Fiddler´s Green - Nu Folk - Cover
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Fiddler´s Green Nu Folk


  • Label: Deaf Shepherd/EFA
  • Laufzeit: 64 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Seit 13 Jahren und insgesamt acht Alben unternimmt die Erlanger Band Fiddler’s Green Ausflüge in mannigfaltige Interpretationen des „Irish Folk“ und paarte seitdem so unterschiedliche musikalische Stilrichtungen wie Punk, Rock, Ska, Reggae und Pop zu einer stimmungsvollen Einheit, die bei der eingeschworenen Fanggemeinde der Fiddler regelmäßig Beigeisterungsstürme auslöst.

Entdeckt wurde die Combo im November 1990 bei einem Erlanger Newcomer-Festival, bei dem Fiddler’s Green den zweiten Platz belegten. Seitdem tourt die Band durch die Clubs und Konzertsäle im In- und Ausland und erspielte sich viele treue Anhänger. Mitte der 90er-Jahre standen Fiddler’s Green beim Major-Label Polydor/Universal unter Vertrag. Aus dieser Zeit stammt auch ihr einziger Einstieg in die Media Control Top 100 Charts mit dem Album „On and on“ (1997) auf Platz 61. Inzwischen veröffentlichen Sänger, Songschreiber und Gitarrist Peter Pathos, Sänger/Gitarrist Ralf Albers, Bassist Rainer Schulz, Geiger Tobias Heindl, Akkordeon- und Bodhrán-Spieler Stefan Klug sowie Schlagzeuger Frank Jooss ihre Alben wieder auf dem eigenen Label Deaf Shepherd Recordings. So auch das aktuelle Werk „Nu folk“, das im Titel die diversen „Nu-Irgendwas“-Stilarten auf die Schippe nimmt, aber grundsätzlich dem ureigenen Band-Sound treu geblieben ist und insgesamt 15 Folk-Songs (darunter zwei Coverversionen) präsentiert, die einmal mehr mit stilfremden Elementen angereichert und ausgeschmückt wurden.

Doch egal, welchem Stil die einzelnen Songs frönen, sie verursachen allesamt verstärkten Bewegungsdrang. Man hört den Songs an, die zu einem großen Teil im Wohnzimmer von Sänger Peter Pathos entstanden sind, dass ihre Entstehung ein nicht ganz unfreudiges Ereignis gewesen sein muss. So haben die Jungs beim Opener „Tarry trousers“ ein hinter den Grundmauern neu aufgebautes Traditional komplett recycelt. Geschickt wird der keltische Ursprung mit arabisch-orientalischen Anklängen, flirrend-oszillierenden Geigen und einer prägnanten Metal-Gitarre der vermischt. „Wild life“ beginnt elektronisch verspielt und tönt in den ersten paar Takten fast wie eine von Madonna verhunzte James-Bond-Melodie. Dann jedoch kommt alles ganz anders. Mit einer ohrwurmartigen Melodie geht das Stück sofort ins Ohr und in die Beine. „Shut up and dance“ ist ein sehr rockiger Song auf der Basis eines knochentrockenen Boogie-Riffs und vielleicht das zentrale Stück im Schaffen der Erlanger. Die Gitarre schrammelt vergnügt, die Geige singt wie vom Teufel geritten und die Fiddler rufen ihren Zuhören auf Deutsch „halt’s Maul und tanz!“ zu. Cool! Eine Coverversion, die mal kein Traditional darstellt, ist „Goldwatch blues“ von Donovan. Und siehe da, es klingt doch wieder irgendwie nach Traditional, wartet aber mit überraschenden Drehungen und Wendungen auf. So taucht plötzlich wieder so eine James-Bond-Anleihe wie aus dem Nichts auf und verschwindet eben so schnell wie sie gekommen ist im Geigensturm.

„Fragile“ ist ein relaxtes Stück Popmusik, dessen Songstruktur sich ein wenig bei Police bedient und mit einem eingängigen Refrain aufwarten kann. Stark! Ersparen hätte man sich dagegen die eigenwillige Umsetzung des Rednex-Klassikers „Cotton-eyed Joe“. Solche Albernheiten, auch wenn sich ganz annehmbar umgesetzt werden, hat diese Band nicht nötig. Der jamaikanische Geist entsteigt diesmal in Gestalt von „1000 million pieces“. Beginnt das Stück noch mit wunderschönen Highland-Flöten, schlägt es bald in einen satten Reggae-Bass-Groove mit akzentuierter Akkordeonbegleitung um. Eine reizvolle Mischung, die spätestens nach dem dritten Durchlauf zündet. Dann hätten wir noch „Nu chicks“, bei dem sich die Geige minutenlang schwindlig spielt, aufgeflockt durch abgefahrenes Gitarrenspiel, eigenwillige Percussion und kuriose Gesangsfetzen (C’mon, mr. lover lover. You sexy lover lover…). Doch damit genug des Durchschnaufens. Weiter geht’s mit „Celebrate“, einem wüsten Folk-Punk-Rocker mit fetten Gitarren und einem poppigen Ska-Part im Mittelteil, bei dem Fiddler’s Green so richtig die Sau rauslassen. Bei dem Party-tauglichen Instrumental „Popcorn“ sägt die Metal-Gitarre in Kombination mit Geige und Akkordeon. Nur die Melodie kommt einem irgendwie bekannt vor. Aber was macht das schon in Anbetracht dieses gelungenen Kneipen-Schunklers. Da ist doch nur eine Frage relevant: Was wollen wir trinken, sieben Tage lang?

„Lullaby“ ist eine schöne Akustik-Ballade, die zum gepflegten Mitsingen einlädt, „Make no war“ ist ein hübscher, vorwärts stürmender Popsong mit Hirn, bei dem das Akkordeon rhythmisch im Ska-Gewand jodelt und „Part of it“ besticht durch klassisches Songwriting mit melancholischen Anklängen und glänzendem Harmoniegesang. Zum Abschluss gibt es mit „Silence“ noch einen absoluten Höhepunkt des Albums. Der Song ist eine atmosphärische Hymne mit tollen Breitwandgitarren, Highland-Flöten und Gänsehautgesang. Ein echter Hammer! Vielleicht sollte die Band mal ein ganzes Album in diesem Stil einspielen und Albernheiten wie „Cotton-eyed Joe“ außen vor lassen. Trotzdem ist „Nu folk“ ein starkes Album mit hervorragendem Songwriting und geschmackvoller Instrumentierung geworden.

Die Franken von Fiddler’s Green präsentieren 15 Songs, die zum stärksten Material ihrer langen Karriere gehören. Tatsächlich handelt es sich bei den vorliegenden Kompositionen um echten Nu-Folk, zu deren Grundlage aus Irish-Folk sich neben Rock-, Pop-, Reggae- und Ska-Einflüssen ein paar deftige Metal-Gitarren gesellen, die dem Gesamtsound unheimlich gut zu Gesicht stehen.

Anspieltipps:

  • Silence
  • Fragile
  • Popcorn
  • Celebrate
  • I’ll be there
  • 1000 million pieces
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