufen können. Francis Healy (Vocals), Andy Dunlop (Gitarre) und Douglas Payne (Bass) waren am Boden zerstört: Alles sah danach aus, als sollte ihr bester Freund für den Rest seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt sein. Doch Primrose erholte sich und konnte seinen Job in der Band nach Monaten des Leidens und der unerträglichen Schmerzen wieder aufnehmen.

Die Band traf sich Ende vergangenen Jahres wieder, um mit den Arbeiten an ihrem vierten Album „12 memories“ zu beginnen. Sie errichteten ein provisorisches Studio in einem restaurierten Farmhaus im West-Schottischen Mull, in der Hoffnung, Neil wieder an das Schlagzeugspielen heran zu führen. Und, oh Wunder, nach zwei Wochen hatten sie bereits neun neue Songs geschrieben. „Es war, als wenn wir uns wieder neu verliebt hätten“, schmunzelt Dougie Payne. „Mull war für uns wie ein Sanatorium. Es kam diesmal keinerlei Spannungen oder Stress auf.“ Ein Grund für die stressfreie Arbeit war sicher auch, dass sich Travis, nachdem sie bei den Erfolgsalben „The man who“ und „The invisible band“ mit dem hochgeschätzten Produzenten Nigel Godrich (Radiohead, Beck) zusammenarbeiteten, dazu entschlossen hatten, es diesmal alleine zu versuchen. Fran Healy wollte zudem die „La-la-la“-Songs hinter sich lassen, die er so vortrefflich schreiben kann, um sich vielmehr der Reflexion der Zeiten zu widmen, in denen wir leben. Erst für Endproduktion vertraute man sich wieder externen Kräften an und gab die Songs in die Hände von Tschad Blake (Pearl Jam, Crowded House), der sie in Peter Gabriels Real World Studios in Bath abmischte.

Als Ergebnis dieser ganz neuen Arbeitsweise präsentiert uns die Band ein Album, das wahrscheinlich noch nie so dicht am Sound eines gewissen Quartetts aus Liverpool dran war, als heuer mit „12 memories“. Und das, obwohl Travis schon seit Jahren für ihre Beatle-esken Melodien geliebt werden. Dabei machen die Schotten nicht den Fehler, ihre Songs in Zuckerwatte einzuhüllen und mit radiofreundlichen Harmonien zuzukleistern. Das Material auf „12 memories“ benötigt tatsächlich etwas Zeit, um seine ganze Pracht zu entfalten. Doch darauf sollte man sich tunlichst einlassen. So wird der Hörer ganz automatisch zur Aufmerksamkeit gezwungen und erfreut sich an Kleinigkeiten, z.B. wenn die Band beim druckvollen Opener „Quicksand“ einen herrlichen, brummig-schiefen Backgroundgesang anstimmt oder „The beautiful occupation“ mit einem genialen Gitarrensolo, mit richtig Pfeffer im Hintern, gewürzt wird. „The beautiful occupation“, das in einer Akustikversion bereits auf dem im April veröffentlichten Iraq-Warchild-Charity-Sampler „Hope“ veröffentlich worden war, ist Frans direkte Reaktion auf seine Beteiligung an den Anti-Kriegs-Demos in London und Glasgow und kommt deshalb entsprechend kraftvoll daher.

Als erste Single wurde „Re-Offender“ ausgewählt. Dabei handelt es sich um ein ergreifend schönes Liebeslied, das von den Irrungen und Wirrungen erzählt, wenn man in einer gewalttätigen Beziehung gefangen ist. Die locker flockigen Harmonien schweben wie auf großen weißen Wolken aus den Boxen und hüllen den Hörer in ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit. Das ist Tavis-Magie per Excellenze. Anno 2003 erfahren wir auch, wie es klingt, wenn vier Schotten ihre Instrumente in Zeitlupe bedienen und dabei so richtig schön Independent-like herumschrammeln. „Paperclips“ heißt der Song zum vertonten Stillstand und wäre auch auf den letzten Blur-Alben als Glanzstück durchgegangen. Etwas hymnischer wird es bei „Somewhere else“, wobei die Herren Musiker nicht mit der Tür, respektive der berüchtigten „Wall Of Sound“ ins Haus fallen, sondern ihr potenzielles Hitparadenfutter ganz behutsam entschlüsseln und dem geneigten Hörer zum uneingeschränkten Genuss darbieten.

„Love will come through“ ist ein netter kleiner Folksong mit heimeligen Refrain aus Fran Healys „La-la-la“-Schublade. Aber das macht gar nichts. Dafür haben wir den Fran doch gerne! In schräge Laute aus der Abteilung „ich will so klingen wie Radiohead“ wird das verwirrende „Mid-life krysis“ eingebettet. Auch das beherrschen Travis also. Lediglich der fröhliche Refrain stellt einen kleinen Stilbruch dar. Doch dieser Hakenschlag verleiht dem Song Esprit und Abwechslung. „Happy to hang around“ ist einer der Höhepunkte des viertes Travis-Werkes. Der Beat zieht sich schwerfällig schleppend und überhaupt nicht „happy“ durch den Song und wird auch nicht beim Refrain, wie sonst üblich, aufgehellt. „Happy to hang around“ bleibt von Anfang bis Ende eine schwermütige Edelballade, die lediglich im Mittelteil von einem messerscharfen Gitarrensolo durchzogen wird. Das (laut CD-Hülle) Schlussstück „Walking down the hill“ ist eine Ballade, die auf elektronischem Geplucker aufbauend, nur mit sparsam eingesetzten Drums, atmosphärischen Pianosprenkeln und kurz vorm Flüstern eingesungenen Vocals auskommt. Alles in allem ein absoluter Gänsehautsong. Doch Obacht! Wer nach diesem Stück etwas wartet, bekommt noch eine wunderschöne Pianoballade geboten, die einen glatt zu Tränen rühren kann. Stimme, Piano und der Regen, der ans Fenster plätschert. Das reicht für einen grandiosen Song!

Travis können einem langsam aber sicher unheimlich werden. Zum dritten Mal in Folge liefern die vier Jungs aus Glasgow ein hochklassiges Album ab, an dem es eigentlich nichts auszusetzen gibt. Selbst der Vorwurf, sich selbst zu wiederholen, trifft nicht zu, da die Herren ihren Sound renoviert und mit klitzekleinen Anleihen bei Blur und Radiohead aufgefrischt haben. Aber keine Angst. Von der Abgedrehtheit eines Thom Yorke oder Damon Albarn ist Fran Healy meilenweit entfernt. Travis machen Popmusik und stehen dazu. Nur haben sie darauf geachtet, das die Entdeckung ihrer „12 memories“ eine durchgehend spannende Angelegenheit wird. Und das ist vortrefflich gelungen!

Anspieltipps:

  • Quicksand
  • Somewhere else
  • How many hearts
  • Happy to hang around
  • The beautiful occupation
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