Tom Waits - Real Gone - Cover
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Tom Waits Real Gone


  • Label: Anti/SPV
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Frische Kost aus der Geräuschfabrik: Die lebende Songwriter-Legende Tom Waits meldet sich in diesen Tagen mit neuem Album und leicht renoviertem Sound zurück. Alles neu macht der Oktober? Mitnichten. Trotzdem ist es alte Tradition, dass Fans und Kritiker schon Wochen vor der Veröffentlichung eines Tom-Waits-Albums nervös mit den Hufen scharren und aufgeregt Informationen austauschen, was der alte Kauz jetzt wieder angestellt hat. Für den Rezensenten einer Tom-Waits-Platte bedeutet dies, ausgetrampelte Phrasen-Pfade zu verlassen und sich den mitunter aberwitzigen Kompositionen schreiberisch anzupassen. Denn neben Tom Waits, Captain Beefheart und Frank Zappa gibt es wohl kaum einen Musiker, bei dessen Beschreibung des musikalischen Oeuvres die Damen und Herren Musikkritiker derart in blumige Stilblüten, Wortkreationen und Gleichnisse verfallen.

In der Tat ist es nicht leicht, die verschrobene Klangskulpturen aus avantgardistischem Freestyle-Blues und wie auch immer erzeugten Geräuschen zu beschreiben. So klärt die Presse-Info darüber auf, dass Waits zwei Jahre nach seinem Album-Doppelpack „Alice“ und „Blood Money“ die Gefilde von Bert Brecht und Kurt Weill verlassen hat, um sich einem aufs Wesentliche reduzierten Songwriting zu widmen. Das klingt so, als hätte Waits in der Vergangenheit eine Big Band als Begleitung aufgefahren, was natürlich Quatsch ist. Für sein neues Album „Real Gone“ hat sich der Kalifornier vorgenommen, seine Kompositionen bis auf die Essenz abzuspecken und aus seiner Sicht Überflüssiges wegzulassen. Schlagzeugrhythmen werden nun im Stile einer „Human Beat Box“ mit dem Mund erzeugt - stilecht im Badezimmer seines Hauses aufgenommen. Streicher, Bläser, Keyboards und das geliebte Klavier werden nahezu komplett aussortiert, was einerseits schade ist, da diese Instrumente den Songs die entscheidende melancholisch-balladeske Färbung gegeben und den Gegenpol zu Waits Reibeisenstimme dargestellt haben. Auf der anderen Seite trägt die eigenwillige - und doch gar nicht so neuartige - Instrumentierung zum Spannungselement der Platte bei.

Nach wie vor lässt es sich Waits nicht nehmen, seine genialen Polkas, Walzer und Tangos liebevoll zu schreddern („Shake it“) oder, wie im Fall von „Real Gone“, von seinem Sohn Casey durch den Einsatz von Turntables (!) veredeln zu lassen. Auf diese Weise entstanden zusammen mit seiner Frau Kathleen Brennan 15 Tracks, die ursprünglich noch radikaler ausfallen sollten, aber während der Produktion leicht „umgelenkt“ wurden, was eventuell an der Beteiligung einiger prominenter Gastmusiker liegen mag (Les Claypool und Brain Mantia von Primus halfen an Bass, Drums und Percussion aus). Das bedeutet aber nicht, dass der gemeine Mainstreamhörer plötzlich leichteren Zugang zu den rudimentären Songstrukturen eines Tom Waits erhält. Es haben sich zwar einige brave Stücke wie „Dead and lovley“ oder „Trampled rose“ auf die Platte geschlichen, aber Waits wäre nicht dieser gefürchtete „Schutzheilige der Taugenichtse und Säufer“, würde er seine Hörer nicht urplötzlich aus der schmeichelnden Lethargie einer Blues-Ballade reißen und einen mit Stacheldraht gegurgelten Krawallsong wie „Hoist that rag“ einstreuen. So ist „Real Gone“ eine fein austarierte Platte zwischen lieblich-rauem Blues („Green grass“), vor Atmosphäre berstenden Spoken-Word-Tracks („Circus“) und verzerrten Wandlungen an der Grenze der Erträglichkeit („Baby gonna leave me“).

Tom Waits bleibt auch weiterhin eine harte Nuss für Mainstreamhörer. Er kümmert sich einen Dreck um die Hörgewohnheiten der breiten Masse und liefert ein weiteres Mal eine famose Platte zwischen Genie und Wahnsinn ab. Eine einhellige Meinung über „Real Gone“ wird es deshalb aber nicht geben, da selbst die Experten uneins sind, welchen Waits-Alben zu seinen Meisterwerken und welche zu den „Abfallprodukten“ zählen.

Anspieltipps:

  • Shake it
  • Hoist that rag
  • Dead and lovley
  • Sins of my father
  • How's it gonna end
  • Baby gonna leave me
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