Bon Jovi - This Left Feels Right - Cover
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Bon Jovi This Left Feels Right


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 57 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Viele Songs auf diesem Album wären in den vorliegenden Versionen niemals zu Hits geworden.

Es war das Jahr 1989. Die New-Jersey-Rocker Bon Jovi schwammen seit drei Jahren auf einer unglaublichen Welle des Erfolgs. Ihre Alben „Slippery when wet“ (1986) und „New Jersey“ (1988) verkauften sich wie geschnitten Brot und machten Hardrock international hoffähig. Da erhielten die kreativen Köpfe der Band, Richie Sambora und Jon Bon Jovi, die Einladung des Musiksenders MTV, bei den alljährlichen MTV Video Music Awards aufzutreten. Die beiden überlegten sich für ihren Auftritt etwas ganz Besonderes und performten ihre Mega-Hits „Wanted dead or alive“ und „Livin’ on a prayer“ nur mit zwei Akustikgitarren ausgestattet. Das gefiel den Herren von MTV dermaßen gut, dass sie sich auf Basis dieses rein akustischen Auftritts ein Konzept für eine neue Sendung überlegten. „MTV Unplugged“ war geboren und avancierte zu einem Meilenstein im Musikfernsehen mit zahlreichen legendären Auftritten.

Was hat das mit dem neuen Bon-Jovi-Album zu tun? Nun, für ihr aktuelles Werk „This left feels right (Greatest hits with a twist)“ haben sich die Mannen um Frauenschwarm Jon Bon Jovi ihre größten Klassiker nochmals vorgeknöpft, total auseinander genommen und in neue, akustische Gewänder gesteckt. Dabei wollten Bon Jovi zuerst ein akustisches Live-Album mitschneiden, waren aber mit der Qualität der Aufnahmen im Nachhinein nicht zufrieden. Außerdem darf der Sinn von zwei Live-Alben innerhalb kürzester Zeit (im Mai 2001 erschien „One wild night: Live 1985 - 2001“) zurecht angezweifelt werden. Da Bon Jovi aber bei ihrer Plattenfirma im Wort standen und diese schon die Promotion für den „Bounce“-Nachfolger konzipierte, musste schnell eine andere Idee her. Und so bastelte die Band unmittelbar nach dem Ende ihrer USA-Tour in nur 23 Tagen ein neues Album mit zwölf umarrangierten Songs aus 20 Jahren Bon Jovi plus zwei neuen Tracks zusammen. Hilfe bekamen sie dabei von Producer Pat Leonhard (Madonna, Elton John), der schon die Unplugged-Alben von Rod Stewart und Bryan Adams betreute und erstmals für die Pop-Rocker aus New Jersey arbeitete.

So weit so gut. Doch kurz vor der Veröffentlichung stellte sich heraus, dass die neuen Songs „Last man standing” (Jon Bon Jovi: „Ich habe mich in die Rolle eines Jahrmarkt-Schreiers hineinversetzt. Die Leute stehen vor dem Zelt und ich versuche, sie in die Freak-Show zu locken. Und in meinem Kopf war es so, als würde Dylan dort stehen, mit seinem Schnurrbart und seinem Bolero-Outfit, das er heutzutage trägt. Es geht um jemanden wie ihn, der wirklich noch spielt und singt. Es geht nicht um mich. Es geht nicht um unsere Band. Es ist Bob Dylan, und gerade jetzt, wo Johnny Cash gestorben ist, ist es gut, den Hut vor Bob Dylan zu ziehen“) und „Thief of hearts” (ein voyeuristischer Song über das Junge-Mädchen-Thema) am Ende doch nicht auf das Album kamen und somit für viele Fans ein Hauptgrund für den Erwerb der Platte unter den Tisch fiel. Auch dazu hat Mr. Bongiovi seine eigene Meinung: „Ich bin keineswegs größenwahnsinnig - ich weiß nicht, ob wir Zillionen Exemplare verkaufen werden. Aber in einer Zeit, in der alle Leute „Greatest hits“-Alben veröffentlichen, mit einem zusätzlichen, neuen Song - ich konnte das nicht einfach auch so machen. Das habe ich schon gemacht. Es gab nur einen Weg, es zu tun: Ich musste den Leute etwas geben, das einen wirklichen Wert hat. In unserer heutigen Zeit brauchen die Menschen Werte. Also haben wir, bildlich gesprochen, diesen Umweg genommen, als wir eigentlich schon hätten zu Hause sein können.“

Und ja, das haben sie wirklich, einen Umweg genommen! Zusammen mit Pat Leonard haben es Bon Jovi vollbracht, zwölf ihrer Klassiker von allem Ballast zu befreien und sie neu aufzubauen, sodass daraus etwas neues und trotzdem vertrautes und gleichzeitig absolut unerwartetes entstehen konnte. Bekannte Stadion-Hymnen und große Feuerzeug-Balladen wurden in frischen, überraschenden Interpretationen neu erschaffen. So hat man diese Band garantiert noch nicht gehört und deshalb gibt es den für Bon-Jovi-Rezensionen üblichen „Track by Track“-Vergleich.

„Wanted dead or alive“ hat nach Bon Jovis Aussage einen neuen, modernen Led-Zeppelin-Groove erhalten, was bedingt bestätigt werden kann. Der Rhythmus ist zwar etwas mechanisch ausgefallen und Jons Vocals klingen leicht verzerrt. Doch damit kann man sich durchaus anfreunden. Dazu kommen ein paar satte E-Gitarren-Riffs, die aber nicht das Feuer des Original versprühen. Überhaupt wurde das gänsehautartige Western-Feeling des ursprünglichen Meisterwerkes komplett einem moderneren Sound geopfert. Letztendlich Geschmackssache.

