Jet - Get Born - Cover
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Jet Get Born


  • Label: Elektra/WEA
  • Laufzeit: 49 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn am Anfang von Jets „Are you gonna be my girl“ eine wild rasselnde Tamburine erklingt, muss man unweigerlich an Helge Schneider und sein göttliches „Es gibt Reis, Baby!“ denken. Aber Achtung! Hier ist keine Spaßmachertruppe am Werk, sondern ein mit Grandezza abrockendes Quartett, das dieser Tage sein Debütalbum „Get born“ in die Läden gebracht hat.

Doch das ist nicht das einzige Déja-vu-Erlebnis. Schaut man sich die vier Burschen auf dem Albumcover mal genauer an, fällt einem spontan die Familie Followill ein, besser bekannt unter dem Namen Kings Of Leon. Lange Matten, ausschweifende Gesichtsbehaarung und Klamotten vom Flohmarkt. Da haben sich Geistesverwandte gesucht und gefunden, denn siehe da, mit eben den Kollegen von Kings Of Leon werden Jet aus Australien im November auf Deutschlandtour sein. Und spätestes jetzt kann man ahnen, welche Art von Musik den geneigten Hörer auf „Get born“ erwartet: Großartiger Retro-Rock im Stile der goldenen 70er-Jahre.

Offensichtlich ist Retro-Rock Familiensache. Denn nach den Robinson-Brüdern (The Black Crowes) und den Followills (Kings Of Leon) beehrt uns auch bei Jet ein Brüderpaar. Nic (Vocals, Gitarre) und Chris Cester (Drums) sind die Vorsteher der aus Melbourne stammenden Band, die von Mark Wilson (Bass) und Cameron Muncy (Gitarre) komplettiert wird. Die Burschen spielen unbekümmerten Rock ’N Roll, der von den Beatles, Stones, AC/DC und einigen anderen Ikonen beeinflusst wurde, woraus die Band auch gar kein Geheimnis macht. Zu Recht sagen Jet: „Lieber orientieren wir uns an Beatles und Stones, als an Nickelback und Creed“. Aber hallo, das ist mal eine klare Aussage gegen den Kommerz und eine Richtungsvorgabe für die Schallplattenindustrie. Dass sich trotzdem zahlreiche Major-Labels eine Schlacht um die Band lieferten, spricht für die musikalische Qualität der „Oasis Australiens“ (NME). So gab es von Elektra/Warner auch gleich eine dicke Vorauszahlung, wovon die legendären Sunset Sound Studios in Los Angeles, plus Star-Producer Dave Sardy (Dandy Warhols, Marilyn Manson, Supergrass) gebucht wurden. Dabei wollten die Jungs anfänglich gar keinen Produzenten, sondern nur jemanden, der die 13 Songs für „Get born“ vernünftig mixen sollte.

So ist gerade der Sound auf „Get born“ als herausragend zu bezeichnen, da hier großer Wert auf eine klassische Stereo-Abmischung gelegt wurde. Die einzelnen Instrumente können eindeutig herausgehört und den beiden Klangkanälen zugeordnet werden. Bombast hat hier Chance! Mal ehrlich, welcher Rocker braucht schon Surround-Sound? Was zählt, ist warmer, erdiger Sound, als höre man sich eine Vinyl-Platte an. Vinyl, liebe Kids, das sind die großen schwarzen Scheiben, die eure Eltern im Schrank stehen haben. Probiert die Dinger ruhig mal aus! Wer Musik nur als MP3-File kennt, weiß gar nicht, was er verpasst.

Jet kommen auf ihrem Debüt so frisch und sympathisch rüber, dass selbst die respektlose Bedienung bei fremden Riffs und Harmonien verziehen sei. Voller Überschwang präsentieren die vier Australier ein Bündel grandioser Songs, von denen man gar nicht genug bekommen kann. Von Hördurchgang zu Hördurchgang wandert der Lautstärkeregler ein Stückchen weiter nach rechts, bis man auf Rücksicht auf die Nachbarn zu den guten alten Kopfhörern greifen muss. Nein, hier haben wir es wahrlich mit keinem 0815-Werk zu tun, nach dessen Hörgenuss man zur Tagesordnung übergehen kann. Schon der Opener „Last chance“ rockt, als ob es kein Morgen geben würde. Nic Cester singt „This is your last chance honey” und der Hörer merkt sofort, dass dieses Album vielleicht die letzte Chance auf ein überragendes Werk in diesen Jahr ist. Im selben Stil und Tempo geht es die nächsten Stücke weiter. „Are you gonna be my girl“ und „Rollover D.J.“ fegen eine Bresche in die eingefahrenen Hörgewohnheiten des gemeinen Rockfans, dass es nur so staubt. Rücksicht haben Jet nicht nötig. Auch nicht auf Herrn Richards von den Rolling Stones, der das Gitarrenriff im Mittelteil von „Rollover D.J.“ sicher als das Seine wieder erkennen dürfte. Bei der mit Gitarren verschärften Pianoballade „Look what you’ve done“ lugt urplötzlich ein gewisser John Lennon ums Eck, bei dem auch Oasis ihre Harmonien klauen. Deshalb sind wohl die britischen Fachblätter so verrückt nach Jet. Denn was Englands ehemals größte Band schon lange nicht mehr zustande gebracht hat, schütteln Jet locker aus dem Ärmel.

„Get what you need“ ist ein grooviger und zudem rotziger Rocksong, dessen Riffwerk keinesfalls neu, aber trotzdem unheimlich erfrischend wirkt. „Radio song“ könnte ebenso als rockige BritPop-Variante durchgehen, wie „Get me outta here“ mit coolem Honky-Tonk-Piano in die beste Phase der Rolling Stones einsortiert werden kann. Doch wie cool ist das? „Move on“ kommt als verkappte Country-Ballade mit wunderschöner Slide-Guitar und dem Original-Intro aus der „Jack Daniel’s“-Werbung daher. Nichts wie ran ans Lagerfeuer, die Akustische in die Hand und dann den sentimentalen Männerchor geben. „Come around again“ ist einfach nur großartiges Songwriting, das alle großen Gefühle in einem Song bündelt. „Cold hard bitch” geht dagegen mit harten Angus-Young-Riffs und Nic Cesters dreckigen Brüllattacken in die Vollen und prügelt den Hörer endgültig den Kitt von der Brille. Der Song hat soviel Tempo, dass man einfach nicht ruhig sitzen bleiben kann. Jet donnern wie ein Schnellzug durch das Lied, dass selbst sie irgendwann die Notbremse ziehen müssen und in einen legeren Groove-Rocker mit hymnischem Refrain einschwenken („Lazy gun“). So geht das immer weiter und man weiß gar nicht wie einem geschieht.

Ich hatte schon lange nicht mehr so eine Freude, ein Album wie Jets „Get born“ zu rezensieren. Da sollte es schon erlaubt sein, ein wenig (oder auch mehr) in Euphorie zu schwelgen. Die Australier katapultieren sich aus dem Nichts in die Riege der zurzeit besten Rockbands unseres Planeten und setzen mit einem überwältigenden Meisterwerk dort an, wo ehemalige „The“-Band-Wunder bereits mit dem zweiten Album anfangen zu langweilen. Deshalb kann „Get born" eigentlich nur als Pflichtkauf bezeichnet werden.

Anspieltipps:

  • Move on
  • Lazy gun
  • Take it or leave
  • Come around again
  • Look what you’ve done
  • Are you gonna be my girl
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