The Offspring - Splinter - Cover
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The Offspring Splinter


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 32 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Das ursprünglich scherzhaft „Chinese democracy“ betitelte Werk verbindet inhaltlichen Tiefgang mit Humor ohne albern zu wirken.

Die amerikanische Rockband The Offspring hat sich in den letzten Jahren ein kleines Problem eingehandelt. Wegen ihrer witzigen Singleveröffentlichungen wird sie in der Öffentlichkeit und sogar von der eigenen Plattenfirma als Fun-Punk-Band angesehen. Dass dies nicht unbedingt ein Kompliment ist, stellt sich spätestens dann heraus, wenn man sich einmal vor Augen hält, welche Bands tatsächlich unter diesem Label geführt werden und außer Albernheiten nichts zu bieten haben. Von solchen Spaßvögeln sind Dexter Holland (Vocals, Gitarre), Noodles (Gitarre), Greg K. (Bass) und der neue Drummer Atom Willard (Ex-Rocket From the Crypt) aber meilenweit entfernt, haben sie doch neben den immer wieder eingestreuten Fun-Rocksongs auch ernsthafte Themen in ihrem Repertoire.

The Offspring gehörten in den 90er-Jahren zur Speerspitze des Punk-Revivals, das dafür sorgte, dass viele talentierte Punk-Bands aus dem Untergrund endlich von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurden und nach dem schleichenden Ende des Grunge weiterhin Rockmusik in den Charts vertreten war. Gruppen wie Green Day oder Bad Religion wechselten zu Major-Labels und verdienten zum ersten Mal so richtig Geld. Auch The Offspring sollten bald von diesem Hype profitieren, den sie zum Großteil selbst mit ausgelöst hatten. Ihr ´94er Independentalbum „Smash“ (Epitaph Records) warf eine Hitsingle nach der anderen ab und katapultierte die Band mit über elf Millionen verkauften Alben in den Rockhimmel. Den Geruch des Erfolgs in der Nase unterschriebt die Band wenig später einen Vertrag bei Columbia Records (Sony) und veröffentlichte im Februar 1997 „Ixnay on the hombre“. Mit mehr als drei Millionen verkaufter Tonträger kein schlechter Einstand. Im Vergleich zum Vorgänger aber ein Flop. Dies sollte sich mit dem Nachfolger schlagartig ändern.

1998 wird ein illegales MP3-File des Jux-Songs „Pretty fly (for a white guy)“ vom bevorstehenden Werk „Americana“ innerhalb von 2½ Monaten unfassbare 22 Millionen mal aus dem Internet heruntergeladen. Als das Album im November 1998 erscheint und der verrückte Videoclip zu „Pretty fly (for a white guy)“ auf allen Kanälen rotiert, begann ein Run auf die CD, der erst nach 10 Millionen verkauften Einheiten stoppte. The Offspring waren wieder die Megaseller der Branche, hatten aber fortan das Image einer Spaß-Kapelle. Fast schon traditionell wurden vom 2000er-Werk „Conspiracy of one“ wieder nur vier Millionen Stück abgesetzt und das trotz eines „Pretty fly“-Ripoff namens „Original prankster“. Nach drei Jahren erscheint nun das neue Werk „Splinter“, das ursprünglich schon für Februar diesen Jahres erwartet wurde. Doch Songwriter und Band-Boss Dexter Holland war mit den aufgenommenen Songs unzufrieden und legte ein paar Songwritingsessions nach.

