Rammstein - Reise, Reise - Cover
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Rammstein Reise, Reise


  • Label: Universal
  • Laufzeit: 48 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Volksmund wird Rock ’n Roll Musik gerne als subversiv, provokativ und gesellschaftsfeindlich dargestellt. Dass es in Deutschland allerdings nur noch ganz wenige Gruppen dieser Sorte gibt, hat der besagte Volksmund wohl noch nicht gemerkt. Die Ärzte sind seit ihrem Comeback zu braven Jungs mutiert. Die Toten Hosen waren auch schon mal aufbegehrender. Tja, und mit den Böhsen Onkelz hat das Land der gecasteten Superstars eine weitere Band mit reichlich Konfliktpotenzial verloren. Jetzt liegt es an den sechs Musikern von Rammstein, die Fahnen der rebellischen Rockmusik hochzuhalten, um die geneigten Hörer mit provokantem Material zu versorgen.

Zwar lassen sich die genannten Bands nur schwer vergleichen, aber sieht man einmal von der Musik ab, sind Parallelen zwischen Rammstein und den Onkelz nicht von der Hand zu weisen. So wurde den Onkelz lange Zeit rechtes Gedankengut vorgeworfen, was sie nur mühsam entkräften konnten. Aufgrund der latenten Zweideutigkeit ihrer Texte, gelang es den Onkelz allerdings nie, diesen Makel ganz loszuwerden. Bei Rammstein hat man dagegen das Gefühl, dass die Band ganz bewusst auf Provokation setzt, ja sogar zum Stilmittel erkoren hat. Neofaschistische Anspielungen, Gewaltverherrlichung und ein deutlicher Hang zum Sexismus gehören zum Grundrepertoire einer Rammstein-Platte. Die Band nimmt sich aber im Sinne der künstlerischen Freiheit dieselbe heraus und kommentiert solche Dinge nicht. Angefangen beim Gruppennamen (man erinnere sich an das Flugzeugunglück im pfälzischen Ramstein) und oftmals hart an der Geschmacksgrenze formulierten Texten („... ein Mensch brennt...“), über teutonischen Stechschritt-Metal und Video-Clips mit Leni-Riefenstahl-Ästhetik („Stripped“), bis hin zum amtlich gerollten R und einer Bühnenshow, die Alice Cooper und Marilyn Manson locker in die Tasche steckt - Rammstein haben seit fast zehn Jahren kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um aufzufallen. Parallelen zu den Böhsen Onkelz gibt es dagegen im Umgang mit dem Medien. Beide Bands reagieren mitunter ziemlich dünnhäutig auf kritische Berichterstattungen und machen selbst vor der Schließung von Fan-Seiten im Internet keinen Halt, wenn ihnen das Verhalten der Fans nicht in den Kram passt.

Doch das sind alles nur Nebenschauplätze. Hier soll es um das vierte Studioalbum von Till Lindemann (Vocals), Richard Z. Kruspe-Bernstein (Gitarre), Christoph Schneider (Drums), Christian Lorenz (Keyboards), Paul Landers (Gitarre) und Oliver Riedel (Bass) gehen, das wiederum von Jacob Hellner (Clawfinger) produziert wurde, der bereits die ersten drei Alben der Berliner betreute. Aufgenommen wurden die neuen Songs im spanischen Malaga, wobei es lediglich elf Tracks auf die „Reise, Reise“ betitelte CD geschafft haben. Der Rest wird wohl auf Single B-Seiten verbraten. Doch sei’s drum. Auf „Reise, Reise“ befinden sich auch so wieder vier bis fünf hochkarätige Songs, die sich nicht vor den Songs auf Hitalben wie „Herzeleid“ (1995) oder „Mutter“ (2002) verstecken müssen. Da wären zum Beispiel „Keine Lust“, das als knallharter Metal-Stampfer mit zweideutigem Textpassagen, die um das Thema Sex und Tod kreisen, daherkommt oder der Titeltrack „Reise, Reise“, der durch atmosphärisches Meeresrauschen eingeleitet wird. Die Gitarren rattern im Stakkatostil und begleiten ein Groove-Gerüst aus Bass und Schlagzeug, das fast so klingt, als würde der Ruder-Takt auf einer römischen Strafgaleere vorgegeben. Also nichts mit Seefahrerromantik. Rammstein zelebrieren die Thematik auf ihre ureigene Art. Düster, gewaltig, furchteinflössend.

„Mein Teil“, die erste Singleauskopplung mit dem Schockervideo, beschäftigt sich mit den Gräueltaten eines gewissen Armin M., der vor vier Jahren als Menschenfresser von Rotenburg bekannt wurde. Rammstein verpacken das blutrünstige Thema in ihre typische Marschmusik aus ultra-fetten Gitarrenriffs und wummernden Drums. „Dalai Lama“ ist ein schleppender Rocksong im Stechschritt-Rhythmus, in dem Till Lindemann seine ganze Boshaftigkeit in die Stimme legt. Auch schon Rammstein-typisch sind die liebreizenden Keyboardklänge, die dem textlichen Wahnsinn zur Vollendung verhelfen und total konträr zu den brettharten Gitarrensounds im Raum schweben. „Ohne dich“ und „Amour“ sind zwei Balladen in der Form, wie sie Rammstein interpretieren. Hymnisch, auf einem fetten Soundteppich aufbauend und drastisch in der Aussage. Der große Hit des Album scheint die zweite Singleauskopplung „Amerika“ zu werden. Das Stück ist offensichtlich für die große Rammstein-Anhängerschaft in den Staaten geschrieben und spart nicht an Kritik. Der Songs entwickelt sich schnell zu einer einprägsamen Hymne, die sehr hart mit den USA ins Gericht geht („We’re all living in Amerika. Coca-Cola, sometimes war... This is not a love song...“). Doch ob die Amerikaner diesen Zynismus bemerken werden? Die meisten wohl nicht.

Rammstein liefern mit ihrem vierten Studioalbum Standardkost auf hohem Niveau ab. Das mag im ersten Moment nicht sonderlich positiv klingen, trifft der Kern aber am ehesten. Zwar hat die Band ein paar Details geändert, aber das alte Sound- und Text-Konzept ist weiterhin mehr als deutlich zu erkennen. Zudem ist das Überraschungsmoment der ersten Platten nicht mehr vorhanden, sodass „Reise, Reise“ nichts weiter als eine routinierte Rockscheibe einer der erfolgreichsten Bands unseres Landes ist. Sollte man das den Herren von Rammstein verdenken? Wohl kaum! Denn wer ist schon so verrückt, ein Rezept zum Gelddrucken mutwillig über den Haufen zu werfen?

Anspieltipps:

  • Amerika
  • Mein Teil
  • Ohne dich
  • Keine Lust
  • Reise, Reise
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