R.E.M. - Around The Sun - Cover
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R.E.M. Around The Sun


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 55 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

„Around The Sun“ sagt sich nun von sämtlichen Klangkäfigen los und überrascht mit zarten Popsongs mit viel Gefühl und Seele.

„Oops, they did it again!“. Das nennt man eine perfekte Karriere: In 20 Jahren kein einziges schlechtes Album abgeliefert, beim Mainstream- und Independent-Publikum gleichermaßen beliebt und akzeptiert. R.E.M. aus Athens, Georgia bürgen grundsätzlich für höchste Qualität. Auch ihr neuester Output „Around The Sun“ ist das erwartete Top-Album, an das Meisterwerk „Automatic Für The People“ (1992) kommt es aber nicht heran. Im Grunde bleibt also alles beim alten. Und doch ist es wieder eine verdammt interessante Entdeckungsreise, wenn man ein Bündel neuer R.E.M.-Songs erkunden darf.

Gleich 13 Stück servieren uns Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck auf ihrem 13. Studioalbum, das die längste Produktionszeit in der Bandgeschichte für sich beanspruchen kann. Die Arbeit an „Around The Sun“ begann schon vor 2½ Jahren in Vancouver, dann wurde eine Tournee dazwischengeschoben und im Anschluss arbeitete die Band drei Monate lang auf den Bahamas an neuen Songs. Den Luxus einer so langen Arbeitszeit hatten sich R.E.M. bis dato nie gegönnt. Auf das Songmaterial hat sich diese ausführliche Entwicklungszeit allerdings äußerst positiv ausgewirkt. Inspiriert vom eigenen Schaffen der letzten zehn Jahre, suchte sich die Band einen neuen Weg, um die gesamte Bandbreite ihres Könnens zu bündeln. Dadurch ist „Around The Sun“ ein Album geworden, über dem keine klangliche Grundausrichtung schwebt, wie bei den diversen Vorgängern. So war „Monster“ (1994) ein raues Post-Grunge Krawallalbum. „New Adventures in Hi-Fi“ (1996) verschreckte einige Mainstream-Hörer als experimentelles Meisterwerk. Dann folgte mit „Up“ (1998) die erste CD nach dem Abgang von Drummer Bill Berry, die entsprechend unsicher und verschroben daher kam. Und mit „Reveal“ (2001) spalteten R.E.M. die Fans in zwei Lager, so poppig und überladen klangen die Arrangements mitunter.

„Around The Sun“ sagt sich nun von sämtlichen Klangkäfigen los und überrascht mit zarten Popsongs mit viel Gefühl und Seele. Die neuen Stücke klingen nach wie vor unverwechselbar nach R.E.M., schlagen aber soundtechnisch einen Mittelweg ein. Natürlich muss keiner auf schöne Melodien und wunderbare Harmonien verzichten, genauso wie niemand ohne Ecken, Kanten und Überraschungen auskommen muss. R.E.M. haben ihren Sound einfach in neue Bahnen gelenkt, ohne dass am Ende ein Konsenswerk zu Buche steht. So ist die erste Singleauskopplung „Leaving New York“ ein klarer Anwärter auf einen Spitzenplatz in R.E.M’s. All-Time-Hitparade. Ein Lovesong, der genügend Spielraum für eigene Text-Interpretationen zulässt und mit einer traumhaften Hookline begeistert. Politisch wird es bei „Final straw“, einem eindringlichen Protestsong gegen den Irak-Krieg, der nicht auf laute Töne setzt, sondern ganz ruhig, mit akustischen Gitarren untermalt, den Finger in die Wunde legt („Now I don't believe and I never did that two wrongs make a right. If the world were filled with the likes of you then I'm putting up a fight. I'm putting up a fight. Putting up a fight. Make it right. Make it right.”).

Dann fährt diese kleine – aber stets beeindruckende – Band einen abwechslungsreichen Mix aus beschwingten Folk-Popsongs („Wanderlust“), reduziert klingenden Elektro-Poppern („Electron blue“), düsteren Akustikballaden im „Drive“-Stil („Boy in the well“) und lang nicht mehr gehörten, fröhlichen Dur-Tönen, wie vom ´91er „Out Of Time“-Album auf („Aftermath“). Für „The Outsiders“ holten sich R.E.M. gar Jonathan Davis, alias Q-Tip von A Tribe Called Quest ins Studio, der einen Rap-Part zu dem ansonsten bedächtig vor sich hin groovenden Song beisteuert. „High speed train“ ist wohl das am interessantesten instrumentierte Stück des Albums und „The ascent of man“ stellt abschließend unter Beweis, dass R.E.M. jederzeit in der Lage sind, einen grandiosen Hit aus dem Ärmel zu schütteln. Fertig ist ein weiteres, herausragendes Album in der nun schon mehr als 20 Jahre andauernden Geschichte der Band.

Zwar ist „Around The Sun“, wie schon zu Anfang festgestellt, nicht das beste R.E.M.-Album, aber die Herren aus Athens schaffen es wieder mal mit Leichtigkeit, den Hörer für einige Stunden zu fesseln. Denn ein Album, das ohne vordergründige Hits wie „Shiny happy people“ oder „Losing my religion“ auskommt, muss man sich als Hörer auch erst mal erarbeiten. Nach einiger Zeit erschließt sich dann aber die volle Pracht der 13 neuen R.E.M.-Kompositionen. „Around The Sun“ – ein Album, mit dem man nichts verkehrt machen kann.

Anspieltipps:

  • Electron blue
  • Boy in the well
  • Make it all okay
  • The ascent of man
  • Leaving New York
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