Die Ärzte - Geräusch - Cover
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Die Ärzte Geräusch


  • Label: Hot Action/Universal
  • Laufzeit: 90 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ohne Punk gäbs kein Dosenpfand, die Welt wäre Unrockbar und das System steht trotzdem immer noch für Unterdrückung und Rücksichtslosigkeit. Was ist das für eine Welt, in der „die ärzte“ leben und was wäre es für eine Welt ohne sie? Seit 20 Jahren (15 Jahre netto) präsentieren sie der Republik ihre sehr eigenwillige Interpretation des Punk-Rock, der stets eine Antithese bilden sollte zum fingerzeigenden Root-Punkrock der „Toten Hosen“. Ihren vorläufigen Höhepunkt als Kultband hatten „die ärzte“ dann im letzten Jahr, als sie als dritte deutsche Band nach den Fantastischen Vier und Herbert Grönemeyer die Stecker rauszogen und für MTV in die „Unplugged“-Sessions gingen. Ein Unternehmen von beängstigender Perfektion, Coolness und grandiosem Erfolg. Spätestens seit diesem Auftritt gelten „die ärzte“ als eine der besten Band Deutschlands. Diesen Status zu untermauern ist nun die leidvolle Aufgabe des neuen Studioalbums „Geräusch“, das gleich als Doppelalbum die CD-Läden erreicht.

Laut Eigenaussage der „einzige Schwachsinn“, den sie bisher nicht unter die Menge geworfen haben, ist diese Doppel-CD sicher ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Band aus Berlin. Die Vorzeichen waren unterschiedlicher Natur: Eine sehr hässliche Frisur von Farin Urlaub und eine musikalische Auferstehung von Rod Gonzalez, der mehr Lieder den je herbeisteuerte. Dennoch ist der erste Eindruck dieser neue(n) CD(s) eher ein enttäuschender. Über 90 Minuten sind keine Lieder im Stile eines „Westerland“, „Komm Zurück“ oder „Schrei nach Liebe“ zu finden, Liederklassiker, die man nach den Unplugged-Sessions des letzten Jahres wieder sehr stark in Erinnerung hatte. Zu flach wirken jetzt beziehungskrisenbewältigende Nummern wie „Anders als beim letzten Mal“ oder „Nichts in der Welt“, die zwar musikalisch bewährte Farin Urlaub-Ohrwurmkost sind, aber textlich bei weitem nicht an das ranreichen, was man früher zustande brachte.

Ähnlich zwiespältig ist das vergrößerte Engagement des chilenischen Bassisten Rodrigo Gonzalez zu werten. Seine unbestreitbare musikalische Qualität und sein erstklassiges Harmonieverständnis zeigt er auf „Geräusch“ mehr denn je. Doch was er auf der musikalischen Seite gewinnt, verliert er in gewisser Weise bei seinen Texten, die oft sehr platt und pennälerhaft daherkommen. Reime wie „Lass mich in Ruh, und texte mich nicht zu“ müssen eigenlich nicht sein. Daneben steht ein Lied wie „Lovepower“, das man von vorne bis hinten als Totalausfall bezeichnen kann. Im Gegensatz dann wieder ein Song wie „Geisterhaus“, der mit allem mithalten kann, was „die ärzte“ je gebracht haben und dessen Refrain erfreulicherweise aus dem altbekannten Schema ausbricht. „Dinge von denen“ beinhalten das voyeuristische Dieter-Bohlen-Problem auf naiv-ehrliche Weise, während T-error eher peinlicher Gröl-Pop ist.

Stark ausgeprägt war – wie schon vorher genannt – bei „die ärzte“ die Abgrenzung zu den Toten Hosen. Das erstaunliche, aber nicht unbedingt negative an „Geräusch“ ist, dass „die ärzte“ noch nie so offensichtlich und klar klangen wie heute. Lieder wie „Deine Schuld“ und vor allem im Refrain „Nicht Allein“ könnten ohne weiteres auch von der Band aus Düsseldorf stammen. Hier ging einiges an Subtilität und Ironie verloren.

Das alles hört sich sehr negativ an, doch der Schein trügt oft. Was anfangs noch ein bisschen befremdlich wirkt, ist bald anerkannt und ein redlicher und gelungener Versuch von „die ärzte“, ihren Status als politische Band auszubauen. Denn so politisch waren die Berliner eigentlich noch nie. „NichtWissen“ von Bela B. Felsenheimer prangert sehr gelungen das Problem der Ignoranz in der Gesellschaft an, während „Die klügsten Männer der Welt“, ebenfalls vom Schlagzeuger der Berliner, herrlich subtil auf die Mächtigen unserer Welt eindrischt. Trotz aller politischen Ambitionen bleibt der charakteristische Nonsens der „die ärzte“ nicht auf der Strecke.

„Piercing“, „Der Grund“ oder das phantasierende „Die Nacht“ präsentieren schwachsinnige Lyrik verpackt in köstlicher musikalischer Untermalung, das verrückte Duo „Anti-Zombie“ und „Pro-Zombie“ zündet schon beim ersten Mal durch äußerst gewitzte Texte. Farin Urlaub, der Arzt mit den meisten Solo-Ambitionen präsentiert mit „Jag Älskar Sverige“ eine höchst amüsante Hommage an Skandinavien und begeistert mit der ersten Single „Unrockbar“, das es genialerweise schafft, vier verschiedene Musikstile in ein homogenes Stück Rockmusik zu verpacken. Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte „Als ich den Punk erfand“, eine hochintelligente Abrechung mit der Kommerzialisierung des Punk.

Letztlich ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis man „Geräusch“ ins Herz geschlossen hat. 26 Lieder sind das, einige Totalausfälle sind natürlich dabei („Besserwisserboy“ und „Lovepower“), insgesamt passiert aber hier auf 90 Minuten wieder genau das, was man auch schon auf den Vorgängern „Planet Punk“, „13“ und „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer“ so schätzen gelernt hatte: Musikalische Vielfalt in alle Stilrichtungen, Ohrwürmer en masse und einige Lieder, die durchaus das Zeug zum Klassiker haben. „Geräusch“ ist sicher nicht die beste Platte, die Jan Vetter, Dirk Felsenheimer und Rodrigo Gonzalez bisher veröffentlicht haben, aber vielleicht wird diese Platte auch nie erscheinen. Enttäuschen wird „Geräusch“, insofern man sie sich oft genug zu Gemüte führt, sicherlich niemanden.

Anspieltipps:

  • Unrockbar
  • Deine Schuld
  • NichtWissen
  • Als ich den Punk erfand
  • Jag Älskar Sverige
  • Geiserhaus
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