The Darkness - Permission To Land - Cover
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The Darkness Permission To Land


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 38 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Ja, an diese Band muss man sich wirklich erst mal gewöhnen, denn schon jetzt spaltet das Quartett Presse und Hörer in zwei Lager.

Wie geil ist das denn? Vier Briten machen anno 2003 auf Glam-Rock und stürmen damit die UK-Charts. Jetzt ergreift die Retro-Rock-Welle also auch die 80er-Jahre, nachdem Jet und Kings Of Leon die 60er und 70er stilgerecht in Szene gesetzt haben. Und wie es sich gehört, ist auch hier wieder ein erweiterter Familienbetrieb am Werk, der unter dem Namen The Darkness so ziemlich jedes bekannte Gitarrenriff aus den 80ern für sich in Beschlag nimmt und in seinen Songs verwurstet. Na ja, lieber gut geklaut, als schlecht erfunden. Doch wenn das schon alles wäre. Ein Blick ins Booklet von „Permission to land“ verrät das ganze Ausmaß des Wahnsinns. Die Herren Justin Hawkins (Vocals, Gitarre, Piano), Dan Hawkins (Gitarre), Frankie Poullain (Bass) und Ed Graham (Drums) warten doch tatsächlich mit mega-peinlichen Spandexkostümen im Freddie-Mercury-Stil und dauergewelltem Robert-Plant-Gedächtnis-Langhaar-Look auf. Hallo, jemand zu Hause, McFly?

Ja, an diese Band muss man sich wirklich erst mal gewöhnen, denn schon jetzt spaltet das Quartett Presse und Hörer in zwei Lager. Zwischen Liebe und Hass scheint bei The Darkness kein Platz zu sein. Wer traut sich auch sonst, AC/DC-Riffs mit einer völlig abgedrehten Eunuchenstimme zu paaren?

Die Brüder Hawkins stammen aus dem ländlichen Suffolk Town und verbrachten schon früh ihre Zeit mit Musikmachen, insbesondere dem Traktieren ihrer E-Gitarren. Während des Studiums trafen sich Justin und Dan an den Wochenenden mit ihren Kumpeln Frankie Poullain und Ed Graham. Zusammen gründeten sie die Prog-Rockband Empire, die erfolglos vor sich hin vegetierte. Das Übel für den Misserfolg war aber schnell gefunden und der Sänger wurde gefeuert. Justin, Dan, Frankie und Ed beschließen alleine weiterzumachen, mit Justin als Sänger. Nach einer ewigen Ochsentour durch die Londoner Clubs erhalten The Darkness einen Vertrag beim Major-Label Atlantic und bringen im September ihr Debütalbum auf den Markt. Der Silberling verkauft sich wie geschnitten Brot, steht vier Wochen auf Platz 1 und kann inzwischen 800.000 Käufer auf der britischen Insel für sich verbuchen. Doch was macht diese Band so besonders? Was ist anders an The Darkness, als bei anderen Retro-Bands?

Zuerst ist da das stete Gefühl, es mit einer Party-, Cover- oder Comedy-Band zu tun zu haben, die es bewusst übertreibt, gewisse Trademarks herauszustellen. Da braten die Gitarren im Doppelpack, Pathos und Pomp überholen sich im Dauerlauf, werden einmal fiese Hardrock-Klänge und dann wieder hymnische Operettenrefrains angestimmt und doch passt alles irgendwie zusammen. So einen perfekt zusammengebauten, musikalischen Gemischtwarenladen hat man zuletzt bei Queen gehört, denen allerdings der jugendliche Überschwang von The Darkness zeitlebens abgegangen ist. Diese Band will unterhalten und macht sich keine Gedanken um etwaige Konformitäten zu 80er-Jahre Heroen wie Def Leppard, Queen, AC/DC, Van Halen, Kiss, Chicago oder Cheap Trick. Sie nimmt sich was sie will und formt aus den Versatzstücken aus 25 Jahren Musikgeschichte zehn Songs, bei denen einer verrückter ist als der andere. Klischee hin oder her, Glam-Rock und Haarspray-Metal waren eben so und deshalb dürfen The Darkness auf „Permission to land“ auch wie naive Kinder auf die Kacke hauen.

Songs wie „Black shuck“ oder „I belive in a thing called love“ sind dermaßen frech bei AC/DC und Konsorten geklaut, dass sich die Nackenhaare sträuben. Aber, hey, hier geht es um Rock ’N Roll und den zelebrieren die Jungs in Reinkultur. Dass Sänger Justin Hawkins dabei nicht mit der Reibeisenstimme eines Bon Scott singt, sondern glasklaren Falsett-Gesang an den Tag legt, who cares? Oder, um mit The Darkness zu sprechen: „That dog don’t give a fuuuuuuuck!“. Womit wir beim Thema wären. Song Nummer zwei, „Get your hands off my woman (motherfucker)“, zählt zu den großartigsten Rocksongs des Jahres und gehört trotz der derben Lyrics unbedingt ins Musikfernsehen. „Growing on me“ kredenzt ein paar wundervolle Gitarrenlicks, die heavy und doch eingängig sind, während „Love is only a feeling“ in Sachen Halb-Balladen einen Top-Platz in der Jahresendabrechnung belegt. Die Gitarren „singen“ messerscharf, die Chöre schweben engelsgleich und ab und an lugt gar eine akustische Lagerfeuerklampfe hervor. Dazu kommt eine Melodie aus der Feinkostabteilung des Rock ’N Roll. Ein Song, von dem man so schnell nicht genug bekommt. Ganz großes Kino meine Herren, ehrlich!

Gibt’s nicht gibt’s nicht. Also zu Boden, Ungläubiger, denn „Love on the rocks with no ice“ (welch ein Songname!) krallt sich nämlich ein paar Nu-Rock-Riffs und kombiniert diese mit einer Kiss-Melodie. Unfassbar, aber gut! „Stuck in a rut“ bedient sich bei Free’s „All right now“, macht aus dem schleppenden Original aber einen nervös stampfenden Rocksong. „Friday night“ ist ein weiterer, total cheasy klingender Pop-Rocksong, mit einem Gitarrensolo, das jeder sofort Brian May (Queen) zuordnen würde. Aber der hat auf „Permission to land“ ebenso wenig mitgespielt wie Angus Young (AC(DC). Deshalb, um sich davon zu überzeugen, sollte jeder The Darkness die Landeerlaubnis in seinem CD-Player erteilen. Hier wird der pure Wahnsinn aufgefahren, mit dem Vorläufer wie The Ark gnadenlos gescheitert sind. Wer in den 80er-Jahren aufgewachsen ist und sich gerne an die großen Rockbands dieser Dekade zurückerinnert, wird mit diesem Album seine helle Freude haben. Denn: The Darkness rocken, auch wenn sie mit den ganzen „The“-Bands da draußen rein gar nicht zu tun haben.

Anspieltipps:

  • Givin’ up
  • Black shuck
  • Love is only a feeling
  • I believe in a thing called love
  • Get your hands off my woman (motherfucker)
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