Richard Ashcroft - Keys To The World - Cover
Große Ansicht

Richard Ashcroft Keys To The World


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 45 Minuten
Artikel teilen:
8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Was muss dieser Mann noch beweisen? Mit seiner Ex-Band The Verve stand er in den 90er Jahren dem BritPop vor, schrieb zwei Dutzend grandioser Songs und eben diesen einen. Diese Hymne für die Ewigkeit (mit freundlichem Gruß an die Stones, deren Sample aus „The last time“ genial eingewoben wurde). „Bittersweet symphony“ kann Richard Ashcroft keiner mehr nehmen. Er ist ein Genie. Daran besteht kein Zweifel. Er würde das nie behaupten. Nein, es ist ein Selbstverständnis des introvertierten Engländers. Seine beiden ersten Soloalben „Alone With Everybody“ und „Human Conditions“ stießen zu unrecht auf ein durchwachsenes Echo. Die alte Verve-Fraktion war enttäuscht, weil von der offensichtlichen Energie und Wildheit nichts mehr zu sehen war. Mad Richard nahm das Tempo heraus, glänzte aber mit perfektem Songwriting und Stimmungsanalyse auf einem Teppich voller zarter Hymnen. Auch „Keys To The World“ wird umstritten sein, wie seine Vorgänger.

Ashcroft will partout nicht an The Verve anknüpfen und hat dies auch nicht nötig, das sollte endlich einmal zur Kenntnis genommen werden. Das ist Vergangenheit, eine glorreiche Vergangenheit, aber sie soll nun endgültig ruhen. Lediglich auf „Alone With Everybody“ waren noch letzte Anleihen aus dieser Zeit zu verspüren. Ashcroft, der man on a mission, ist als stiller Chronist der aktuellen Befindlichkeiten unterwegs. Dabei wählt er textlich wie musikalisch mittlerweile die gesetzten Töne. Das heißt aber nicht, dass seine ungeheure Intensität, mit der er alles anpackt, verloren geht. Im Gegenteil. Auf „Keys To The World“ gibt Ashcroft 100 Prozent seiner künstlerischen Kraft. Wenn er in der herzzerreißenden Ballade „Why do lovers“ wimmert, bis an die Schmerzgrenze, ist dies eben authentisch und nicht gekünstelt. Kitschige Streicher im Hintergrund? Kein Problem, Richard gibt alles und es wirkt echt.

Los geht’s aber anders. Mit einer kleinen Überraschung. „Why not nothing?“ ist ein ziemlich straighter Rocker, der als einziger Song noch an The Verve erinnert, aber mit politischer Botschaft unterfüttert ist. Ashcroft röhrt, wie kaum zuvor. Ein Hit, der auch im Radio spielbar wäre. Apropos. Eine der außergewöhnlichen Qualitäten des Barden ist diese Leichtigkeit, mit der er Songs zu Hymen werden lassen kann. Die erste Single-Auskopplung „Break the night with colour“ beweist eindrucksvoll, dass Richard so was einfach aus dem Ärmel schüttelt. Eine absolut unwiderstehliche Nummer, die in den UK-Charts von 0 auf 3 einstieg. Von dieser hymnischen Note ist auch das Titelstück „Keys to the world“, das aber noch ein wenig mehr Tempo aufbietet und als garantierter Single-Hit verbucht werden kann. Ein wahrlich mitreißender Track. Die fröhliche, streicher-dominierte Mid-Tempo-Nummer „Music is power“ hat ebenfalls das Potenzial für die Charts... und eine Menge Soul.

Ruhiger geht es bei „Sweet brother Malcolm“ zu. Der Song mutet fast schon wie ein Traditional an. Pathetisch, sorgsam instrumentalisiert. Schön. In ähnliche Richtung schlägt „Cry til the morning“. Doch die getragene Stimmung ändert sich hier mit der Dauer des Liedes. Aus dem Hintergrund schleicht sich eine hymnische E-Gitarre in den Vordergrund, um Ashcrofts stimmliches Klagen zu unterstützen. Tolle Nummer. Pianoeinstieg, sanfte Stimme, so kündigt sich „Worlds just get in the way“ an. Kein schlechter Song, gewiss kein Füllmaterial, aber Ashcroft bietet auf „Keys To The World“ Besseres. Mit „Simple Song“ ist noch ein typisches Mid-Tempo-Stück vertreten. Ebenfalls nett, aber nicht überragend, was sich auch über „World keep turning“ sagen lässt. Allerdings strahlt dieser Track dazu noch eine schöne Lässigkeit aus.

Mit „Keys To The World“ geht Richard Ashcroft weiter seinen eigenen Weg. Er scheut sich keineswegs vor Pathos, er vertritt es mit einer Inbrunst, die einfach entwaffnend ist. Melancholisch, romantisch, theatralisch... und doch mitreißend. Auf Erwartungen anderer nimmt der Brite ohnehin keine Rücksicht. Ein starkes, aber kein großes Album – für diejenigen, die Ashcroft nicht aus Prinzip ablehnen. Seinen Kritikern weist Ashcroft in „Break the night with colour“ den Weg: „Fools they think I do not know the road I’m taking. If you meet me on the way hesitating. That is just becauce I know which way I will choose.” Recht so, Richard…

Anspieltipps:

  • Break the night with colour
  • Keys to the world
  • Why not nothing?
  • Music is power
  • Cry til the morning
Neue Kritiken im Genre „BritPop“
8/10

Urban Hymns (20th Anniversary Edition)
  • 2017    
Diskutiere über „Richard Ashcroft“
comments powered by Disqus