Britney Spears - In The Zone - Cover
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Britney Spears In The Zone


  • Label: Jive/BMG
  • Laufzeit: 55 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ab jetzt regieren neue Töne bei der 22-Jährigen!

Schon häufig ist es in der Geschichte der Popmusik vorgekommen, dass Künstler eine in Lichtgeschwindigkeit erklommene Karriereleiter in ebenso rasantem Tempo wieder nach unten gefallen sind. Doch es hat wohl noch nie ein Star in so kurzer Zeit geschafft, sein mühsam, von PR-Beratern, aufgebautes Saubermannimage zu zerstören, wie Britney Spears. Die 22-jährige „Jungfrau vom Dienst“, aus einem idyllischen Nest im US-Bundesstaat Mississippi, hat innerhalb weniger Monate eine Metamorphose vom keuschen Teen-Popstar zum verruchten „Sex, Drugs & Rock ’N Roll“-Lifestyle vollzogen, die ihre Glaubwürdigkeit bei Fans und Presse binnen Minuten pulverisierte.

Nach zweijähriger Plattenpause, eine kleine Ewigkeit im schnelllebigen Popbusiness, versucht Britney Spears nun den Anschluss wieder zu finden. Mit „In the zone“ veröffentlicht sie im November ihr viertes Album, für das schon seit Spätsommer 2003 eine ausgeklügelte Marketingkampagne in allen Medien stattfindet. Gemäß ihrem neuen Image prasseln im Wochentakt neue Skandälchen auf die Öffentlichkeit ein, die vor keiner Peinlichkeit Halt machen. Ob lesbische Knutschattacken mit Madonna und Halle Berry, eine angebliche Affäre mit einem Ehemann und werdenden Vater, dem Tänzer Columbus Short, freizügige Nacktbilder für das Esquire-Magazin, einem tränenreichen Zusammenbruch vor laufenden Kameras in der Diane Sawyer Show oder Live-Auftritte im Domina-Kostüm, Frau Spears versucht zurzeit alles, um das erlahmte Interesse an ihrer Person wieder zu erwecken.

Natürlich haben wir es nicht mehr mit dem unschuldigen Teenager zu tun, der in knapper Schuluniform „(Hit me) Baby one more time“ trällert, sondern mit einer halbwegs erwachsenen Frau, die ihren Weg im Popbusiness neu finden muss. Sicher keine leichte Aufgabe, nach über 50 Millionen verkauften CDs und einem festgefahrenen Meinungsbild in der Öffentlichkeit. Deshalb kann der Weg, raus aus dem Sumpf, nur über die Musik gehen. Denn nur wenn sie auch weiterhin in der Lage ist, Hit-Singles abzuliefern – um nichts anderes geht es in der Teen-Popmusik – wird sie ernst genommen und respektiert werden. Anderenfalls dürfte ihre Karriere schneller vorbei sein, als sie sich jemals hat träumen lassen.

Damit der Masterplan nicht schief geht, hat sich Britney Unterstützung von R. Kelly, Moby, Sean „P. Diddy“ Combs und Madonna geholt, die an jeweils einem Track mitgearbeitet haben. Zusammen mit ihrem Songwriterteam wurden so 13 Songs eingespielt, die nichts mehr mit dem kindlichen Pop der ersten beiden Alben zu tun haben. Konsequent wurden die Ansätze des Vorgängers „Britney“ („I’m a slave for you“) aufgenommen und auf die nächste Stufe gebracht. Auf „In the zone“ dominieren HipHop-Tracks („(I got that) boom boom“), Club-Sounds („The answer“), Dance-Pop („Breathe on me”) und R&B-Music („Showdown”). Da breaken schon mal die Beats, wie bei der ersten Singleauskopplung „Me against the music“, einem Duett mit Madonna. Der Song orientiert sich deutlich an den letzten, futuristischen Outputs der Großmeisterin der Popmusik. Samples werden verbraten, die Stimmen verfremdet und die Melodie schlägt den einen oder anderen Haken. Keine schlechte Wahl für einen Eröffnungssong. Da weiß der Hörer gleich, was ihn in der nächsten Stunde erwartet.

„(I got that) boom boom” kommt als fetter HipHopper mit wummernder Bassdrum, eingestreuten Banjo-Riffs (!) und den Ja-Rule-artigen Raps der Ying Yang Twins daher. So schwarz klang Frau Spears noch nie. „Showdown“ ist eine entschärfte R&B-Nummer, wogegen „Breathe on me“ und „Early mornin'“ in die Vollen gehen und dem erotischen Dance-Pop einer Kylie Minogue Konkurrenz machen. Allein die Mischung aus Rhythmus und Gesang ist nicht jugendfrei. Doch was bietet „In the zone“ sonst noch? „Toxic“ ist eine schlichte Dance-Nummer, die einfach nur überflüssig ist. „Outreagous“ ist ein melodienloser Club-Groover mit dem Anspruch einer super-modernen Produktion. Richtig überzeugen kann das Stück aber nicht. „Touch of my hand“ ist eine konstruierte Skandalnummer, die den geneigten Hörer über gewisse Freizeitaktivitäten der Pop-Prinzessin aufklärt. In geheimnisvolle Synthie-Klänge gehüllt, gibt Britney mit kieksender Stimme ihre Selbstbefriedigungsgelüste preis. „The hook up“ ist ein tanzbarer Popsong mit orientalischen Einflüssen, der stark an „Baby boy” von Beyoncé erinnert. „Brave new girl“ ist ein fröhlicher Dancefloorfiller, bei dem sich Britney in den Bereich des Sprechgesangs vortastet. Das klingt gar nicht schlecht und hat durchaus einen gewissen Charme. „Everytime“ und „Shadow“ sind die einzigen richtigen Balladen auf dem Album. „Everytime“ ist ein hymnischer Song mit Piano- und Streichereinsatz, wogegen „Shadow“ im Bombast-Revier von Celine Dion wildert und als letztes Überbleibsel von Britneys Vergangenheit als Teen-Popstar anzusehen ist.

Ab jetzt regieren neue Töne bei der 22-Jährigen, auch wenn diese künstlerisch nicht immer auf allerhöchstem Niveau stehen bzw. teilweise etwas überambitioniert rüberkommen. Trotzdem ist „In the zone“ der große, musikalische Neuanfang, der sich vom kleisterartigen Mainstreamsound der vergangenen Jahre entfernt hat. Jetzt schon vom großen Befreiungsschlag zu reden mag etwas früh sein. Aber mit diesem Album hat Britney Spears erst mal die Kurve bekommen, was ihr die künstlerische Daseinsberechtigung für die nächsten Jahre sichert.

Anspieltipps:

  • Shadow
  • Early mornin'
  • Breathe on me
  • Brave new girl
  • Me against the music
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