Green Day - American Idiot - Cover
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Green Day American Idiot


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 57 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Geschickt verpacken Green Day die politische Brisanz des Albums in eine Rahmenhandlung mit fiktiven Figuren.

Nach dem Tod von Kurt Cobain erlahmte die Anfang der 90er Jahre von Bands wie Nirvana und Pearl Jam ausgelöste Grunge-Hysterie. Was folgte, war ein Revival des völlig aus der Mode geratenen Punkrock, der nämlich alles andere als Tod war und im amerikanischen Rock-Untergrund prächtigst gedieh. Plötzlich waren Bands wie The Offspring, Green Day und Bad Religion das Maß aller Dinge. Ihre Platten schossen weltweit in die Charts und verzeichneten zum Teil Verkaufszahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Allein Green Day verkauften von ihrem Majordebüt „Dookie“ mehr als elf Millionen Einheiten, konnten aber ebenso wenig wie The Offspring verhindern, dass ihre Nachfolgewerke deutlich zurückhaltender aufgenommen wurden.

Als das kalifornische Trio mit dem Album „Warning“ (2000) eine Kurskorrektur vornahm und wesentlich ausgefeiltere Songs an den Tag legte, bekamen auch die letzten Fans Zweifel an der Überlebensdauer ihrer Punk-Helden. Die Plattenfirma nutzte die rückläufigen Album-Verkäufe und brachte mit der „Best Of“-Platte „International Superhits“ (2001) und der B-Seiten-Sammlung „Shenanigans“ (2002) zwei relativ überflüssige CDs auf den Markt. Im Prinzip galten Green Day ab da als abgeschrieben. Doch in den vergangenen Jahren brütete die Punkband ein neues Album aus, das sich im Laufe des Songwritingprozesses zu ihrem künstlerisch wichtigsten entwickeln sollte. Zum vorherrschenden Thema der neuen Songs wurde die augenblickliche politische Situation in den USA, die nicht nur im „alten Europa“ Sorgen bereitet. Es rumort im Volk. Und zwar so sehr, dass selbst die Künstler des Landes mobil machen.

Das Aufbegehren amerikanischer Künstler gegen den vermeintlichen Wahlbetrüger und „Präsidenten“ der Vereinigten Staaten George W. Bush (gemäß Michael Moore wird Präsident im Zusammenhang mit George Bush jun. grundsätzlich in Anführungszeichen geschrieben), zieht kurz vor den Präsidentschaftswahlen immer größere Kreise. Zwar sind politische Protestaktionen durchaus nichts Neues in den USA, doch im Unterschied zu früher beteiligen sich immer mehr namhafte Schauspieler und Musiker an den Aktionen. Die Maßnahmen beschränken sich aber nicht nur auf die üblichen Kundgebungen (z.B. „Punkvoter“), Konzerte und Compilations wie die „Rock Against Bush“-Reihe des Fat Wreck Plattenlabels. Inzwischen mehren sich die CD-Veröffentlichungen, bei denen sich Künstler wie Dan Bern („My Country II”) oder Steve Earle („The Revolution Starts Now”) fast ausschließlich mit dem Anti-Bush-Thema auseinandersetzen.

Ausgerechnet Green Day, die als gnadenlose Spaß-Punker und geistige Tiefflieger verschrien sind, kommen nun mit einem Manifest gegen George W. Bush auf den Markt. „American Idiot“ heißt das Werk, mit dem sich Billy Joe Armstrong (Vocals, Gitarre), Mike „Dirnt“ Pritchard (Bass) und Frank „Tre Cool” Wright (Drums) vom sinnfreien Boller-Punk verabschieden und einen politischen Frontalangriff einleiten. Mastermind Billy Joe Armstrong legt den Kurs fest: „Es gibt da diesen Spinner an der Spitze unseres Landes, der dabei ist, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Und er wird damit fortfahren, falls wir ihn nicht daran hindern“. Aussagen, die man dem Sänger und Gitarristen vor ein paar Jahren nicht zugetraut hätte.

Geschickt verpacken Green Day dabei die politische Brisanz des Albums in eine Rahmenhandlung, die um die fiktiven Figuren „Jesus of Suburbia“, „St. Jimmy“ und „Whatsername“ aufgebaut und allein aus diesem Grund nicht ausschließlich mit Power-Punk-Popsongs zu bewältigen ist. So wurden mit „Homecoming“ und „Jesus of Suburbia“ zwei neunminütige Songs auf dem Album platziert, die in jeweils fünf Parts aufgeteilt sind und Vergleiche mit berühmten Konzeptwerken der Rockgeschichte, wie „The Wall“ (Pink Floyd), „Quadrophenia“ (The Who) oder „Operation Mindcrime“ (Queensryche), nicht zu scheuen brauchen. Als Album-Opener fungiert mit dem Titeltrack „American idiot“ hingegen ein knackiger Punkrocksong, der altbekannte Hitqualitäten von Green Day unterstreicht und zurecht als Single ausgewählt wurde. Doch als zweites folgt bereits besagtes „Jesus of Suburbia“, das sämtliche Register der Rockmusik zieht und als episches Punk-Meistwerk durchgeht. In dieselbe Kerbe schlägt das wundervolle „Homecoming“, das ähnlich operettenhafte Dimensionen annimmt. Hier haben sich Green Day wirklich selbst übertroffen!

Aber „Jesus of Suburbia“ und „Homecoming“ sind bei weitem nicht alles, was Green Day anno 2004 zu bieten haben. Zwischen den 13 Stücken verbergen sich einige Perlen der modernen Rockmusik, die man von dieser Band nicht mehr erwartet hat. So ist „Boulevard of broken dreams“ eine großartige Midtempo-Hymne, „Letterbomb”, „St. Jimmy“ und „Holiday” sind straighte Punk-Kracher, die direkt auf die Zwölf zielen und „Give me novocaine“ eine unverschämt relaxte Nummer, die in einem Gitarreninferno mündet. Lediglich „Are we the waiting” - ein schleppender Mitgrölsong, der zur Hälfte aus permanentem Wiederholen des Refrains und zur anderen Hälfte aus derben Speed-Punk besteht – fällt ein wenig ab. Zusammen mit „Extraordinary girl“ bildet dieser Track das Schlusslicht in der internen „American Idiot“-Hitparade.

Trotzdem: „American Idiot“ ist das beste Green-Day-Album seit zehn Jahren. Punkt. Ähnlich wie bei den Spaß-Punk-Kollegen von Blink-182, stellt das neue Album der Kalifornier einen Quantensprung in Sachen musikalischer Weiterentwicklung dar. Stupider Haudrauf-Punk ist einem sehr ausgefeilten Songwriting gewichen, das sich in verschiedenen Stilregionen exzellent zurechtfindet und den Spannungsbogen durchgehend am obersten Level hält. Auch wenn es ein bis zwei leichte Durchhänger zu verzeichnen gibt, ist „American Idiot“ immer noch ein herausragendes „Spätwerk“ einer Band, die bereits als abgeschrieben galt. Respekt!

Anspieltipps:

  • Holiday
  • Letterbomb
  • Homecoming
  • American idiot
  • Jesus of Suburbia
  • Boulevard of broken dreams
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