Gloria Estefan - Unwrapped - Cover
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Gloria Estefan Unwrapped


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 64 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Vor ein paar Jahren schwappte eine Latin-Pop-Welle nach Europa, bei der man sich inzwischen fragen muss, ob das schon alles war, oder noch was Essentielles kommen mag. Schönlinge wie Ricky Martin oder der weitgehend talentfreie Enrique Iglesias brachten ein, zwei gutgehende Alben heraus, dann herrschte wieder Stille im „Nu-Latin-Sektor“. Zum Glück gibt es aber noch richtige Originale wie Gloria Estefan, die seit über 20 Jahren im Geschäft ist und zu den qualitativ verlässlichsten Künstlern zählt.

Mit weit über 70 Millionen verkauften Tonträgern gehört das Team aus Gloria und Produzenten-Ehemann Emilio Estefan zu den erfolgreichsten Künstlern unserer Zeit. Die kubanische Ex-Miami-Sound-Machine-Sängerin kehrt nun, 3½ Jahre nach ihrem dritten spanischsprachigem Album „Alma Caribena“ mit dem sehr persönlichen Werk „Unwrapped“ zurück. Erstmalig tritt Gloria auch als Produzentin in Erscheinung, unterstützt von Ehemann Emilio und ihrem Langzeit-Produzenten, Sebastian Krys, der zuvor schon lange Jahre an ihren Musik-Projekten mitgewirkt hatte. Ihr Ziel war es, dem Album eine Art rauen, unzensierten, ganz reinen und intensiven Vibe zu verleihen, weshalb die gesamte CD live eingespielt. Dazu lud sich Gloria einige prominente Gäste ins Studio ein, wie Superstar Stevie Wonder, Pretenders-Cheffin Chrissie Hynde und Schlagzeuger Manu Katche, der bereits mit Sting und Peter Gabriel zusammen gespielt hat. Gloria war sehr daran interessiert, dass auf „Unwrapped“ vor allem Musiker auftraten, welche sie über die Jahre hinweg bei ihrer Entwicklung als Sängerin und Songwriterin beeinflusst hatten. Sie wollte das Album wie ein Photoalbum gestalten, angefüllt mit Schnappschüssen aus ihrem Leben und ihrer Reise von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.

Herausgekommen ist dabei ein sehr organisches Werk, das besonders aufgrund seiner Instrumentierung eine ganz intime Stimmung erzeugt. Die beteiligten Musiker benutzen durchgehend richtig alte Instrumente, die den Live-Aufnahmen ein ganz persönliches Gefühl gaben. Dadurch fühlt sich der Sound sehr warm und lebendig an und nicht so klinisch rein wie aktuelle Produktionen es sonst an sich haben. Für den richtigen Sound verwendete man anstelle von Bongos und Kongas sogenannte Kajones oder ganz herkömmliche, alte Keyboards, Hohlkörper-Gitarren und alte Verstärker. Estefan wollte so das Feeling der 70er-Jahre mit einem ganz modernen Sound verbinden, was man als geglückt bezeichnen kann.

Das Album beginnt mit dem atmosphärischen „A little push”, das von Geigen- und Akustikgitarren getragen wird und zusammen mit einer prägnanten Bass-Line und Glorias gefühlvoller Stimme von einer bewegenden Geschichte von dem kleinen Etwas, das oftmals zur großen Liebe führt, erzählt. Im Background singt übrigens der alte Weggefährte Jon Secada, der in den 90er-Jahren einige Solo-Erfolge feiern konnte. „Te Amaré” beschwört die Hitze von Miami, garniert mit einigen Spritzern Jamaikanischem Dancehall-Sound und beschwingten Violinen und Mandolinen-Rhythmen, die einen auf dem gesamten Album immer wieder begegnen. Zu den Songs, die am meisten ins Herz treffen, zählen das spirituelle „In the meantime“ und „Your picture”. Zwei eingängige Balladen, die von sehr gefühlvollen Gitarren und Glorias empfindsamer Stimme bestimmt werden. Stevie Wonders Mundharmonika-Solo und seine unverwechselbare Stimme kommen in dem sexy und romantischen „Into you” voll zur Geltung. Der Song hat einen ansteckenden Groove, der den Hörer mit dem Feuer Kubas in Berührung bringt und wirklich jeden in rhythmische Zuckungen versetzen dürfte. „One name”, das Duett mit Chrissie Hynde, der Frontfrau, Gitarristin, Sängerin und Songschreiberin von den Pretenders beginnt mit einer Zeile über einen Mann, der unter einer Brücke lebt. „Zu diesem Lied wurde ich von einem Mann namens Edgar inspiriert, der im Grunde wirklich unter einer Brücke in der Nähe meines Hauses lebte”, sagt Gloria. „Die Botschaft dieses Songs ist, dass wir alle – ungeachtet unserer persönlichen Erfahrungen – die gleichen Dinge haben wollen und auch brauchen“. Anfänglich erscheint es ungewöhnlich, Chrissie Hyndes Stimme im Umfeld eines Latin-Pop-Songs zu hören. Doch nach kurzer Eingewöhnung macht gerade der Kontrast zwischen Glorias leidenschaftlicher und Chrissies abgeklärter Stimme das Besondere des Songs aus.

„Say goodbye”, eine theatralische Piano-Ballade, beschwört eine Frau, die sich bestimmten Herausforderungen gegenüber sieht und die einfach für ihre Stärke in schwierigen Zeiten betet. Der Song ist ideales Radiofutter aus der Abteilung „große Balladen“ und fast schon zu schmalzig. „I wish you” ist eine dieser Power-Balladen wie sie etwa Robbie Williams in seinem Repertoire hat und zum heutigen Pop-Standard einfach dazu gehört. Zusätzlich zu den „normalen“ 14 Songs auf „Unwrapped“ wurden vier Songs, „Te Amaré”, „Tu Fotografia”, „Hoy” und „Mientras Tanto”, aus ihrer ursprünglichen englischen Version ins Spanische übersetzt, sowie der limitierten Erstauflage eine Bonus-DVD beigefügt, die das Rundumsorglospaket in Sachen Latin-Pop komplett macht.

Gloria Estefan präsentiert ein sehr homogenes Werk, das mit aktuellen High-Tech-(Seelenlos)-Produktionen nicht vergleichbar ist. Sound, Stimme und Feeling machen jedes Album der kleinen Kubanerin zu einem ganz besonderen Erlebnis, wovon auch „Unwrapped“ nicht ausgenommen werden kann. Nun mag sicher nicht jeder den ganz speziellen Latin-Sound, doch vielleicht sollten auch mal die Fans von Frau Lopez oder Herrn Martin ein Ohr wagen.

Anspieltipps:

  • Wrapped
  • Te Amaré
  • Say goodbye
  • In the meantime
  • Dangerous game
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