Leserkritiken zu
Tom Waits - Real Gone

  • Singer/Songwriter
8.5/10 Unsere Wertung
5.3/10 Leser Stimme ab!

25.12.2005 - 22:28 Jan Henze Real gone? Endgültig weg? Der finale Abgesang auf das trinkende Piano taugt wenig dazu, die noch immer verstört am Santa Monica Blvd. zurückgebliebenen Altfans wieder einzusammeln. Vielmehr zelebriert Tom Waits auf seinem 26. Werk erneut das Anderssein und hievt seine wahnwitzigen Bluesgebilde auf die nächste Stufe.

Ein schwerer gemeiner Broken ist es geworden, dieses „Real gone“. Einer, der sich auch dem geübten Hörer kaum beim ersten Durchlauf erschließt und ein gewisses Maß an Erfahrung in der Welt von Thomas Alan Waits voraussetzt, um die Flinte nicht zu früh ins Korn zu werfen. Schon während der Opener „Top of the hill“ langsam den Gehörgang herunterpoltert, steht man vor einem Rätsel. Zwischen dem dichten Geflecht aus blecherner Perkussion, Gitarrenschnipseln aus Blues und Funk sowie der Waitsschen Version einer Human Beatbox hindurch, flüstert der Mann im Knitteranzug „New corn yellow and slaughterhouse red / The birds keep singing / Baby after your dead“. Hängen bleibt zunächst einmal recht wenig und selbst in Anbetracht seiner letzten Veröffentlichungen, kann man von einem sehr merkwürdigen Einstieg sprechen.
Frühe Zweifel, mit wem und was man es hier denn bitteschön zu tun hat, werden aber gleich im darauffolgenden „Hoist that rag“ zerstreut - Ein wahres Monstrum von einem Song. Marc Ribot’s brillante Gitarrenarbeit und der, jeden HNO-Arzt zur Verzweiflung bringende, kratzende Klagesang vereinen alles, was Waits seit Anfang der Neunziger auszeichnet. Ein erstes Highlight, das den Hörer tief hineinzieht in das klaustrophobische dunkle Reich von „Real gone“.

Verantwortlich für das sich einstellende Beklemmungsgefühl zeichnen sich im übrigen so illustre Gegenstände wie ein Wetzstein und das dazugehörige Messer. Mit diesen und allerlei anderen Gerätschaften, die der durchschnittliche Radiohörer auf einer CD weder erwartet noch erwünscht, spielte Waits die scheppernde Perkussion schon vor Beginn der eigentlichen Aufnahmen im Badezimmer seiner Hühnerfarm ein. Gerüchten zufolge sollen an einer Stelle sogar dessen eierlegenden Mitbewohner einen Gastauftritt haben, doch aufgrund der enormen Dichte und Heterogenität des Beatgerüsts, lässt sich über die einzelne Zusammensetzung größtenteils nur wild spekulieren. Eines steht jedoch fest, das Schleifen, Hämmern und Sägen, das Waits in Interviews neuerdings als „cubist funk“ anpreist, schafft keine Voraussetzungen für ein zugängliches, massenkompatibles Album. Bevor man sich „Shake it“ oder „Baby gonna leave me“ rundgehört hat, müssen daher schon einige Tage ins Land gehen.
Nur wenige ruhige Momente bieten Raum zum durchatmen und einzig die Geschichte vom tragischen Tod eines „middle class girls“ in „Dead & lovely“ und der, im bewegenden Schlusspunkt „Day after tomorrow“ vertonte, Heimatbrief eines ge- und enttäuschten US-Soldaten erinnern an die großen Balladen, die Waits bisher noch auf jeder Scheibe unterzubringen wusste – mit einem Unterschied. Denn überraschenderweise verzichtet er über die gesamte Spiellänge auf die, für ihn so typischen, schaurig schönen Klänge seines Chanson Pianos.

Trotz aller Wehmut, erscheint dieser Schritt nur konsequent, denn musikalisch schreitet der Mann mit dem Hut seinem saufenden Bar-Jazz Alterego, seit der 1983er Veröffentlichung von „Swordfishtrombones“, mit Siebenmeilenstiefeln davon. Dass die Songs auf „Real gone“ eher reduziert und knochentrocken als ausufernd und melodietrunken ausfallen, passt ins Konzept. Waits ist mit seinen mittlerweile 54 Jahren nicht mehr daran interessiert, eine Pianoballade für das Formatradio zu schreiben. Stattdessen zieht er los um Grenzen auszuloten und lädt seine Zuhörer ein, ihm zu folgen. Darum bitten, tut er nicht.

Wer schon die letzten beiden Veröffentlichungen „Mule Variations“ und „Bone Machine“ (die stark kontextbezogenen Theaterumsetzungen „Alice“ und „Blood Money“ seien hier mal außen vor gelassen) mehr anstrengend als ansprechend empfand, der wird auch mit dem hypnotisierenden Zehnminüter „Sins of the father“ nicht sein Glück finden und ist ein wenig zu bedauern. Waits 2004 bietet noch immer mehr Tiefe und Spannung als die meisten der jungen Singer/Songwriter Garde zusammen. Ein paar Längen und sicher auch die eine oder andere Verständnislücke muss allerdings in Kauf genommen werden.

8/10