Sabrina Setlur - Sabs - Cover
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Sabrina Setlur Sabs


  • Label: 3p/SONY
  • Laufzeit: 61 Minuten
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4/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Fast zehn Jahre ist es her, da tauchte aus dem Frankfurter Stadtteil Rödelheim ein Rap-Duo auf, das die deutsche Musiklandschaft nachhaltig verändern sollte. Moses Pelham und Thomas Hofmann revolutionierten zusammen mit Produzent Martin Haas ein in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckendes Genre und transportierten US-amerikanisches Bad-Boy-Image als „Rödelheim Hartreim Projekt“ via MTVIVA in die Wohnzimmer deutscher Wohnstuben. Schmunzelte man bis dahin noch über die belanglosen Nichtigkeiten der „Fantastischen 4“, machten die Frankfurter eindeutige Ansagen und nahmen kein Blatt vor den Mund. Das war neu und für alle Kids, die nicht im Grunge-Fieber steckten, eine willkommene Abwechslung.

Wer damals im Booklet des RHP-Debütalbums „Direkt aus Rödelheim“ (1994) nachschaute, entdeckte als Gast-Sänger einen gewissen Xavier Naidoo und ein Mädel namens „Schwester S“, das beim Track „Wenn es nicht hart ist“ zu hören war. Beide sollten wenig später zu absoluten Superstars aufsteigen. „Schwester S“, alias Sabrina Setlur, war eine Schulfreundin von Thomas Hofmann, die beim spontanen Mitrappen zum bahnbrechenden „Dr. Dre“-Album „The chronic“ (1992) von Hofmann als Rap-Talent entdeckt wurde. Mit ihr produzierten Haas und Pelham das Album „S ist soweit“ (1995), das die 19-Jährige als rotzfreche Göre in Springerstiefeln, Kapuzenpulli und Bomberjacke präsentierte. Die Single „Ja klar“ rotierte auf allen Musikkanälen und machte den Nachwuchsstar schlagartig in der ganzen Republik bekannt. Doch schon beim zweiten Album gab es ersten Ärger. Der 3p-Clan wechselte die Plattenfirma und zog von MCA zu SONY. Doch das lies man sich bei MCA nicht so einfach gefallen, schließlich hatte man einen Vertrag mit „Schwester S“. Nach langem hin und her erschien das Album „Die neue S-Klasse“ unter „Schwester S’“ richtigem Namen Sabrina Setlur. Als Business-Gag prangte auf allen Setlur-CDs ein Aufkleber, auf dem das 3p-Label aufklärte, dass es sich bei „Die neue S-Klasse“ um keine „Schwester S“-Platte handelte, sondern ein Werk von Sabrina Setlur sei, die lediglich früher das Projekt „Schwester S“ repräsentierte. Alles klar?

„Die neue S-Klasse“ lieferte zahlreiche Hitsingles ab („Du liebst mich nicht“, „Glaubst du mir?“, „Nur mir“, „Freisein“, „Folge dem Stern“) und etablierte Sabrina Setlur in den deutschen Charts und der Klatschspalte der BILD-Zeitung. Der Erfolg veränderte nicht nur das Outfit der Rapperin (die Streetwear wich teuren Designerklamotten). Auch ihr Stil änderte sich und ließ trotz Gossenlyrik die alte Aggressivität vermissen. Das ´99er-Werk „Aus der Sicht und mit den Worten von…..“ schnellte zwar von 0 auf 1 in den deutschen Charts, konnte aber in keiner Weise überzeugen. Weder die „Setlur 2000 Tour“ noch die Singles konnten die Erfolge früherer Tage wiederholen. Trotzdem gab es einen ECHO-Award für Frau Setlur, die danach langsam aber sicher von der Bildfläche verschwand und erst im Jahr 2001 durch ihre Beziehung mit Tennisstar Boris Becker wieder von sich Reden machte. Die Liaison dauerte zwar etwas länger als manch andere Affäre des Filzkugelhelden, brachte aber beiden keine positive Presse. Sabrina Setlur avancierte zum Stammgast in GALA und BUNTE und verlor nach und nach jegliche „Street Credibility“ für die ihre Texte in der Vergangenheit standen. Disqualifikation: Setlur. Spiel, Satz und Sieg: Becker.

Inzwischen sind vier Jahre nach dem letzten Setlur-Album vergangen und im Prinzip hatte die 29-Jährige niemand mehr auf der Rechnung. Diese arbeitete aber in den vergangenen 18 Monaten an ihrem vierten Album, das am 03. November in die Läden kommt. Natürlich rechnet der Rap-Star auf „Sabs“ mit seiner Vergangenheit ab, beschränkt dies aber zum Glück auf die Songs „Das Wichtigste“ und „Ich bin so“. Letzterer wurde als erste Single ausgekoppelt und überrascht mit einem Cover, das sämtliche Klischees der Vergangenheit aufgreift. Viel nackte Haut, lediglich bedeckt von einer sündhaft teuren Cartier-Uhr. Der Text ist nicht wirklich relevant und schon gar nicht hittauglich („Ich bin so, dass die BILD-Zeitung über mich schreiben will“). Dazu schockiert der Track mit einer ebenso fetten wie einfallslosen Haas/Pelham-Produktion, als hätte sich HipHop- und Rap-Musik in den letzten zehn Jahren nicht weiterentwickelt. In diesem Sinn bleibt auch auf „Sabs“ alles beim alten. Gemäß der Devise „mehr Bass“ bollern die Tracks vornehmlich im Mid-Tempo-Bereich vor sich hin („Allein“, „Setlurflow“), mal von ein paar Break-Beats unterbrochen („Die Auserwählte“), mit Pianoklängen („Feel so band“) und fluffigen Synthesizern angereichert („Mein Herz“) oder von Streichern aus der Konserve aufgepeppt (auch: „Die Auserwählte"). Dazu liefert Frau Setlur ihre provokanten, gerne auch vulgären Texte ab, die sie mit ihrem polarisierenden, hessischen Dialekt unters Volk bringt. Unterstützung erhält sie dabei von der versammelten 3p-Truppe (Franziska, Cassandra Stehen, Illmatic), die immer dann eingreift, wenn Gesang anstatt Rap gefragt ist, da Sabrina Setlur nach eigenem Bekunden nicht singen kann.

„Sabs“ ist nicht nur textlich völlig belanglos, auch musikalisch passiert kaum etwas, das einen aufhorchen lässt. Routiniert und überraschungsarm arbeitet sich der Liebling der Klatschpresse („Wichtige Meldungen “) durch Battle-Rhymes („Setlurflow"), Selbstbeweihräucherungen („Ja!“) oder schmalzige Lovesongs („Mein Herz“). Ich glaube, man muss kein Prophet sein, wenn man dem vierten Setlur-Werk nur geringe Chancen für eine dauerhafte Präsenz in oberen Chart-Regionen attestiert. Sehen wir das Werk als einen Neuanfang, mit dem die Frankfurterin keine Bäume ausreißen wird, aber den Weg zurück auf die Bühne aus raus aus den Klatschspalten finden kann.

Anspieltipps:

  • Liebe (Feat. Glashaus & Franziska)
  • S muss weitergehen (Intro)
  • Das Wichtigste
  • Baby
  • Ja!
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