Das ursprünglich scherzhaft „Chinese democracy“ betitelte Werk wurde zusammen mit Brendan O’Brien (Aerosmith, Pearl Jam, Papa Roach, Stone Temple Pilots) in den Southern Track Studios in Atlanta und den Henson Recording Studios in Los Angeles aufgenommen. Als Aushilfsschlagzeuger für den von Bord gegangenen Ron Welty sprang kein geringerer als „A Perfect Circle“-Drummer Josh Freese ein, der das Album auch gleich mit amtlichem Power-Drumming einleitet („Neocon“). Es folgt der vom Thema Selbstzerstörung handelnde High-Energy-Rocksong „The noose“, bei dem sich Drums und Bass ein High-Speed-Duell liefern. Dexter Holland singt mit seiner typischen, aufgeregt wirkenden Stimme und rückt schon nach wenigen Minuten die Fronten im Punk-Genre zurecht. Viel Zeit haben wir bei 32 Minuten Spielzeit auf „Splinter” nicht. Deshalb geht das dynamische „Long way home” ebenso temporeich ab und präsentiert sich als ebenso harter wie eingängiger Ohrwurm-Punksong.

„Hit that“, das hört man sofort, ist eine perfekte Singleauskopplung. Im gepflegten Mid-Tempo-Groove mit einem funky Keyboard-Riff von Ronnie King (2Pac, NoFX, Snoop Dogg, Pennywise) erzählt der Song die Geschichte einer Familie, die an mangelnder Loyalität und Unerheblichkeit zerbricht. „Race against myself“ nimmt noch mehr Tempo raus und kommt als schleppende Stadionrockhymne daher. Die Gitarren agieren mit akzentuiertem Riffing und wohl bedachten Harmoniewechseln. Cool! „(Can’t get my) Head around you“ zählt wieder zu den schnelleren Songs, wobei auf eine poppige Melodie nicht verzichtet werden muss. Im Schaffen einer Band wie The Offspring kommt der Titel aber nicht über den Status besseren Füllmaterials hinaus. „The worst hangover ever“ ist ein Beitrag für alle Ska- und Reggae-Freunde. Der Bass groovt amtlich, die Bläser geben alles und die Drums scheppern schön blechern. Dazu beschwört Dexter Holland wenig glaubhaft „It hurts so band that I never gonna drink again“. Tolle Säuferhymne ohne albern zu wirken, so was geht auch.

„Never gonna find me“ ist einer dieser hyper-schnellen Punk-Rock-Kracher, bei der sich jede Speed-Metal-Kapelle noch was abschauen kann. Die Band brettert wie vom Affen gebissen durch den Song, um auf Teufel komm raus unter der 3-Minuten-Marke zu bleiben. Durch Hubschraubergeräusche wird ein fließender Übergang zum schnellen Groove-Rocker „Lightning Rod“ eingeläutet, das aber auch nicht über den Status „Durchschnitt“ hinauskommt. Aber nur zwei mäßige von insgesamt zwölf Songs ist eine herausragende Quote, nach der sich andere Bands die Finger schlecken würden. Als vorletztes Stück wird der Punk-Trash-Song „Da hui“ dargeboten, der als Tribut an die gleichnamige Surfer-Community von Oahu, Hawaii geschrieben wurde (Slogan: „Don’t fuck with ’Da hui’“. Bisherige Geschwindigkeitsrekorde werden pulverisiert, was mit einer Länge knapp über einer Minute gleichbedeutend ist. Das Schlussstück „When you’re in prison” ist eine kleine Überraschung, die Dexter Holland als 30er-Jahre-Crooner mit Falsettgesang präsentiert. Ein schöner Ausklang zum Verschnaufen.

The Offspring verbinden auf „Splinter“ inhaltlichen Tiefgang mit Humor ohne albern zu wirken und liefern damit eines der besten Rock-Alben des Jahres ab. Die kurze Spielzeit macht sich dabei sehr angenehm bemerkbar, da das Album dadurch nie langweilig wird und streckenweise wie ein Tornado an einem vorbei knattert. „Splinter“ ist wie ein rechter Haken gegen alle Speudo-Punk-Bands, bei den nur die Tattoos nach Punk-Rock ausschauen. The Offspring spielen auf wie eine junge, wilde Band und nicht wie Rock-Millionäre, die nach 32 Millionen verkauften CDs schon längst im Ruhestand sein müssten. Schön, dass es so was noch gibt!

Anspieltipps:

  • Hit that
  • The noose
  • Race against myself
  • Spare me the details
  • The worst hangover ever
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