„Livin' on a prayer“ wartet mit einer Überraschung auf. Nicht dass der Song hier in einer Balladenversion dargeboten wird – das kennen wir bereits von diversen Konzerten – nein, anstelle von Richie Sambora wird Jon von Schauspielerin Olivia D'Abo, der Ehefrau von Producer Pat Leonard, als Co-Vokalistin unterstützt. Das klingt neu und anders, macht aber durchaus Sinn.

Bis hierhin waren Bon Jovi anno 2003 noch recht verträglich. Doch dann wird es auf einmal ziemlich gruselig. Die grandiose Hymne „Bad medicine“ wird zu einem schleppend Mid-Tempo-Groover umfunktioniert und kommt damit verdächtig nahe an die letzten Def-Leppard-Outputs, die unter aller Sau waren. Doch Bon Jovi wäre nicht diese mega-erfolgreiche Band mit demnächst 100 Millionen verkauften Tonträgern geworden, wüsste sie nicht auf einen schwachen Song mit einem Herausragenden zu antworten. Völlig unerwartet wurde der treibende Rocksong „It’s my life“ in eine feinfühlige Pianoballade umgewandelt, die eine komplett andere Atmosphäre schafft und vielleicht schon bald in das ständige Repertoire aufgenommen wird.

Auch so eine exzellente Rock-Hymne der 80er-Jahre ist „Lay your hands on me“. Leider wurde das Stück für „This left feels right“ zu einem konturlosen Tingeltangelliedchen heruntergewirtschaftet, das jetzt als atmosphärischer Slow-Groove überzeugen soll. Kann es aber leider Gottes nicht.

„You give love a bad name“ erschallt 17 Jahre später jetzt als Western-Blues mit amtlicher Slide-Guitar und zählt zu den angenehmen Überraschungen dieser CD. Der Song hat Stil, aber mit dem ursprünglichen Power-Rocker möchte ich ehrlich gesagt nicht tauschen wollen.

Die Ballade „Bed of roses“ hat sich eigentlich kaum verändert. Nur dass der Song in der neuen Version eine gehörige Portion Streicher-Schmalz und etwas Percussion dazugemischt bekam. Nicht wirklich schlecht, aber in dieser Form auch irgendwie überflüssig.

Der „It’s my life“-Abklatsch „Everyday”, der den Erfolg des „Originals“ zurecht nicht wiederholen konnte, kann auch in der neuen Akustik-Pop-Version nicht zu 100% überzeugen. Die Herangehensweise ist allerdings sehr interessant und vom Stil mit Jon Bon Jovis letztem Soloalbum „Destinantion anywhere“ (1997) zu vergleichen. Weniger Rock, mehr Pop und eine gehörige Portion Slow-Groove ergeben noch immer keinen Überhit, aber nette Radiokost.

Auch „Born to be my baby“ wurde deutlich um Tempo und Härte reduziert und zu einer reinen Akustikballade umfunktioniert. Wieder fällt Herr Sambora mit der Slide-Guitar positiv auf, die den Song richtiggehend trägt und trotz der stattgefundenen Entschärfung zu einem Highlight erhebt.

„Keep the faith“, das Paradebeispiel für einen gelungenen Motivationssong, hat dieses Jahr 10-jähriges Jubiläum. Daran kann man sehen wie alt man inzwischen ist. Auch hier haben jetzt Streicher Einzug erhalten, womit zwangsläufig ein Gang herausgenommen wurde und der Hörer Vertrauen zu einem neuartigen Weichspüler-Stil aufbauen muss.

„I’ll be there for you“ zählt zu den schönsten Halb-Balladen der vier Jungs aus New Jersey. Deshalb treibt die 2003er-Version einem bekennenden Bon-Jovi-Fan die Tränen in die Augen. War ich bisher der Annahme, dass eine herausragende Melodie im Prinzip durch nichts zerstört werden kann, muss dies nun revidiert werden. Leidenschaft, Herz und Energie wurden gegen seelenlose Kaufhausmusik eingetauscht. Entschuldigung lieber Richie, lieber Jon, aber da blutet mir das Herz.

„Always“, ebenfalls in den Top 5 der schönsten Bon-Jovi-Balladen angesiedelt, bleibt auch in der neuen Spielart überdurchschnittlich, reicht aber bis auf den unkaputtbaren Refrain nicht an das Original heran. Leider wie so viele Songs auf diesem Album, die in den vorliegenden Versionen niemals zu Hits geworden wären.

Man muss Bon Jovi zugute halten, dass sie nicht einfach ein Live- oder Unplugged-Album auf den Markt geschmissen haben, sondern sich zum gepflegten Abkassieren im Weihnachtsgeschäft zumindest die Mühe machten, ihre größten Klassiker total umzuarrangieren und den zahlreichen Fans damit einen echten Kaufanreiz bieten. Dass das Ergebnis unterm Strich keine Heldentat geworden ist, kann man auf die extrem knappe Produktionszeit schieben oder damit begründen, dass echte Klassiker keiner Erneuerung bedürfen. Es ist eben alles eine Frage der Betrachtung. Und warum sollte man deshalb großartig über ein neues Bon-Jovi-Album meckern, das im Grunde als Geschenk an die Fans zu werten ist und keine künstlerischen Ehrentitel einheimsen möchte. Also Ball flach halten und zur Tagesordnung übergehen.

Anspieltipps:

  • It’s my life
  • Born to be my baby
  • Wanted dead or alive
  • You give love a bad name
  • Ab in die Tonne:

    • Bed of roses
    • Bad medicine
    • I’ll be there for you
    • Lay your hands on me
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