David Bowie - Reality - Cover
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David Bowie Reality


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die neuen Songs stehen unmittelbar unter dem Einfluss des 11. September 2001.

David Bowie ist ein Tausendsassa der Musikbranche, der sein Äußeres und seine Musik in regelmäßigen Abständen neu definiert. Dabei hat sich eine Art negative Tradition in das Schaffen Bowies eingeschlichen. Denn seit seiner legendären Berlin-Phase, mit den Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ (1977 – 1979), war er nicht mehr in der Lage, zwei gute Alben hintereinander aufzunehmen. Das letzte herausragende Werk aus dem Hause Bowie war „Heathen“ (2002) und damit der unmittelbare Vorgänger seines neuen Outputs „Reality“. Jetzt wird sich zeigen müssen, ob der Thin White Duke den zusammen mit dem zurückgewonnenen Langzeitkollaborateur Tony Visconti eingeschlagenen Weg erfolgreich und vor allem künstlerisch hochwertig weiter beschreiten kann oder in alte Verhältnismäßigkeiten zurückfällt.

Die neuen Songs stehen unmittelbar unter dem Einfluss des 11. September 2001, da die Kompositionen für „Heathen“ bereits vor den Terroranschlägen fertiggestellt waren. Mit „Reality“ liefert Bowie, der seit zehn Jahren mit seiner Familie in New York lebt, jetzt einen verspäteten Tribut an seine Stadt und deren Bewohner ab. Von seinem Manhattener Apartment hatte der 56-Jährige einen fantastischen Blick auf die Twin-Towers. Und von einen auf den anderen Tag kam er auf dem morgendlichen Weg ins Aufnahmestudio an dem unwirklich erscheinenden „Ground Zero“ vorbei. Kein Wunder, dass sich dieses traumatische Erlebnis im Songwriting-Prozess zu seinem 25. Album widerspiegelt. Große Verdienste um den Sound des neuen Albums hat Tony Visconti, der die rockorientierten Songs sehr kernig auf Band brachte und dazu beitrug, dass Bowie dem Pfad der Tugend treu bleibt.

So ist die erste Singleauskopplung „New killer star“, aber auch Stücke wie „Fall dog bombs the moon“, eines der ganz seltenen politischen Statements des Ex-Glam-Stars gegen den Irak-Einsatz der US-Truppen und damit gegen die Politik von George W. Bush, as much Bowie as Bowie can be. Mit heiserer Stimme, 70er-Jahre Glam-Rock-Gitarren und minimalem Synthesizeraufwand pflügt sich der Meister mit seiner Live-Band durch diese wunderbaren Reminiszenzen, die auch auf großen Alben wie „Low“ gut aufgehoben gewesen wären. Der Titelsong „Reality“ ist eine lärmende, aufgeregte Punk-Rocknummer, als wäre Bowies ehemaliges Sideproject Tin Machine wiederauferstanden. Coole Sache! „Pablo Picasso“ ist eine Coverversion des Jonathan-Richman-Song, den Bowie vor allem wegen des witziges Textes liebt. Der Sound wurde erheblich verfremdet und mit spanischen Gitarren aufgemotzt. Klingt alles recht eigenartig, aber schlecht ist was anderes.

Die zweite Coverversion auf „Reality“ ist der George-Harrison/Phil-Spector-Song „Try some, buy some“ vom ´73er-Album „Living in the material world“. Leider konnte Bowie den üblichen Spector-Schmalz nicht ausradieren, der schon ganze Alben an die Wand fuhr. Dadurch wird die Verwertung dieser Fremdnummer mehr als überflüssig. Oder warum, lieber Herr Bowie, bringen die verbliebenen Beatles 30 Jahre später eine entschlackte Version von „Let it be“ heraus? Nun ja. Zum Glück ist „Try some, buy some“ der einzige Ausrutscher auf „Realiy“. „The loneliest guy“ baut auf einem atmosphärischem Gitarre/Piano-Thema auf, das in bester Seventies-Psychedelik aus den Boxen wabert. Dazu erzählt Bowie aus seinem Leben und dass er eigentlich ein „lucky guy“ ist. Starke Nummer. In „Looking for water“ scheppern die Drums und die Gitarre quiekt, als gäbe Queen’s Brian May mit seiner selbstgebauten Axt ein Gastspiel. „Brighton rock reprise“? Mitnichten. Oder glaubt jemand ernsthaft daran, dass die Presse-Info solch hochkarätige Star-Gäste verschweigen würde?

Herrlich schrägt rumpelt „She’ll drive the big car“ zu verfremdeten Bowie-Vocals und einem Gospel-artigen Backgroundchor. Man merkt deutlich, dass Bowie zu einer ganz neuen Spielfreude zurückgefunden hat. Was doch eine Live-Band so alles ausmachen kann. Zum Abschluss fährt der Meister mit „Bring me the disco king“ eine traumwandlerische 8-Minuten-Bar-Jazz-Nummer auf. Der Besen gleitet sanft über die Snare, der Bass pumpt und Bowie singt so einfühlsam, als hätte er die gesamte Last und Trauer New Yorks seit dem 11. September allein zu tragen. Fixpunkte des Songs sind allerdings die verschrobenen Klavier-Improvisationen, die mal gegen den Takt, dann wieder im Verbund der Instrumente mitschwimmend, eine dramatische Atmosphäre erzeugen. Absolut genial und ein würdiger Ausklang eines Albums, das sicher nicht sofort beim Hörer zündet. Aber meistens sind es gerade diese CDs, die die längste Halbwertzeit besitzen.

War „Heathen“ bereits der herbeigesehnte Schritt in die Vergangenheit, verfolgt „Reality“ diesen Weg auf ebenso konsequente Weise und schlägt erneut eine Brücke in die frühen 70er-Jahre, als Bowie seine künstlerische Hochzeit genoss. Bowie legt tatsächlich zwei hochwertige Alben in Serie vor und bricht damit aus einem langjährigen Teufelskreis aus. Mit der Weisheit des Alters scheint der Großmeister der Theatralik endlich das Patentrezept für großartige Alben im neuen Millennium gefunden zu haben. Vielen Dank dafür!

Anspieltipps:

  • Fall dog bombs the moon
  • Bring me the disco king
  • The loneliest guy
  • New killer star
  • Days
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