Kate Bush - Aerial - Cover
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Kate Bush Aerial


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 80 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

„Aerial“ blüht behaglicher durch die Jahreszeit, als jeder Popsturm es vermuten ließe.

Wie viele Künstler können es sich leisten, musikalisch über ein Jahrzehnt Nichts von sich hören zu lassen, um bei der kleinsten Offenbarung eines neuen Projektes dennoch weltweit für Gehör zu sorgen? Kate Bush zählt zu jenem verbliebenden Rest, Geschichte gewordener Tage, als Musik nicht nur erfolgreich war, sondern darüber hinaus auch keinen Anlass gab, über ihren künstlerischen Gehalt zu diskutieren. Und dann diese Nachricht: Am 4. November 2005 würde Bushs achtes Studioalbum „Aerial“ erscheinen - und obendrein ihr erstes Doppelalbum.

So ganz war Kate Bush nie aus dem Gedächtnis gestrichen worden. Die Verehrung ihr gegenüber begründet sich nicht nur aufgrund ihrer, auch heutzutage noch einschneidenden Songs, sondern auch an ihrer Musik selbst, von der nachkommende Singer & Songwriter schwärmten, ihnen als Vorbild und Beispiel zugleich begegnet zu sein. Kate Bush vermochte über ihren Erfolg, zukünftige Musiker dahingehend zu beeinflussen, dass wir Heute deren Musik zujubeln.

Fragen kamen zutage, was Frau Bush in den vergangenen zwölf Jahren beschäftigte. „Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe mein Leben gelebt.“ Nein, so hat Kate das nie gesagt, aber getan hat sie es. Ein Sohn kam auf die Welt. Albert, liebevoll „Bertie“ genannt. Gut achtjährig und wahrscheinlich so putzmunter wie alle Kinder in diesem Alter. In erster Linie sei sie „Mutter und Hausfrau“ gewesen, irgendwo dahinter Künstlerin. „Er hat die Musik bei mir abgelöst.“ Wen wundert es, dass Alberts Zeichnungen im Digipack Platz fanden. Familienstunde im Hause Bush.

Etwas extravagantes lässt sich daran nicht feststellen. Zumindest klingt es nicht nach dem, was ihr nachgesagt wird: etwas zu handhaben, wie es ihr in den Sinn passt. Und dann wieder doch. Die Songs sind selbst geschrieben und produziert hat sie „Aerial“ auch von sich aus. Aber dafür war die mittlerweile 47-Jährige seit jeher bekannt, es so zumachen wie es ihr gefällt. Nur auf die Art konnten Alben wie „The Kick Inside“ oder „Hounds Of Love“ so ganz anders als alles andere werden.

Bei all den aufgesetzten Lorbeeren, steht dem eine mindestens ebenso hohe Erwartungshaltung vor. Die erste Singleauskupplung „King Of The Mountain“ vermochte etwaige Bedenken auf gleich ins Abseits zu stellen. Denn weder hat Kate Bush das Singen verlernt, noch hat sich seit dem letzten Album „The Red shoes“ (welches immerhin zwölf Jahre zurückliegt) stimmlich etwas Müdes eingeschlichen. „King Of The Mountain“ ist ein typischer Song aus ihrem Repertoire. Wenngleich vielerorts von einer Elvis-Presley-Widmung die Rede ist, befindet sich hinter den elektrisch bewanderten Schatten etwas Rätselhaftes, geradezu Geheimnisvolles. Geschrieben hat sie ihn 1996 - und wie viele vor ihm, verlangt auch dieser keinen gegebenen Zeitpunkt, um ihn abzuspielen. Zeitlos sein Eindruck, der schon immer Kates Musik prägte. Wie ein Siegel auf heißen Wachs.

Allerdings trügt der Erstling das Gesamtbild ein wenig. „Aerial“ blüht behaglicher durch die Jahreszeit, als jeder Popsturm es vermuten ließe. Es erzählt vom ihrem Alltag und wem sie während seiner Bewältigung gedenkt. Trefflich „Mrs. Bartolozzi“, womit wohl ihre Waschmaschine angesprochen wird. Vergnüglich vorgetragen, ohne amüsant zu sein „And put them in the washing machine / waaashin, machieeen“. Furchtbar liebreizend mündet er zu Neige und fährt direkt in „How To Be Invisible“ hinein. Kate Bush, die Marry Poppins des neuen Jahrtausends.

Generell geriet vieles mischpultfreudig. So plappert aus der vermeintlichen Janne d‘Arc Verehrung „Joanni“ ein herzhafter Erasure-Beat heraus, störrisches Rumoren inklusive. Obgleich „Bertie“ - die Ode an ihren Sohn - mit seiner klassischen Aufführung in einem Barocktumult endet, beißt es sich nicht mit den technischen Fingerfertigkeiten. Lyrisch auch sehr schön: „You bring me so much joy / And then you bring me / More joy“. Wo andere etwas aussagen wollen, genießt die Mutter mit ihrem Nachwuchs lieber die gemeinsame Zeit.

Beschäftigt sich die Scheibe „A Sea Of Honey“ gefühlsbetonter mit Figuren und anderweitigen Gedanken, erscheint „A Sky Of Honey“ weitaus konzeptioneller. Mit Eulenruf verweist das Intro auf den Gehalt des zweiten Abschnitts. Obwohl fleißig im Synthesizers gebettet, durchschreitet „Aerial“ einen ungemein natürlichen Verlauf. Kates offenherziger Ader ist es zu verdanken, dass die eingeflößte Zierde einen sicheren Stand verinnerlicht.

„Aerial Tal“ bietet einen Vorgeschmack auf das näherrückende und abschließende Titelstück. Als Vöglein selbst trällert Kate mit dem Vogelschwarm. Ebenso genial wie aberwitzig. „Nocturn“ ist gewissermaßen die Vorbereitung auf „Aerial“, der noch einmal alle vorhergegangen Stärken in sich vereint. Fest umschlungen raschelt in den abschließenden Minuten der Gitarrenhals im Takt eines trockenen Beats einher. Die letzte Viertelstunde hat es wahrlich in sich. Unerwartet präsentiert Kate Bush, wie viel Kraft noch in ihren Adern ruht. Es wird vor allem diejenigen versöhnlich stimmen, die „Aerial“ eine härtere Spur wünschten. Aber das wäre diesem Kapitel nicht gerecht geworden, blickt es doch zurück, wie auch nach vorn.

Was es geworden ist? Ganz sicher anders als erwartet. Nachkommende Generationen werden eine Menge entdecken, dort oben auf dem Speicher. Ihre Schritte betreten einen Dachboden, gespickt mit Kästen und Regalen, die nur darauf warten durchwühlt zu werden. An der einen Ecke lehnt ein Saxophon. Spinnennetze zieren seinen Hals - strömen aus dem Winkel etwa Walgesänge? Weiter oben auf einem staubigen Schrank, schwebt eine Welt im Kleinformat, über ihr kreisen riesige Himmel. Anderswo fallen Geigen, dazu je ein Paar rötliche Tanzschuhe sowie die Handschuhe eines Pantomimen ins Auge. Am Ende des Abstellraumes findet sich eine moderige Holztruhe. In ihr aufgebahrt liegt ein zappelndes Elvis-Kostüm und Kinderfotos, Unmengen von Fotos. Was ein Leben nicht alles an Erinnerungen um sich scharren vermag.

Anspieltipps:

  • King of the Mountain
  • Mrs. Bartolozzi
  • Aerial Tal
  • Nocturn
  • Aerial
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