Soundtrack - Herr Lehmann - Cover
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Soundtrack Herr Lehmann


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 74 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Sven Regener zählt zu den angesehensten Musikern Deutschlands. Seine Band Element Of Crime lieferte in den 90er Jahren eine ganze Reihe herausragender Alben ab („Damals hinterm Mond“, 1991, „Weißes Papier“, 1993, „An einem Sonntag im April“, 1994, „Die schönen Rosen“, 1996 und „Psycho“, 1999) und avancierte zum Liebling der Fachpresse. Ursprünglich als englischsprachige Band gestartet, erlangten Element Of Crime ihren jetzigen Status erst durch die Umstellung auf deutsche Texte, für die sich Sven Regener auf kongeniale Weise verantwortlich zeigt. Untermalt von Chanson-artiger Musik, erzählt Regener in seinen Songs kleine Geschichten aus dem Leben und von der Liebe.

Dass sein Talent über das Texten und Komponieren hinausgeht, stellte er mit seinem Debütroman „Herr Lehmann“ unter Beweis, der sich zu einem echten Überraschungserfolg entwickelte. Schön, dass sich in diesem Land nicht nur Bücher von Dieter Bohlen verkaufen. Nach Top-Platzierungen in den Bestsellerlisten und einem opulenten Hörbuch, das von Regener persönlich gelesen wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis der Stoff den Weg auf die Kinoleinwand finden würde. „Sonnenallee“-Regisseur Leander Haußmann nutzte die Chance und sicherte sich die Rechte an den skurrilen Abenteuern des Herrn Lehmann. Die Story spielt im Berlin der ausgehenden 80er Jahre. Titelheld Lehmann (dargestellt von Ex-MTV-Star Christian Ulmen), von Beruf Barkeeper und dem Alkohol auch sonst nicht abgeneigt, schlägt sich durch sein absonderliches Lebens zwischen komischen Freuden und gescheiterten Liebschaften. Er philosophiert über Nichtigkeiten, entwickelt Zeit-Theorien und definiert den Sinn des Lebens. Musik findet im Alltag von Herrn Lehman nicht wirklich statt. Er nimmt sie zur Kenntnis. Aber Herr Lehman interessiert sich nicht für Bands oder Musikstile.

Trotzdem musste ein Soundtrack her. Und so verpflichtete man Sven Regener kurzerhand als Geschmackspolizisten und führendes Organ für die Zusammenstellung eines Albums. Schließlich soll auch die Musik authentisch wirken. Gerade wenn man heute einen Film, der Ende der 80er spielt, mit Musik bestückt, dann will man auf alle Fälle dieses besondere Lebensgefühl wiederaufleben lassen. Und so war das „Home-Tapen“ im Stile einer Nick-Hornby-Romanfigur aus „High Fidelity“ die Grundidee für die Musik-Auswahl bei „Herr Lehmann". Hätte Lehmann doch nur seiner schönen Köchin dieses Tape aufgenommen! Wäre dann nicht vielleicht alles anders gekommen?

Hätte sie ihn besser verstanden, wenn sie sich das stampfende New-Wave-Ungetüm „Collapsing new people“ von Fad Gadget angehört hätte, sie bei Anita Lane´s schauerlich-schönen „Bella Ciao“ in Tränen ausgebrochen wäre? Hätte er ihr die Eels mit der herrlich verschrobenen Ode „Novocaine for the soul“ oder The Jazz Butchers kultige Hymne „Soul happy hour“ ans Herz gelegt, hätte sie dann eingesehen, warum er mit seinem Leben zufrieden ist, alles Erreichbare geschafft hat oder schaffen würde, nämlich mit dem Wissen über die Unmöglichkeit, eine glückliche Beziehung zu führen? Hätte sich etwas geändert, wenn sie „No fear“ von den Eels oder das groovige „Oder beides“ von Lexy & K-Paul Feat. Sven Regener gehört hätte? Hätte sie ihn attraktiver gefunden, wenn er ihr von den Violent Femmes den Schrammel-Popsong „Blister in the sun“ vom grandiosen Debüt der gewalttätigen Damen aufgenommen hätte? Und er: Hätte er ihr von Element of Crime „Nervous and blue“ (vom Album „Try to be Mensch“) vorgespielt, diesen Zustand zwischen Depression und Euphorie, ein kraftvolles Schwanken, eine rumpelnde Romantikhymne der sparsamsten Art? Oder vielleicht Laibachs Weihnachtslied-artige Coverversion des Beatles-Songs „Across the universe“ vom gescholtenen „Let it be“-Album? Aber ganz bestimmt hätte Nick Caves wunderbare Version von „Something’s gotten hold of my heart” etwas Positives bewirkt. Oder doch eher Weens fahriger „HIV Song“? Nein, der dann doch nicht! Dann lieber das unfassbar coole Gloria-Gaynor-Cover „I will survive“ von Cake, das im Film grandios den Mauerfall instrumentalisiert?! Tja, wir wissen es nicht, und wir werden es auch nie erfahren, denn: „Musik sagt Herrn Lehmann nichts. Nach seiner Meinung ist sie in Kneipen nur dazu gut, dass die Leute sich in Ruhe anschreien können.“ So ist er nun mal, der Herr Lehman. Aber seine Welt ist dann doch irgendwie voller Musik. Das hörbar machen zu können, hat allein schon die Verfilmung gelohnt.

Anspieltipps:

  • Cake – „I will survive“
  • Eels – „Novocaine for the soul“
  • Ween – „Buenas tardes amigo“
  • Laibach – „Across the universe“
  • Eement Of Crime – „Nervous and blue“
  • Nick Cave – „Something’s gotten hold of my heart”
  • Link-Tipp:

  • „Herr Lehmann"-Filmkritik
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