Crash Test Dummies - Puss ´N Boots - Cover
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Crash Test Dummies Puss ´N Boots


  • Label: Cha-Ching Records/SOULFOOD
  • Laufzeit: 46 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Sie hatten ihre sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm mit dem Welthit „Mmm Mmm Mmm Mmm“. Doch knapp 10 Jahre später ist bei Winnipeg’s Best Ernüchterung eingekehrt. Die Zeit der großen Radiohits liegt lange hinter ihnen, der Ärger mit raffgierigen Major-Labels ebenso. Mit dem Makel eines One-Hit-Wonders im Gepäck, musizieren die Crash Test Dummies ab jetzt nur noch für sich selbst und veröffentlichen ihre neuen Songs über das kleine Label Cha-Cing Records von Sänger und Bandkopf Brad Roberts. Doch bei all den Miseren haben die Kanadier ihren Wortwitz nie verloren. So konstatierte bereits der Titel des letzten Studioalbums lakonisch „I don't care that you don't mind“ (2001) und verarbeitete damit nicht nur die Flops sämtlicher Alben nach dem Big-Hit „God shuffled his feet“ (1993), sondern auch das öffentliche Desinteresse an Brad Roberts schwerem Verkehrsunfall im September 2000, als er auf dem Weg zu einem Konzert mit seinem Cadillac aus der Kurve flog und von einem vorbeikommenden Fahrer aus dem Wrack gerettet wurde, ehe es in Flammen aufging.

Als es wieder mal an der Zeit war, um neue Songs zu schreiben, aus denen hinterher das Album „Puss ’n’ boots“ entstehen sollte, rief er seinen guten Freund und Gitarristen Stuart Cameron an. Mit ihm zusammen hatte er schon viele Abenteuer auf Tour erlebt und es war für Brad klipp und klar, dass Stuart der perfekte Mann war, um seine Ideen zu verwirklichen. Sie verabredeten sich, um zusammen Songs zu schreiben und Demos aufzunehmen. Stuart entwarf jeden Morgen auf dem Weg zu Brad in der U-Bahn ein Arrangement aus Grooves und Gitarrenlicks. Bei Brad zu Hause angekommen, nahm er die Fragmente auf, während Brad grünen Tee schlürfend Songtexte in ein zerfleddertes Notizbuch kritzelte. Dann improvisierte Brad Melodien über die Tracks von Stuarts und innerhalb eines Monats hatten sie 35 Songs auf Band. Sie suchten sich die besten Kompositionen heraus und gingen in das kleine Aufnahmestudio „The Magic Shop“, gleich um die Ecke von Brads Wohnung in Soho, New York City. Zusammen mit den anderen Mitgliedern der Crash Test Dummies arbeiteten sie 13 Stücke heraus, für ein Album voll von wahren Geschichten über Alltagssituationen, aus denen sie gerade noch einmal so davongekommen sind, und über besoffene Weiber. Das klingt eigenartig? Dann sollte man sich einmal in aller Ruhe das Crash-Test-Dummies-Album „A worm’s life“ anhören. In den Lyrics des ´96er-Werks behandelt Brad Roberts nämlich alle möglichen anstößigen Themen. So sinnierte er etwa in „My own sunrise“ über seinen Morgenständer. Wenn das nicht seltsam ist….

Auf „Puss ’n’ boots“ geht es vor allem um die chaotischen Liebesbeziehungen des Herrn Roberts, bei denen mal er dumm dasteht, mal die Ex-Freundin, er mal der Gute und dann wieder der Böse ist. Also das typische Liebeswirrwarr wie wir es alle kennen. Und so startet das Lamento mit dem gutmütig dahinfließenden „It's a shame“, in dem Roberts feststellt, dass es mit seiner Angebeteten irgendwie nicht so richtig klappt („I wanna get you high but I’m gonna make you cry”), er aber auch nicht wirklich den Hintern hochbekommt, um eine Lösung für die Situation zu finden, denn „the easy way has always been my friend“, wie er ebenso zugeben muss. Bei „Everything is better with me” kommuniziert Brads tiefe Baritonstimme mit der sanften Backgroundstimme von Ellen Reid, dem funky Bassspiel von Dan Roberts, der ultra-coolen Wurlitzer von Chris Brown und Stuart Camerons groovebetonten Gitarrenlicks. Ein Paradebeispiel für das immer noch vorhandene Können der Dummies.

Bei „Triple master blaster“ lässt Brad Roberts mal so richtig die Sau raus und liefert die schmutzigste Vocal-Leistung seiner Karriere ab. In dem treibend, aggressiven Song schlägt sein Bariton in ein deftiges Brüllen um, als wollte er den Ikonen des Grunge verspätete Konkurrenz machen. Ein Beweis für die Vielseitigkeit Roberts Stimme aber auch der gesamten Band, die im darauffolgenden „I'm the man (that you are not)“ zum groovigen Psychopaten-Blues inklusive weiblichen „Yeah yeah yeah“-Chor aufspielt und die Stimmungslage komplett umdreht. Nach einem kleinen Durchhänger bei „Stupid same“ drehen die Crash Test Dummies mit dem entfesselten Akustikgitarrenrocker „I'll see what I can do“ mächtig auf und zeigen dem geneigten Hörer wo Bartel den Rock-’n’-Roll-Most holt. Eingeleitet von Chris Browns wunderbarer Wurlitzer geht es mit dem Stehblues „Your gun won't fire“ weiter, bei dem Roberts seine Stimme rekordverdächtig noch eine Tonlage tiefer legt und wie ein Bär brummelt. Danach folgen noch zwei perfekte Popsongs („Flying feeling“, „Bye bye baby goodbye“), ein ultra-lässiger R&B-Groover („I never try that hard”), eine wunderschöne, beschauliche Countryballade („Never bother looking back“) sowie die hoffnungsvolle Akustikballade „It'll never leave you alone“ mit New Yorker Verkehrsgeräuschen im Hintergrund als friedsamen Rausschmeißer.

Damit schließt eine Songkollektion zwischen Pop, Rock, Folk und Country, die mit nur zwei schwächeren Songs für eine angenehme Überraschung sorgt. Schließlich galten die Crash Test Dummies bereits als abgeschrieben. Selbst wenn das neue Album kommerziell nichts reißen sollte, ist dies in Anbetracht einer Vermarktung über das eigene Label Cha-Ching Records fast schon egal. Hauptsache die Qualität stimmt. Und das ist bei „Puss ’n’ boots“ ganz unbestritten der Fall! Die Kanadier liefern überdurchschnittliche Songwriterkunst ab, mit der man sich einige gemütliche Abende auseinandersetzen kann, ohne dass es einem langweilig wird.

Anspieltipps:

  • Flying feeling
  • I'll see what I can do
  • Never bother looking back
  • Everything is better with me
  • I'm the man (that you are not)
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