Dido - Life For Rent - Cover
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Dido Life For Rent


  • Label: Arista/BMG
  • Laufzeit: 54 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Dido ist süß, ihre Musik ist nett und sie kann soooo schön singen.

Dido ist süß, ihre Musik ist nett und sie kann soooo schön singen. Damit wäre die kürzeste Plattenkritik in der Geschichte dieses Mediums eigentlich schon fertig geschrieben. Doch dieser Shootingstar aus London ist ein Phänomen, das es genauer zu untersuchen gilt. Denn 12 Millionen verkaufte Einheiten ihres Debütalbums „No angel“ (1999) sind nicht nur eine schwere Bürde, sondern auch Verpflichtung gegenüber den vielen Fans, die sehnsüchtig auf das zweite Album von Dido Armstrong gewartet haben.

Die Karriere der kleinen Schwester von Rollo Armstrong, dem Kopf der Gruppe Faithless, bekam durch einen glücklichen Zufall unglaubliche Ausmaße. Didos erstes Album „No angel“ kam im Sommer 1999 auf den Markt und fand durch wohlwollende Kritiken und unermüdliches Promotion immerhin über eine Million Käufer, als der amerikanische Rap-Rüpel Eminem für sein 2000er-Album „The Marshall Mathers LP“ den Refrain des Dido-Songs „Thank you“ als Hook für seinen düsteren, zerstörerischen Welthit „Stan“ verwendete. Die imaginäre Zusammenarbeit sorgte für jede Menge Aufmerksamkeit und stetig steigende Verkaufszahlen, besonders in England, wo „No angel“ bis dahin nur als Import-CD erhältlich war. Plötzlich entschieden sich Millionen von Menschen weltweit, ihr Album zu kaufen – einzig und allein aufgrund der sechs Refrain-Zeilen von „Stan“. Zur Belohnung hagelte es auf der ganzen Welt Preise (Echo, Brit-, World-Music- und Grammy-Award). Wer soll da auf dem Teppich bleiben? Und, vor allem, wie soll man unbelastet an einem neuen Album arbeiten? Fragen, die sich auch Frau Armstrong stellte, aber schnell wieder verbannte.

Die Arbeit an „Life for rent“ fand in einem gemieteten Haus irgendwo auf dem Land statt, wo sich das Team ein kleines Studio einrichtete. Dass die Zeit auf dem Land eine sehr produktive wurde, davon zeugt die Tatsache, dass viele der Song-Ideen, die dort geboren wurden, es tatsächlich auf das fertige Album schafften. Der Großteil der Songs entstand ganz simpel am Piano oder an der Gitarre. Einige wurden mit Rollos Hilfe fertig gestellt oder mit Rick Nowels, dem Co-Producer von „No angel“. Auch p*nut, der Studio-Assistent dieser Sessions, trug seinen Teil zu „Life for rent“ bei und gab dem Werk mit seinen Backing-Tracks eine leichte HipHop-Note. Das Resultat ist ein Album, das frisch und charmant klingt und gleichzeitig vor neu entdecktem Selbstbewusstsein und musikalischer Reife strotzt. Die Geschwister Armstrong präsentieren eine Mischung aus akustischen Elementen zwischen Folk, Pop, Dance und Chill-Out-HipHop. Dabei legten sie besonderen Wert darauf, dass die Tracks nicht zu glatt und poliert rüberkommen. Was die Texte angeht, fokussierte Dido ihren Blick auf romantische oder alltägliche Geschichten aus dem Leben, die manchmal eine überraschende Wendung nehmen. „Der Albumtitel ‚Life for rent’ und der Song, der ihm den Titel gab, steht stellvertretend dafür, wie ich über mein Leben denke und wie ich es zukünftig leben möchte“, erklärt Dido. „Es geht darum, nicht ängstlich davor zu sein, Chancen zu ergreifen und das Leben in vollen Zügen zu genießen.“

Auch wenn sich Dido mit den elf neuen Stücken auf „Life for rent“ im Prinzip kaum von ihrer erfolgreichen Ausgangsbasis „No angel“ entfernt, gibt es wieder ein paar herausragende Songs zu bestaunen, die sich nicht so ohne weiteres ins gängige Klangbild heutiger Popmusik einfügen wollen. Angefangen bei der genialen Hymne „White flag”, über das verträumte „Sand in my shoes“ bis hin zum epischen Schlussstück „See the sun“ gelingt es Dido, einzigartige Sound-Landschaften zu malen, die zum gepflegten Chillen einladen. Da darf es textlich auch mal etwas gewagter zugehen, wie beim düsteren, mit dezenten Elektronik-Klängen angereicherten „Stoned“. „Mary’s in India“ ist eine auf das Wesentliche reduzierte Ballade, die nur mit Didos Stimme und einer sparsam eingesetzten Akustikgitarre auskommt. „See you when you’re 40“ schleicht sich in typischer Dido-Manier langsam an den Hörer heran und beisst sich dann mit seinen Phil-Collins-artigen Keyboard- und Synthie-Teppichen (vergleiche: „Both sides“, 1993) im Langzeitgedächtnis des Hörers fest. Auch „Don’t leave home“ ist so ein melodisches Kleinod vom Schlage „Here with me“, kommt aber schneller auf den Punkt und bringt alles für eine Singleauskopplung mit. Mit „Do you have a little time“ befindet sich gar eine klassische Downbeat-Ballade auf dem Album. Besondere Aufmerksamkeit hat der Titelsong verdient, bei dem Dido das Kunststück fertig bringt, in knapp vier Minuten gleich zwei traumhafte Melodien zu vereinen und diese mit ihren einfühlsamen Phrasierungen zu einem echten Kunstwerk zeitgenössischer Popmusik zu verbinden.

Gäbe es eine Art Beipackzettel für das neue Album von Dido, müsste in fetten Lettern darauf vermerkt sein, dass die Songs auf „Life for rent“ unbedingt eine gewisse Zeit zum Reifen benötigen. Flüchtig angehört, platzen die zarten Kompositionen nämlich wie Seifenblasen und die Enttäuschung wäre groß. Das wäre nicht nur sehr schade, sondern auch mehr als überflüssig. Deshalb: unbedingt Zeit lassen, vielleicht mal wieder die Kopfhörer hervorkramen und sich im Fluss der Melodien aus dem Hause Armstrong treiben lassen. Dann funktioniert auch diese Zarte Pflanze von einem Popalbum.

Anspieltipps:

  • White flag
  • Life for rent
  • Mary’s in India
  • Don’t leave home
  • See you when you’re 40
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